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Die Polizei, Corona und die Jugendlichen an der Eisenbahnstraße in Leipzig

Als ein paar Jugendliche im Rabet trotz Verbot Fußball spielen, löst das einen Einsatz der Polizei aus

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Als die Polizeitransporter abends vor dem Rabet halten, rennen die Jugendlichen in den Park. Weg vom Sportplatz an der Eisenbahnstraße, wo sie gerade noch Fußball gespielt haben. Schließlich verbietet in Sachsen an diesem 15. April die Corona-Verordnung das Kicken.

Ein paar fußballspielende Jugendliche sind normalerweise kein Grund für einen Polizeieinsatz. Aber es sind besondere Zeiten und die Eisenbahnstraße ein besonderer Ort. Die Jugendlichen haben hier öfter mit der Polizei zu tun. Weil sie Migranten seien, sagen sie selbst. Weil die Eisenbahnstraße ein Kriminalitätsschwerpunkt ist, sagt die Polizei. Weil mehrere Zeugen den Einsatz beobachtet haben und es Videoaufnahmen gibt, lässt sich gut nachverfolgen, was in der Eisenbahnstraße passierte.

Die Polizisten verfolgen die weglaufenden Jugendlichen und bringen sie zu den Einsatzwagen. Im Hintergrund eines Videos kommentiert jemand: »Die übertreiben, Alter«. Darüber, wie sehr sie übertreiben, gibt es unterschiedliche Aussagen. Der 18-jährige Ahmed hat nach der Verfolgungsjagd ein blaues Auge. Ein Polizist habe ihn geschlagen, sagt er. Er sei hingefallen, sagt die Polizei.

Der 16-jährige P. erzählt dem kreuzer, ein Beamter habe ihm in einem unbeobachteten Moment eine »gewischt«, ins Gesicht. »Aber was willst du machen?«, fragt er – eine Anzeige hält er für aussichtslos. Für manche ist dieser Polizeieinsatz ein weiteres Beispiel für rassistische Polizeiarbeit und völlig unverhältnismäßig.

»Das war Racial Profiling, 100 Prozent«

So erzählt eine Zeugin, dass die Polizei nur eine Gruppe Menschen angesprochen hätte: »Es wurden explizit Personen of Color angesprochen.« Eine andere bestätigt ihre Beobachtung: »Das war Racial Profiling, 100 Prozent.« Racial Profiling meint den Verdacht auf Menschen wegen bestimmter Merkmale – in diesem Fall vermeintliche Migranten. Aggressiv brüllen die Polizisten migrantisch gelesene Jugendliche an, nehmen vereinzelt und scheinbar willkürlich Personen mit in die Maßnahme, wie Außenstehende später berichten.

Die Polizei sei ab 16 Uhr mehrfach im Rabet gewesen, sagt Polizeisprecher Olaf Hoppe. Auch weil Bedienstete des Ordnungsamts bedroht worden seien, als sie die Corona-Verordnung durchsetzen wollten. Es sei deshalb davon auszugehen, »dass sich bewusst über die Regelungen hinweggesetzt wurde«. Manche der Anwesenden vermuten, die Polizei wollte ein Exempel statuieren – auch wenn nach Aussagen der Jugendlichen nur zwei oder drei Personen gespielt hätten. Die anderen hätten nur zugeschaut.

Einem 15-Jährigen legte die Polizei Handschellen an

Mittlerweile ist es dunkel: Auf dem Parkplatz eines nahegelegenen Supermarkts stellt die Polizei die Identitäten der Beschuldigten fest. Drei Polizeitransporter schirmen die Maßnahme nach Außen ab. »Kessel« nennen das einige. In dem Kessel drängen sich Jugendliche und Polizisten im Scheinwerferlicht – nicht alle tragen einen Mundschutz.

»Ich habe keinen Ausweis, wie oft noch?«, ist einer aufgebracht zu hören. Der Junge habe gar kein Fußball gespielt, erzählen Anwesende. Sie erkennen ihn auf einem Video, das früher am Abend aufgenommen wurde: Der Junge ohne Ausweis steht am Wegesrand, während die Polizisten an ihm vorbeirennen. Erst später nehmen sie ihn doch mit. Dabei sei seine Jacke kaputt gegangen; mehrere hundert Euro sei sie wert gewesen.

Dass sich die Polizisten bei dem Einsatz nicht immer professionell verhalten haben könnten, zeigt auch eine andere Szene. Nach der Festnahme sagt ein Polizist zu einem 16-jährigen, wenn er nicht so dick wäre, hätte er schneller weglaufen können. Das bestätigen sowohl die Jugendlichen selbst als auch Außenstehende.

