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Neustart

Die Kinostarts der Woche im Überblick

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… und was sonst so Filmisches in der Stadt passiert.

Die Kinos sind wieder geöffnet! Nachdem die Kinobar Prager Frühling den Vorstoß bereits im Juni wagte und der CineStar seit vergangener Woche wieder flimmert, ist seit Mittwoch auch die Cinémathèque wieder am Start und seit Donnerstag gibt es auch wieder tägliches Programm in den Passage Kinos und dem Regina Palast. Das Cineding folgt Ende Juli, die Schauburg öffnet erst im September zur Filmkunstmesse und die Schaubühne baut um und bietet derweil ein Programm im Felsenkeller. Wer den Weg in die Säle und die Hygieneauflagen aber scheut, für den ist das Open Air-Kino eine gute Alternative. Neben Parkbühne und Pittlerwerke flimmert die Kinobar auf der Feinkost, die Cinémathèque am Conne Island, das Luru in der Spinnerei und am 22.7. eröffnet das Sommerkino auf der Rennbahn Scheibenholz. Also, nutzt die Gelegenheit und freut euch auf »endlich wieder Kino auf der großen Leinwand«!


Film der Woche: Undine arbeitet als Historikerin in Berlin und informiert die Zugereisten über die Architektur der Metropole. Ihre Beziehung zu Johannes ist derweil in die Brüche gegangen, da er eine Neue hat. Undine stellt das vor unerwartete Probleme, denn der Sage nach muss sie Johannes töten. Doch dann taucht der Taucher Christoph in Undines Leben auf. Undine Geheimnis wird das Schicksal der beiden Männer in ihrem Leben nachhaltig beeinflussen. Christian Petzolds neuer Film spielt mit dem Mythischen und ist gleichzeitig eine Hommage an Berlin. Basierend auf dem gleichnamigen Märchen von Friedrich de la Motte Fouqué aus dem 19. Jahrhundert lässt Petzold seine Zuschauer lange im Unklaren. Sein Film lebt von den hervorragenden Darstellern, die oftmals ohne viele Dialoge Stimmungen und Emotionen transportieren. Paula Beer erhielt hierfür den Silbernen Bären der diesjährigen Berlinale.

»Undine«: ab 2.7., Passage Kinos

»Vandam« (Hynek Cermák) war einer von denen, die es losgetreten haben am 17. November 1989, als unten in der Prager Altstadt auf der Nationalstraße die „samtene Revolution“ ins Rollen kam, die einige Wochen später das kommunistische Regime wegfegte. Damals war er Polizist mittendrin, bevor er unehrenhaft aus dem Dienst entlassen wurde. Seine Saufkumpanen in der kleinen Kneipe inmitten der Trabantenstadt vor den Toren Prags feiern ihn trotzdem als Nationalheld und er lässt sich das gerne gefallen. Aber wenn ihm einer dumm kommt, wird ihm die Fresse poliert. Es braucht nicht viel, um den bulligen Typen zu reizen. »Frieden«, so sagt er, »ist nur die Pause zwischen zwei Kriegen.« In den leeren Momenten, wenn er alleine in der Plattenbauwohnung sitzt, sieht er seinen Vater auf dem Balkon stehen, die Bierflasche in der Hand und ins Nichts starrend. Sein einziger Lichtblick in der Leere ist die Barbesitzerin Lucy (Katerina Janecková), die er umgarnt, unsicher wie ein Teenager. Als ein Kredithai droht, ihre Kneipe zu schließen, setzt »Vandam« alles daran, dies zu verhindern – und lässt sich dabei von niemandem aufhalten. Der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš blickt mit seinem Roman »Nationalstraße« tief in die Psyche eines unangenehmen Zeitgenossen. Dieser »Vandam«, dessen Spitzname von seiner Liebe zum Actionklassiker »Bloodsport« herrührt, ist ein Schläger, ein Rassist, der nach eigener Aussage niemandem etwas zu Leide tut – solange er sich nicht mit ihm anlegt. Und doch gelingt es Rudiš, diesen Kerl menschlich darzustellen. Das liegt auch an der selbstsicheren Verkörperung von Hynek Cermák. Der Figurenkosmos kaputter Typen, der ein wenig an die Romane von Clemens Meyer erinnert, bleibt nachhaltig im Gedächtnis.

»Nationalstraße«: 7.7., Kinobar Prage rFrühling, 4.7., Autokino Pittlerwerke

Beats und Ballereien begleiten schon den rasanten Auftakt in dem sich die Kontrahenten eine PS-starke und bleihaltige Verfolgungsjagd liefern, untermalt von einer zeitgemäßen Coverversion von »You Spin Me Round«. »Dead Or Alive« ist auch das Stichwort für die folgenden 90 Minuten. In denen sehen wir, wie aus dem schluffigen Nerd Miles (Daniel Radcliffe) ein unfreiwilliger Superkiller wird. Als er sich Nachts beim Trollen im Internet mit den Falschen anlegt, findet er sich am verkaterten Morgen darauf mitten in „Skizm“ wieder, einem realen Spiel auf Leben und Tod. Er ist das Ziel der frisch ausgebrochenen Killerin Nix (Samara Weaving) und um den Spaß zu erhöhen, hat der kranke Kriminelle Riktor (Ned Dennehy) Pistolen an seine Hände geschraubt. Fortan stolpert Miles in Tigerschlappen, Bademantel und Unterhose um sein Leben und kann weder dem Wunsch der Polizei, die Waffen fallen zu lassen, nachkommen, noch sich seiner plötzlichen Berühmtheit erwehren, denn sein Überlebenskampf wird live gestreamt für ein Millionenpublikum. Wir befinden uns hier also in einer Art »Running Man 2.0«. Was Stephen King jedoch als Satire auf den Gameshow-Wahn der Achtziger angelegt hatte, wird hier zu einem überdrehten Kommentar auf Gamer-Klischees. Das satirische Potential verpufft ebenso wie die Provokation, weil Regisseur Jason Lei Howden den Zuschauer mit ultrabrutalen Kills und reichlich Effektgewitter zuschießt. Dass Howden zuvor als Special Effects-Designer für Big Budget-Produktionen wie »Avengers« und »Planet der Affen« tätig war, merkt man: Die Videospielästhetik von »Guns Akimbo« ist reizvoll inszeniert. Daniel Radcliffe gibt derweil alles und ist sich – wie schon in »Swiss Army Man« – für nichts zu schade. Leider lohnt sich der Einsatz am Ende ebensowenig wie die deutschen Produktionsmittel dieser hirn- und humorlosen B-Ware.

