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Das Silberne muss ins Eckige

Heimkino Highlights

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Die Kinos sind zu und ihr habt Netflix schon durch? Wir haben ein paar aktuelle Empfehlungen aus dem DVD-Regal, die auch bequem vom Sofa aus als Video on Demand verfügbar sind.

A Boy Called Sailboat
Außergewöhnlich
USA 2018, R: Cameron Nugent,
D: J. K. Simmons, Keanu Wilson, Julian Atocani Sanchez, 92 min, Lighthouse Film

Einen seltsamen Namen trägt der Held des Films: Segelboot ist
etwa fünf Jahre alt und das einzige Kind eines Latino-Ehepaars, das in einem ziemlich schiefen Haus nahe einer Kleinstadt in New Mexico lebt. Eines Tages findet der Junge eine Ukulele und beginnt auf ihr zu musizieren. Er erfindet ein Lied, das wir Zuschauer uns jedes Mal, wenn es erklingt, selber vorstellen müssen, weil es im Film selbst nie zu hören ist. Mit dem Song will er seine Oma erfreuen, die schwer erkrankt in einer Klinik liegt. Auf wundersame Weise und ganz in der Tradition des magischen Realismus bewegt und verzückt der Song dann aber alle Menschen, die ihn vernehmen. Die Anekdoten über Segelboots Alltag und jene aus seinem Umfeld erstaunen und berühren gleichermaßen, allen voran die um den bisweilen auf brausenden, aber liebenden Vater und die stets köstliche Fleischbällchen zubereitende Mutter. Mit seinen entrückten Figuren, der Erzählperspektive aus Kinderaugen und warmen Kamerabildern ist dem Australier Cameron Nugent ein mit stillem Humor versehenes, poetisches und herzerwärmendes Regie- und Drehbuchdebüt geglückt, das es auf Bluray, DVD oder VoD zu entdecken gilt.

PETER HOCH

Vox Lux
Abwärtsspirale
USA 2018, R: Brady Corbet,
D: Natalie Portman, Jude Law, Stacy Martin, 114 min, Koch Films

Kryptisch, unheilschwanger und dunkel führt »Vox Lux« in die Geschichte. Ein Junge tritt vor die Musikklasse einer Highschool und erschießt offenbar wahllos Mitschüler und Lehrer. Die 13-jährige Celeste überlebt schwerverletzt. Beim Memorial singt sie einen Song gemeinsam mit ihrer Schwester am Klavier und wird über Nacht zum Star. Der Clip geht viral und eine große Plattenfirma bietet ihr einen Vertrag über ein Album an, das sie in den Pop-Olymp heben wird. 18 Jahre später hat das Leben im Rampenlicht deutliche Spuren hinterlassen. Celeste ist 31. Am Abend wird sie ein Konzert vor 30.000 Menschen geben. Doch davor muss sie die Scherben ihrer verlorenen Jugend aufsammeln und sich dem Trauma stellen, das sie nie wirklich verarbeitet hat, aber auch der Verantwortung ihrer eigenen Tochter gegenüber. Brady Corbet schafft einen albtraumhaften Gegenentwurf zur Musikschnulze »A Star is Born«. In drei Akten erzählt er von der Genesis eines Stars, dem Aufstieg und Zerfall und inszeniert seine Geschichte im Medientaumel der Millennials zwischen Konsum und Terrorakten. Dabei spart Corbet die Visualisierung der Popstarklischees bewusst aus. Stattdessen kann man sich berauschen an der Musik von Sia und Scott Walker, an der großartig choreografierten Bühnenperformance, Jude Law als manischem Manager und der hypnotischen Präsenz von Natalie Portman.

LARS TUNÇAY

Was gewesen wäre
Grenzübertritte
D 2019, R: Florian Koerner von Gustorf,
D: Christiane Paul, Mercedes Müller, Ronald Zehrfeld, 89 min, Lighthouse Entertainement,
ab 4.6. als VoD, ab 26.6. auf DVD

Astrid und Paul sind frisch verliebt und verbringen den ersten gemeinsamen Urlaub in Budapest. Mit der Stadt verbindet Astrid, die aus der ehemaligen DDR stammt, aufregende Jugenderinnerungen. Im Hotel laufen die beiden ausgerechnet Julius über den Weg, Astrids erster großer Liebe. In verschachtelten Rückblenden erzählt der Film im ersten Teil von dieser Jugendliebe und einer abenteuerlichen Flucht aus der DDR. Parallel dazu entfaltet der Film im Ungarn unserer Zeit ein spannendes Porträt über neue Grenzen, Ausgrenzungen und Grenzübertritte. Florian Koerner von Gustorfs Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Gregor Sander aus dem Jahr 2014, aus dem dieser nun selbst ein Drehbuch gefertigt hat. Der anfänglichen Liebesgeschichte fehlt ein bisschen der Pep, zudem kommt sie auf weite Strecken zu gewöhnlich und austauschbar daher. Aber spätestens mit dem Auftreten eines ungarischen Künstlerpaares, mit dem die derzeitige Lage in Ungarn einbezogen wird, erhält die Geschichte zusätzliche Substanz und Spannung. Darüber hinaus ist »Was gewesen wäre« auf beiden Zeitebenen mit exzellenten Darstellern besetzt, die überzeugend die Figuren in den unterschiedlichen Lebensabschnitten verkörpern und dabei eine glaubhafte Einheit bilden.

FRANK BRENNER

Wie ein Fremder
Scheitern als Chance
D 2020, Dok, R: Aljoscha Pause, 231 min, mindjazz pictures,
ab 5.6. auf Bluray und VoD

Rockstar werden! Das wollen viele, die anfangen, Musik zu machen. Und die Geschichten von denen, die es schaffen, berühmt und reich zu werden, werden oft erzählt und sind weltbekannt. Aber was ist eigentlich mit denen, die es nicht schaffen? Die Doku-Serie »Wie ein Fremder« begleitet den Musiker Roland Meyer de Voltaire, dem mit seiner Band Voltaire ein großer Erfolg vorausgesagt wurde. Ein fantastischer Musiker, ein großes Talent, da waren sich die Musikkritiker (kaum Kritikerinnen) einig. Doch nun kann Meyer de Voltaire die Miete seiner kleinen Kölner Wohnung nicht mehr zahlen. Stattdessen zieht er aus und wohnungslos nach Berlin. Ihm dabei zuzuschauen, wie er versucht, sich wieder hochzukämpfen und mit seinem neuen Projekt Schwarz Karriere zu machen, ist interessant, weil es viele Einblicke ins Musikbusiness gibt und zeigt, wie schwer es ist, dort erfolgreich zu sein. Dennoch ist die fünfteilige Serie von Aljoscha Pause etwas langatmig geraten, wenn man der Hauptfigur immer wieder beim Einkaufen oder Kochen zusieht, während die spannendsten Momente, in denen sich andere Musiker mit Meyer de Voltaire über ihre Zweifel und Krisen austauschen, zu kurz kommen. Am Ende ist es die Geschichte eines Musikers, der an sich glaubt – und vielleicht ist dieser Glaube das Wichtigste für Erfolg.

JULIANE STREICH

 

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