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»Im Alleinsein geübt«

Menschen mit psychischen Erkrankungen leiden anders unter der Corona-Krise. Woran das liegt und wie sich die Hilfe verändert hat

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Wer psychische Probleme hat, war in Leipzig gut aufgehoben – dank der zahlreichen Hilfsangebote. Doch die mussten ihre Angebote verändern. Der kreuzer hat zwei von ihnen besucht.

Willem van den Haak sitzt auf einem Stuhl auf der Terrasse, schaut vor sich hin und schweigt. Er sieht zufrieden und ruhig aus an diesem sonnigen Nachmittag. Der 70-Jährige mit dem grauen Vollbart, dem Wollpullover und einer lila Strickmütze ist heute in der Kontakt- und Beratungsstelle des Durchblick e.V. in Zentrum-West. »Ich habe alles einmal durch: Depressionen, Psychosen und Manien. Das ging bei mir mit 20 los.« Wie betrifft die Corona-Krise Menschen wie ihn? Bevor die Einschränkungen Leipzig erreicht haben, war er drei Tage pro Woche hier. Zunächst als Hilfesuchender, dann auch als Mitglied im Vereinsvorstand, der nur aus Menschen mit psychischen Erkrankungen besteht. Das ist eine Besonderheit an dem Verein, dessen hauptamtliche Mitarbeiter wiederum keine psychischen Vorerkrankungen haben.

Offenbar hat van den Haak keine Nachrichten verfolgt und von der Corona-Krise gar nichts gehört, bis er eines Tages wie immer in den Tagestreff kommt. »Das war erstmal ein Schock. Ich wurde von der einen auf die andere Sekunde beurlaubt und musste wieder nach Hause gehen. Da war ich sehr verzweifelt und habe mich allein gefühlt.« Doch er fängt sich, meditiert und findet eine Struktur im Alltag. Durch die Lockerungen ist es ihm nun wieder möglich, in den Verein zu kommen. Auch wenn sich van der Haak hier noch nicht in die Angebote einbringen kann, da diese vorübergehend eingestellt werden mussten.

Christina Stoppa ist die Geschäftsführerin des Vereins. Wie die anderen Mitarbeiter trägt auch sie bei ihrer Arbeit im Büro eine Maske. »Normalerweise haben wir hier jeden Tag 30 – 50 Leute im Haus. Nun ist der Kontakt nur telefonisch und auch nur bei einzelnen Klienten durch Hausbesuche möglich.« Stoppa ist sehr zufrieden mit dem Netz der freien Träger in Leipzig. Das habe vor allem am Anfang gut bei der Koordination geholfen.

Psychologe Thomas Seyde Foto: Milan Schnieder

Gutes Netzwerk der unterschiedlichen Träger

Dieses Lob gilt unter anderem Thomas Seyde. Der Psychologe leitet die Psychiatriekoordination im Gesundheitsamt der Stadt Leipzig und ist für die sieben freien und den städtischen Träger von psychiatrischen Hilfen zuständig, die sich täglich um 250 Betroffene kümmern. Es sei eine Herausforderung gewesen, die alle rechtzeitig zu informieren – nicht nur über die gesundheitlichen Schutzmaßnahmen sondern auch darüber, wie sich die Hilfsangebote jetzt ändern. »Früher war Psychiatrie in Einrichtungen organisiert, wo die Patienten auch gewohnt haben. Heute leben sie zu Hause, wenn sie es können. Vor allem die offenen Angebote wie z.B. den Durchblick kann man anonym aufsuchen. Die Einrichtungen kennen also oft nicht mehr als den Vornamen.«

Wie die Menschen mit psychischen Erkrankungen auf die Einschränkungen ihrer täglichen Hilfsangebote reagieren? Ganz unterschiedlich, erklärt der Experte. Die Betroffenheit sei nicht von einer Diagnose abhängig, doch Menschen mit Angststörungen hätten die größten Probleme. »Viele ziehen sich zurück. Wir haben zum Beispiel weniger Zwangseinweisungen als sonst. Doch die Isolation ist für viele schwierig. Vor allem für Menschen, die ohnehin schon unter Einsamkeit leiden.« Doch nicht für alle: »Es gibt auch Menschen, die das Alleinsein geübt sind. Das ist jetzt ein Vorteil. Außerdem haben die Ämter ihre Fristen ausgesetzt. Das nimmt vielen den Druck.«

Ampelsystem zeigt den Betreuungsbedarf

Für die freien Träger wurde es wichtig, den Betreuungsbedarf der unterschiedlichen Betroffenen einzuschätzen, die normalerweise täglich in die Einrichtungen kommen. Dazu hat »Das Boot gGmbH« aus der Südvorstadt einen wichtigen Beitrag geleistet. Sie betreibt eine Kontakt- und Beratungsstelle. Menschen denen es nicht gut geht, können einfach herkommen und sich ehrenamtlich einbringen, z.B. durch Mithilfe beim Kochen in der Teestube.

Kathrin Rauh bei der Arbeit Foto: Milan Schnieder

Hier haben die Mitarbeitenden ein Ampelsystem entwickelt, das auch andere Einrichtungen übernommen haben. Kathrin Rauh, Leiterin des offenen Bereichs erklärt, wie sie den Betreuungsbedarf der Menschen eingeschätzt hat: »Rot steht für die, bei denen wir täglich dranbleiben müssen, die auch persönlichen Kontakt brauchen. Das hilft ihnen, eine Struktur im Alltag zu finden. Gelb heißt, wir rufen ab und zu an und Grün steht für die, die erstmal ein- bis zwei Wochen zurecht kommen, aber jederzeit anrufen können.«

Die Mitarbeiter der Einrichtung hätten die verschiedensten Reaktionen auf die Kontaktbeschränkungen erlebt. Manche hätten berichtet: „Es gibt kein Corona.“ Andere seien in Bedrängnis gekommen, weil mühsam erarbeitete, haltgebende Strukturen weggefallen oder sich häusliche Probleme verschärft hätten. Es gibt auch die Rückmeldung, dass es durchaus entlastend sein kann, nicht rausgehen zu dürfen.

Weniger Suchtdruck dank geschlossener Biergärten

In einer der Werkstätten der Tageseinrichtung arbeitet Marcus. Der 44-Jährige ist groß und hat eine kräftige Statur. Wegen seiner Alkohol- und Cannabis-Sucht macht er gerade eine »Adaption«, also eine dreimonatige Therapie, die ihn aufs Berufsleben vorbereiten soll. Hier hat er Atemschutzmasken nähen gelernt und versucht sich gerade an einem kleinen Etui aus Stoff. Wegen Corona kann er nur noch drei statt fünf Tage in der Woche herkommen. Auch wenn ihm manchmal zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, konnte er der Krise bis zuletzt auch etwas positives abgewinnen: »Mein Suchtdruck ist geringer. Sonst denke ich im Frühling immer daran, dass gerade überall die Biergärten aufmachen.«

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