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»Nicht einmal Seife in den Waschräumen«

Corona-Verdacht in Flüchtlingsunterkunft: Bewohner beklagen mangelnde Prävention

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Keine Seife, keine Desinfektion, kein Sicherheitsabstand: Bewohner der Asylbewerberunterkunft Dölzig berichten von fragwürdigen Zuständen. Mittlerweile gibt es den ersten Corona-Verdachtsfall.

Der Spender für Desinfektionsmittel ist nicht mehr als ein leeres Gehäuse. Er wirkt wie eine bloße Attrappe. »Gibt es hier keine Desinfektion?«, fragt eine Stimme aus dem Hintergrund. Ein Mitarbeiter der Malteser erscheint im Bild. Auf die erneute Frage nach Desinfektion winkt er ab und verschwindet im Mitarbeiterbereich.

Es sind Szenen aus der Asylbewerberunterkunft Dölzig, die dem kreuzer als Video vorliegen. »Wir haben hier nicht einmal Seife. Es ist eigentlich nicht zu glauben, dass mitten in Europa solche Zustände herrschen«, sagt Mohsen Farzizadeh. Der Iraner war in seiner Heimat Lehrer und ist nun einer von rund 400 Bewohnern der Sammelunterkunft in der Nähe von Leipzig. Und er ist besorgt.

Nachrichten über die Covid19-Pandemie haben auch die Bewohner der Asylbewerberunterkunft erreicht. »Jeder hier hat Todesangst, aber wie sollen wir uns unter solchen Bedingungen schützen«, sagt Farzizadeh. Gerne würde er sich regelmäßig die Hände waschen, wie es derzeit vom Robert-Koch-Institut empfohlen wird, doch Seife gebe es in den Waschräumen seit Monaten nicht. Wenn er bei den Mitarbeitern nach Desinfektionsmittel frage, werde dort nur abgewunken.

Keine Desinfektionsspender – aus »Sicherheitsgründen«

Tatsächlich gibt es in den Sanitärräumen keine Desinfektionsspender, sagt ein Sprecher der verantwortlichen Landesdirektion Sachsen und erklärt dies mit »Sicherheitsgründen«. Man wolle »unsachgemäße Benutzung durch Kinder« verhindern. Die Unterkunft in Dölzig ist aufgeteilt in separate Gebäude für Frauen, Männer und Familien. Eine Nachfrage, warum in allen Waschräumen keine Desinfektion vorhanden ist, bleibt unbeantwortet. Stattdessen verweist die Behörde auf mobile Desinfektionsspender an ausgewählten Standorten. Dass diese selbst auf der Krankenstation leer sind, erklärt die Behörde damit, dass Bewohner sich, »wie die übrige Bevölkerung« einen Vorrat anlegten.

Nur ein leeres Gehäuse: Desinfektionsspender in der Flüchtlingsunterkunft Dölitz

Aus diesem Grund werde auch kein Toilettenpapier mehr in den Waschräumen zur Verfügung gestellt. Bewohner könnten bei Bedarf Toilettenpapier an der Rezeption erhalten. Wer sich die Hände mit Seife waschen will, müsse diese kaufen. »Im Objekt wird durch den Betreiber ein kleiner Verkaufskiosk betrieben«, schreibt die Landesdirektion. Die aktuelle Allgemeinverfügung mit ihren strikten Ausgangsbeschränkungen sei ausgehängt, ihre Kernpunkte zudem in mehrere Sprachen übersetzt worden.

Mohsen Farzizadeh hält diese Zustände für untragbar und hat sich in einem Brief an die Heimleitung gewandt. 71 weitere Bewohner haben ihn unterschrieben. Mittlerweile stehe an der Rezeption eine Flasche mit Desinfektionsmittel, berichtet Farzizadeh. Weitere Standorte kenne er jedoch nicht.

»Wie in einem überfüllten Restaurant«

Die hygienischen Bedingungen sind nicht das einzige, das den Bewohnern mit Blick auf die Gefahr durch das Coronavirus Sorge bereitet. Während weltweit appelliert wird, einen Mindestabstand von 1,50 Meter zu anderen Menschen einzuhalten, drängten sich in in Dölzig zuletzt noch alle Bewohner gleichzeitig bei der Essensausgabe im Speisesaal. »Wie in einem überfüllten Restaurant«, sagt Farzizadeh.

Seit dem 23. März erfolge die Essensausgabe und Essensverzehr nicht mehr an zentraler Stelle sondern wenn möglich in den Zimmern, sagt ein Sprecher der Landesdirektion. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits seit mehreren Tagen zahlreiche Geschäfte und Einrichtungen geschlossen und private Zusammenkünfte von mehr als 20 Personen verboten. In der Asylbewerberunterkunft kamen da noch immer mehrere hundert Menschen zeitgleich im Speisesaal zusammen.