»Es gibt keine Polizeiarbeit, die ohne Profiling auskommt«

Der Sportplatz im Rabet. Foto: Yasemin Said

»Die fragen uns ja eh nur, weil wir schwarze Haare haben,« fasst ein Jugendlicher seine Erfahrungen mit der Polizei zusammen.»Kartoffeln« und »Die, mit den schwarzen Haaren«. Das sind die Kategorien, mit denen die Jugendlichen im Rabet arbeiten – weil sie wissen, dass sie anders behandelt werden. Im Leipziger Osten beschäftigt sich das Fotografen-Duo Unofficial Pictures mit Racial Profiling: In ihrem Magazin »Gefährlicher Gegenstand Eisenbahnstraße« versuchen sie Ungleichbehandlung festzuhalten. Immerhin verstößt Racial Profiling gegen das Grundgesetz.

Im Grunde sei Profiling klassische Verdachtsstrategie, so Marcel Schöne, Kriminologe an der Hochschule der Sächsischen Polizei. Er hat die Evaluation zur Waffenverbotszone in der Eisenbahnstraße entwickelt. »Es gibt keine Polizeiarbeit, die ohne Profiling auskommt.« Die Frage sei aber vielmehr, wie die Profile entstehen, an denen sich Polizeibeamte orientieren. Schöne sagt, das Problem beginne, »wenn die eigene Kontrollpraxis als Begründung für die zukünftige Kontrollpraxis vorgebracht wird«. Denn natürlich seien statistische Daten beeinflusst vom Kontrollverhalten der Polizei und des Ordnungsamts. Wenn migrantisch gelesene Personen, aufgrund ihres Verhaltens oder ihrer Erscheinung, der »Normalität« nicht entsprechen und als verdächtig eingestuft werden, werden sie auch häufiger kontrolliert. Und bei wem häufiger kontrolliert wird, bei dem findet sich auch häufiger etwas.

Eine weitere Rechtfertigung für willkürliche Kontrollen

Am Rabet zeigt sich die reale Dimension der polizeilichen Kontrollpraxis. Die Betroffenen fühlen sich nicht sicher, sondern schlecht behandelt: »Wenn die nur in ihren Autos sitzen und uns anschauen, dann provozieren sie uns doch. Warum provozieren die uns?« Das proaktive Auftreten der Polizei führt häufig nicht zu mehr Respekt, wie eine Befragung von männlichen, türkischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigt. Stattdessen sehen sie sich als »Ausländer« gelabelt und einem erhöhten Verfolgungsdruck ausgesetzt.

Immer noch gesperrt: Die Spielplätze im Rabet Foto: Yasemin Said

Die Leipziger Journalistin Nhi Le warnte früh, dass Ausgangsbeschränkungen dieses Problem verschärfen könnten. Für viele nicht-weiße Menschen bedeute die erhöhte Polizeipräsenz immer die Sorge, Opfer von Racial Profiling zu werden. Laut der Polizei hat sich die Präsenz in der Waffenverbotszone seit den ersten Corona-Verordnungen im März nicht verändert. Ausgangsbeschränkungen können aber als zusätzliche Rechtfertigung für willkürliche Kontrollen dienen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Jugendlichen auf der Eisenbahnstraße mit der Polizei zu tun haben. Und nicht mal das erste Mal in dieser Woche. Einem 15-Jährigen legten Polizisten Montag Handschellen an, erzählen die Jugendlichen ein paar Tage später dem kreuzer und zeigen Fotos davon. Weil »er nicht integriert sei«, hätten die Polizisten gesagt. Sie fühlen sich ungerecht behandelt: »Selbst wenn hier ein Festival mit 5.000 Leuten wäre, würden die trotzdem bei uns halten.«

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2 Kommentare

  1. Tom Braut | 6. Mai 2020 | um 05:55 Uhr

    Meine Güte!
    Ich bin zutiefst betroffen, dass sich Drogen oder Waffen bei Migranten erst finden, wenn sie immer wieder kontrolliert werden. Wahrscheinlich steckt die Polizei den Leuten das Zeug in die Tasche, um ausschließlich rassistisch motivierte Kontrollen vornehmen zu können. Wahrscheinlich stechen als Migranten verkleidete Polizisten auch echte Migranten mit dem Messer oder schießen am helllichten Tag auf sie?
    Ganz ehrlich, geht’s noch, KREUZER?
    Jeder, der ohne rosarote Brille durch das Gebiet ums Rabet fährt, kann sehen oder später in der Zeitung lesen, was dort abgeht.
    Ach und CORONA-Bestimmungen gelten auch bei Fußballspielen, egal wer grad auf dem Platz steht!