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Die Runde Ecke in der Kritik

Stasi-Sammelsurium: Nur der Geruch wirkt noch wie in der DDR

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Mit Texten beklebte, braune Wellpappeflächen dienen als Schautafeln, Zusammenhänge werden nicht erklärt, die Sprüche auf Transparenten wirken wie nachgeahmt. kreuzer-Redakteur Tobias Prüwer findet so Einiges an der Ausstellung in der Runden Ecke sehr bedenklich.

»Hier haben sich ABM-Kräfte vergangener Zeiten aber tüchtig nützlich gemacht.« Der Gedanke schießt beim Eintritt in die Runde Ecke durchs Hirn. Seit 29 Jahren steht die ständige Ausstellung »Stasi. Macht und Banalität« im 1911–13 als Feuerversicherung errichteten Bau, der zu DDR-Zeiten als Zentrale der Staatssicherheit im Bezirk Leipzig diente. Im Dezember 1989 waren hier im An- und Neubau circa 2.400 Hauptamtliche tätig – die Zahl der Inoffiziellen Mitarbeiter betrug etwa 10.000.

»Krumme Ecke Schreckenshaus! Wann wird ein Museum draus?«, stand auf einem Transparent der Montagsdemos. Die Losung wurde schnell realisiert und man kann besagtes Stück Stoff in der Ausstellung an prominenter Stelle bestaunen. Der Eindruck hemdsärmliger Marke Eigenbau verfliegt auch beim Rundgang nicht – er wird intensiver. Mit Texten beklebte und mit Überschriften von Hand versehene braune Wellpappeflächen dienen als Schautafeln, in vergilbten Vitrinen stapeln sich viele der rund 40.000 Objekte, welche die Runde Ecke beherbergt. Davon sind zwischen Spionage-Equipment und Mega-Aktenvernichter, Tarn- und Schminkstube und Fälscherwerkzeug viele hochinteressant – allein, die Zusammenhänge fehlen. Da verschafft der Audioguide manchmal Abhilfe, aber auch er macht nicht plausibel, was Breitensport und ein dokumentierter Fluchtversuch in Berlin mit der Leipziger Stasi-Zentrale zu tun haben.

Die Sonderschau im Ex-Stasi-Kinosaal zieht bruchlos eine Linie vom beginnenden Bürgerbegehren bis zur Deutschen Einheit. Die Vielstimmigkeit der Menschen damals wird eingedampft, als ob alle nur das Ziel Westgeld und Gesamtdeutschland anvisiert hätten. Die Sprüche auf den Transparenten wirken zum Teil nachgemalt – was der Zerstörung der historischen Artefakte gleichkommt. Und in dieser Hinsicht ist einiges an der Schau bedenklich. Eine nachgebaute Zelle wird als »Zeitdokument« bezeichnet. Dass der Altbau am Dittrichring nur noch als Postkontrolle und Bildstelle genutzt wird, erfährt man am »authentischen Ort« nicht. Dabei hat ihn Tobias Hollitzer selbst einmal als »Nebengebäude mit unwesentlichen Funktionen weitestgehend« bezeichnet. Was bleibt, ist der Geruch, der noch wie DDR wirkt. Aber die Räume sind derart mit Stellwänden zugestellt, dass man sie gar nicht richtig wahrnehmen kann. Da die jeweilige Funktion nicht erklärt wird, ist auch nicht offensichtlich, was der Erkenntnismehrwert des »Authentischen« sein soll.

Die Ausstellung genügt in keiner Weise wissenschaftlichen Ansprüchen im 21. Jahrhundert, sondern dokumentiert nur die damalige Sicht der Zeitzeugen.
Außerdem ist in ergänzten Teilen die Weiterschreibung ihrer Sicht auf die Geschichte und ihrer eigenen Geschichte erkennbar. Weil nicht Historiker und Didakten, sondern Betroffene und Involvierte die Gestaltung übernahmen, dominiert die Opferperspektive und damit ein antikommunistischer Ton. Das steht im klaren Gegensatz zum Leitbild der Runden Ecke: »Das Fachmuseum stützt sich dabei auf aktuelle Ergebnisse der zeitgeschichtlichen Forschung.«

Davon ist in der Ausstellung selbst nichts zu finden. Die Ereignisse, die zur Wende führten, werden alleinig als Ergebnis von Montagsdemonstrationen und Stasi-Besetzung erklärt: Alle Impulse gingen demnach von Leipzig aus. Von der Bedeutung der evangelischen Kirche und westdeutschen Einflüssen keine Spur. Auch von existierenden Spannungen ist nichts zu hören, die Ausreisewelle wird einfach eingereiht: Zwischen den Oppositionellen, die bleiben und etwas verändern wollten, und Menschen, die ohne Hoffnung nur noch ans Wegkommen dachten, spaltete sich die Gesellschaft. Dafür werden die Montagsdemonstrationen zu einer Art »Volksbewegung« stilisiert und dann glorifiziert. Aber Revolutionen werden niemals vom gesamten Volk getragen, weshalb sich die Oppositionsbewegung 1989 auch gegen eine passiv-schweigende oder gar der DDR zustimmende Mehrheit richtete, ebenso wie gegen das SED-Regime.

Diese Ausrichtung – sie spiegelt sich in der abwertenden Sprache wider – wirkt sich daher ärgerlicher aus als der Sammelsuriumscharakter. Etwa wenn die Stasi als ein sich ausbreitender, Volk und Land in seinen Fängen umspannender Krake dargestellt wird. So wie die Nazis einst als Aliens über den deutschen Michel kamen, aber kein Deutscher Nazi war? Der IM-Aspekt jedenfalls wird marginal thematisiert. Das ist das Grundproblem: Die Haltung hinter dieser Ausstellung ist eben nicht um historische Bildung bemüht. Aus allen Ritzen dringt eine hohl klingende Anklage. Wenn sich zwischen Kunstohren und falschen Bärten aus Westpaketen entwendete Kassetten von Heino und den Oberkrainer Musikanten stapeln, mit denen die Stasi ihre Telefonmitschnitte bewerkstelligte, wirkt die eigentlich mächtige Stasi furchtbar banal.

Man verteidigt die Stasi keinesfalls, wenn man eine Einordnung in die Geschichte des Kalten Krieges vermisst. Und der direkte Bogen sich sozialistisch nennender Gewalt von Marx zu Mielke scheint überspannt – und zeichnet ein krudes Geschichtsbild. Entfernt ist immerhin ein Foto, das viele Jahre das Selbstverständnis der Runden Ecke dokumentierte. Es zeigt, wie sich das Bürgerkomitee 2001 anlässlich eines Naziaufmarschs und der Gegenproteste mit einem Transparent gegen »Extremismus von Rechts und Links« positioniert.

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