Angespannte Lage: Erste Verdachtsfälle in Flüchtlingsunterkunft Dölzig

Seit Mittwochabend gibt es den ersten Corona-Verdachtsfall in der Unterkunft. Dies bestätigt auch die Landesdirektion Sachsen. Unter den Bewohnern herrsche nun große Anspannung, sagt Farzizadeh. Zeitweise sei die gesamte Einrichtung von der Polizei abgeriegelt worden, berichtet er. Mehrere Personen sollen unter Quarantäne gestellt worden sein. Gesundheitsamt und Heimleitung äußern sich nicht zu den Schilderungen und verweisen auf die Landesdirektion. Diese wiederum schweigt ebenfalls und sagt, für Auskünfte sei das Gesundheitsamt zuständig.

Am vergangenen Wochenende wurden zwei Bewohner einer Leipziger Geflüchtetenunterkunft positiv auf das Coronavirus getestet und Teile der Unterkunft abgeriegelt. Nach einem bestätigten Infektionsfall in einer Sammelunterkunft im thüringischen Suhl wurden dort mehr als 500 Bewohner präventiv unter Quarantäne gestellt. Die Stimmung drohte dort zwischenzeitlich zu kippen.

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3 Kommentare

  1. Norbert K. | 26. März 2020 | um 15:28 Uhr

    Zum Integrieren kann man wie üblich in den nächst gelegenen Supermarkt gehen und Seife organisieren. „Wer sich die Hände mit Seife waschen will, müsse diese kaufen. »Im Objekt wird durch den Betreiber ein kleiner Verkaufskiosk betrieben«“_____Richtig so!
    Es fehlen dieser Tage über Seife hinaus noch andere Mittel bei der gesamten Bevölkerung, die Erwartung eines Asylsuchenden hier alles zu 150% gestellt zu bekommen, ist absolut überhöht und der Zeit nicht angemessen.
    Es braucht Aufklärung.
    Der Mindestabstand der Bewohner zur Essenausgabe ist auch eigene Verantwortung, die zumutbar ist!

    Einfach mal die Kirche im Dorf lassen. Und wenn Herr Mohsen Farzizadeh so fürsorglich ist, Unterschriftensammlungen helfen keinem. Aktiv werden und sich einbringen. Seife selbst kaufen! Oder klingelt es bei Ihnen täglich an der Tür und man fragt, ob Sie Seife, Desinfektionsmittel oder Schutzmaske brauchen?

    Integration und Selbstverantwortung beginnt schon in der Flüchtlingsunterkunft, Herr Farzizadeh.
    Herzlich Willkommen ;)

    Keine falschen Hoffnungen der All-inclusive-Ausstattung wecken, viel Glück beim Kaufen der Seife!

  2. Marlen | 1. April 2020 | um 23:59 Uhr

    Unfassbar… dass die zentrale Unterbringung von 400 Menschen immer problematisch aber v.a. zum aktuell notwendigen Infektionsschutz kontraproduktiv ist – geschenkt… dezentrale Unterbringung ist politisch offensichtlich nicht erwünscht.

    Was aber gar nicht geht, dass Produkte der Mindesthygiene nicht gestellt werden. Minimum Seife und Toilettendesi muss doch vorhanden sein. Es geht um den kollektiven Schutz – für die Menschen vor Ort, aber auch für Mitarbeiter und den Rest der Gesellschaft. Darauf zu hoffen, dass sich alle von den paar Kröten Taschengeld noch Seife kaufen, kann man doch vergessen…

    Und keine Desi wegen der Kinder? Echt jetzt? In jedem Krankenhaus gibt es Desi und ich kann mir nicht vorstellen, dass Kleinkinder in der Unterkunft alleine aufs Gemeinschaftsklo gehen. Das ist doch vorgeschoben.

    Hier hat der Betreiber auch eine Fürsorgepflicht gegenüber Bewohnern und Angestellten und sollte alles dafür tun, dass keine Krankheiten sinnlos weitergegeben werden.

    Infektionsschutz gilt für alle – also schafft gefälligst die Voraussetzungen dafür.

  3. Di | 2. April 2020 | um 21:33 Uhr

    Kurze Recherche erbrachte: ins benachbarte Nova Eventis dürfen die Bewohner nicht (anderes Bundesland + Residenzpflicht). Also von den 35€/ Woche (für alles) Überlandbus fahren (mind. 7€ hin u zurück) oder an einer Bundesstraße zu Fuß gehen zum „nächstgelegenen Supermarkt“. Selbst wenn man sich dem aussetzen würde, bliebe noch der viel zu dichte Kontakt untereinander und die mangelnde Kommunikation mit den Bewohnern über die Maßnahmen, die Unsicherheit, was morgen kommt, die Frage, ob sie mal eben in ihren Zimmern oder Heimen festgesetzt werden, wie woanders geschehen.

    All-inclusive ist der blanke Hohn für Leute in diesen Einrichtungen. Nächster Urlaub vielleicht mal in einer Erstaufnahmeeinrichtung?