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Stadtleben

Ohne Lutherkitsch

Der Thüringer Hof ist wieder eine empfehlenswerte Adresse

  Ohne Lutherkitsch | Der Thüringer Hof ist wieder eine empfehlenswerte Adresse  Foto: Marcus Korzer

»Da haben Sie Glück, dass Sie noch einen Platz finden.« – Der freundliche Kellner weist dem Gast einen Platz zu, zündet die Kerze an, empfiehlt ein Bier. »Das Zwickel ist wirklich mein Lieblingsbier.« Glück hat ganz Leipzig. Denn in den Thüringer Hof ist nicht nur wieder Leben eingezogen. Das Traditionshaus in der Burgstraße tischt kulinarisch überzeugend auf.

Schon die Vorgängergebäude wurden gastronomisch genutzt. Auf eine Studentenburse von 1466 folgte ein Gasthof mit Pferdeausspanne. Den betrieb ein Freund Luthers, weshalb sich das Haus damit schmückt, der Reformator persönlich habe hier gespeist. Klöße, wie immer wieder behauptet, können es nicht gewesen sein, denn die Kartoffel war zu der Zeit in Europa noch nicht als Nahrungsmittel bekannt. Hört man sich unter Menschen in der Region um, dann haben viele etwas übers Gasthaus zu erzählen. Nicht immer Gutes. Von vermiesten Jugendweihen und verpatzten Familienfeiern ist zu erfahren. Das Essen sei auf Touristen ausgelegt gewesen, die sowieso nur einmal kämen. Die letzte Kritik der Küche, die 2012 im kreuzer erschien, war deutlich: »Geschmacklich lau erscheint auch die ›Lutherspeise‹ Eisbein auf Sauerkraut und Klößen. Letztere haben als feste billardkugelgroße Bälle keine Ähnlichkeit mit den Thüringer Originalen. Dank der verschwenderischen Menge an Senf und Meerrettich kommt dem zerkochten Fleisch und Kraut noch Geschmack zu.«

Diese Zeiten sind nun vorbei. Ende April öffnete das große Holztor unterm Sandsteinbogen wieder, ohne großes Brimborium wurde ein Traditionsort wieder lebendig, während dafür ein anderer schloss. Denn der neue Wirt im Thüringer Hof ist Thomas Leiding, der das 125 Jahre alte Forsthaus Raschwitz in Markkleeberg geführt hat – und zuvor schon dessen Küchenchef war. Dort zog Leiding im Dezember 2025 die Reißleine, nachdem die zigste Mieterhöhung drohte. Während das Forsthaus noch immer für 9.000 Euro Monatsmiete auf Immobilienportalen angeboten wird, eröffnete der Wirt samt Team in der Leipziger Innenstadt. Und kann sich vor Zuspruch kaum retten.

»Wir haben viel zu tun«, erklärt der Kellner. »Unsere alten Stammgäste vom Forsthaus gucken nach dem Rechten, die des Thüringer Hofs auch.« Zudem kommt Laufkundschaft ins Restaurant mit A-Lage. Dass das aufmerksame Personal darauf eingestellt ist, alle Abläufe schnell, aber nicht überhastet zu bewältigen, merkt man sofort. Sie sind Profis in Sachen Gastlichkeit.

Getränketechnisch gibt es alles, was in einem gutbürgerlichen Lokal zu erwarten ist. Die Küche ist vom früheren Thüringenfokus abgerückt. Zander, Schnitzel, Wildschweinrücken und Mutzbraten stehen etwa auf der Karte, Ragout fin vom Kalb, Rote-Bete-Carpaccio und Gnocchi mit Basilikumpesto ebenso, natürlich saisonal auch Spargel. Mit dem empfohlenen Zwickel-Kellerbier (der halbe Liter für 5,40 Euro) aus Bayreuth auf der Zunge – hopfig-frisch, leicht karamellig – geht der Blick ins Rund. Reduziertes Mobiliar lässt das gemütliche Gewölbe zur Geltung kommen. Die Tische stehen in angemessenem Abstand voneinander, der Raum ist groß, die Atmosphäre aber angenehm und fern von der eines Wartesaals. Dunkles Fischgrätparkett erinnert an vergangene Geselligkeitsjahrzehnte. Alte Tischgestelle wurden mit neuen, helleren Platten ausgebessert, Holzbänke säumen die Wände. Mit gleichem Material sind die geweißelten Pfeiler umkleidet, die sich zur hohen Gewölbedecke hin öffnen. Einige historische Ansichten und Pflanzen sind verteilt, ohne die Raumwirkung in warmem Licht zu stören.

»Vorsicht, sehr heiß!« – Mit feinen Spargelstücken und Schnittlauch satt lockt das Cremesüppchen. Frische, Schärfe und Buttrigkeit fügen sich angenehm zu einem Weißweinhauch, lediglich die Konsistenz ist ein wenig dünn. An fruchtigen Preiselbeeren wird der über Nacht geschmorte Hirschsauerbraten gereicht. Das Rotkraut schmeckt nicht zu eindimensional säuerlich, die etwas zu festen Klöße zählen zum Mittelmaß. Drin stecken angeröstete Semmelbrösel, außen sind sie mit Butterbröseln überzogen. Der schmackhafte Hirsch ist schön zart und weichfasrig. Rucola und Radicchio als Beilagensalat setzen einen modernen Akzent. Die abschließenden heißen Marillenknödel sind beinahe schlotzig, die Konfitürefüllung ist nicht zu süß, Butterbrösel besorgen hier einen überraschenden Effekt in der Textur. Kurzum: Der Thüringer Hof ist wieder zur empfehlenswerten Adresse geworden. TOBIAS PRÜWER

> Thüringer Hof, Burgstr. 19, 04109 (Zentrum), Tel. 03 41/3 58 84 15, Mo, Mi/Do 16–22, Fr/Sa 12–22, So 11.30–17 Uhr, Hauptgerichte: 15,90–24,90 €


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