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Mangelware

Ausbildungsmarkt: Einige Branchen haben gar keine Bewerber, andere sind überlaufen

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Der Ausbildungsmarkt ist leergefegt – zumindest teilweise. Ein pauschales Urteil darüber, wie die Arbeitsmarktsituation für angehende Auszubildende in Deutschland aussieht, lässt sich nämlich nicht fällen. Klar ist: In keinem Kreis kommen durchschnittlich mehr als drei Ausbildungssuchende auf eine offene Stelle. In Sachsen sind es noch weniger. Das ergaben Recherchen in einer gemeinsamen Kooperation von CORRECTIV und dem kreuzer.

In weniger als zwei Wochen beginnen tausende junge Menschen ihre Ausbildung. Für die meisten von ihnen sind es die ersten Schritte im Arbeitsleben. Doch viele werden schon vor Beginn ihrer Ausbildung mit teilweise unüberwindbaren Hürden konfrontiert. Während viele Unternehmen Probleme haben, ausreichend Auszubildende zu finden, sind einige Branchen extrem überlaufen. Das Recherchenetzwerk Correctiv hat auf Grundlage von Daten der Bundesagentur für Arbeit für das Jahr 2018 aufgeschlüsselt und visualisiert, wie die Lage auf dem Ausbildungsmarkt in Leipzig aussieht.

Problemzone Stadt

Zunächst fällt auf: Junge Menschen interessieren sich wenig für die Branchen, die Stellen anbieten. Im Stadtgebiet Leipzig gab es 2018 beispielsweise offene Stellen in der Kunststoff- und Kautschukherstellung und -verarbeitung (9), in der IT-Systemanalyse sowie im IT-Vertrieb (7), in der Verlags- und Medienwirtschaft (5) und in der Bauplanung und -überwachung. Für jede dieser Branchen gab es jedoch kein einziges Gesuch. Ähnlich sah es im Leipziger Umland aus. Während in der Papier- und Verpackungstechnik (5), im Verkauf von Lebensmitteln (20) und in der Metallbearbeitung (20) nach Auszubildenden gesucht wurde, bewarben sich in allen Branchen deutlich weniger Ausbildungssuchende als Stellen zu vergeben waren. Obwohl Leipzig wächst – vor allem mit vergleichsweise junger Wohnbevölkerung – besteht nicht nur im ländlichen Raum, sondern besonders in der Stadt ein Mangel an Ausbildungsanwärterinnen und -anwärtern.

Insgesamt ergab die Auswertung des Recherchenetzwerks Correctiv, dass im Leipziger Stadtgebiet im vergangenen Jahr 1,03 Ausbildungssuchende auf eine Stelle kamen, im Umland waren es 1,29.

Wo Bewerber leer ausgehen

Vollkommen gegensätzlich sah es 2018 in der Hauswirtschaft und Verbraucherberatung aus. Während sich 14 Menschen in der Branche bewarben, standen nur drei Stellen zur Verfügung. Genauso im Gartenbau, wo auf fünf offene Stellen 19 Bewerber fielen, in der Innenarchitektur und Raumausstattung, wo sich auf vier Stellen 12 Auszubildende bewarben, und in der Holzbearbeitung und -verarbeitung, wo 42 Bewerberinnen und Bewerber auf nur 16 Stellen kamen. Auch im Stadtgebiet ist dieses Missverhältnis sichtbar. Hier fielen 65 Bewerbende auf 18 Stellen in der Holzbearbeitung und -verarbeitung. Doch auch in der Textilverarbeitung (14 Gesuche auf drei Stellen), der Lebensmittel- und Genussmittelherstellung (30 Gesuche auf acht Stellen) und der Fototechnik und Fotografie (11 Gesuche auf drei Stellen) haben sich deutlich mehr Auszubildende beworben als es zu besetzende Stellen gab.

Verglichen mit den Zahlen aus den Jahren 2010 bis heute zeigt der Trend aber: Die Lücke zwischen Gesuchen und Stellen wird in Sachsen kleiner. Gab es 2010 noch 23.109 Ausbildungsanwärter und nur 20.765 Stellen, waren es 2014 bereits nur noch 22.096 Bewerbende auf 20.594 Stellen. 2018 fielen schließlich 22.331 Auszubildende auf 21.560 Stellen. Die beiden Kurven nähern sich also einander an.

Sarah Kempf vom Zentralverband des Deutschen Handwerks sieht die Ursachen für die Situation auf dem Ausbildungsmarkt vor allem in der steigenden Akademisierung der vergangenen Jahre: »Die gesellschaftliche Wertschätzung für eine berufliche Ausbildung und eine berufliche Tätigkeit im Handwerk ist gesunken.« Die Folge sei, dass sich Jugendliche, die gerne eine handwerkliche Ausbildung machen würden, häufig dagegen entscheiden. Gleichzeitig sei der Anteil von Abiturienten unter den Auszubildenden gestiegen. Habe er vor einigen Jahren noch bei sechs Prozent gelegen, liege er nun bei 13.

Diese Recherche ist Teil einer Kooperation des kreuzer mit CORRECTIV.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalpartnern umsetzt. CORRECTIV.Lokal ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV, das sich durch Spenden von Bürgern und Stiftungen finanziert. 

> Mehr unter correctiv.org

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