»Guns Akimbo«: ab 2.7., Regina Palast

Mit dem Ende seiner Karriere als Modezar der Haute Couture verwirklichte sich Jean Paul Gaultier einen Kindheitstraum. Der Paradiesvogel konzeptionierte eine Modenschau im altehrwürdigen Varietétheater Folies Bergère. Die Show an dem ungewöhnlichen Ort sollte keine normale Präsentation der Frühjahrkollektion werden. Vielmehr ist die Revue ein Streifzug durch das Leben des Designers und 50 Jahre Modegeschichte. Im Mittelpunkt des Dokumentarfilms steht die Inszenierung, der Blick hinter die Kulissen, die schrillen Kostüme und Effekte und die Konzeptionierung der Show. Die Vita streift er nur am Rande. Dennoch ein interessanter Einblick für Fans des Franzosen. latu

»Jean Paul Gaultier: Freak & Chic«: ab 2.7., Regina Palast

Schwankende Stromversorgung, Gas zum Kochen ist nicht immer verfügbar, Benzin auch rar. Thomas Walters Flüchtlingsleben ist nicht einfach. In den Anden Venezuelas fand er sein Refugium, aus dem ihn die deutschen Sicherheitsbehörden gern herausholen und vor Gericht stellen würden. Denn Walter wird des Terrorismus verdächtigt. Doch verweigert Venezuela die Auslieferung, sein Asylverfahren läuft. Vor 25 Jahren soll Walter einen Brandanschlag auf einen Abschiebegefängnisneubau geplant haben. Nur ein Zufall habe die Tat verhindert, er tauchte ab. Erst 2017 meldete er sich bei seiner Familie. Filmemacher Sobo Swobodnik, ein Verwandter Walters, fand Gelegenheit, ihn allein mit der Kamera zu besuchen. »Gegen den Strom« zeigt Walters Alltag zwischen Schokoladen herstellen und Musikmachen. Er spricht auch über den Tatvorwurf und das Leben im Untergrund, wenngleich das zu kurz kommt. Es ist natürlich spannend zu erfahren, was das aus ihm gemacht hat, wer er heute ist. Aber ein paar mehr Reflexionen über Militanz und Selbstermächtigung zur Gewalt hätten gutgetan. Er bleibt seinem anarchistischen Bekenntnis, der Floskel »mit Gewalt zur Gewaltlosigkeit« treu. Durch gezieltes Nachfragen wäre daraus ein spannendes Psychogramm geworden, hätte Swobodnik Walters selbst geschriebenen Songs nicht zu viel Platz eingeräumt. So wirkt der Film stellenweise wie ein mit holpriger Liedermacher-Musik untermaltes Roadmovie.

TOBIAS PRÜWER

»Gegen den Strom – Abgetaucht in Venezuela«: 4.7., 18 Uhr, Premiere in Anwesenheit des Regisseurs Sobo Swobodnik mit anschl. Filmgespräch, Kinobar Prager Frühling

Weitere Filmtermine der Woche

Brot



Aus dem einfachen Grundnahrungsmittel Brot ist ein Markenprodukt mit immer mehr Sorten und Anbietern geworden. Der Film bietet authentische Einblicke in die heutige Welt des Brotes. – am 8.7. mit anschl. Filmgespräch mit Manfred Schellin (Biochemiker) und Pascal Rubertus (Handwerks-Bäckerei Backstein)

8.7., 18 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Sunburned

Nach ihrem Zombie-Drama »Endzeit« erzählt Regisseurin Carolina Hellsgård ein Familiendrama vor der Kulisse Andalusiens.
3.7., 22.00 Uhr, Open-Air-Kino in der Spinnerei

Das Salz der Erde

Zum Neustart präsentiert die Cinémathèque Filme, die auf die Leinwand gehören. Und da zählt Wim Wenders‘ bildgewaltige Hommage an den Fotografen Sebastião Salgado aus dem Jahr 2014 auf jeden Fall dazu.



3., 5.–7., 22 Uhr, Cinémathèque in der Nato


Spuren – Die Opfer des NSU



Acht Jahre nach den Suiziden der Mörder nimmt Aysun Bademsoy in ihrem Dokumentarfilm die Perspektive von drei der zehn betroffenen Opferfamilien des NSU-Komplex ein – jenen der ermordeten Mehmet Kubasik, Enver Simsek und Süleyman Tasköprü. Dabei macht sie auch auf die lange Tradition rechter Morde in der deutschen Geschichte aufmerksam.



8.7., 21 Uhr, Ost-Passage Theater

Stummfilmtage auf der Warze

Das Wanderkino ist wieder zu Gast auf der Warze im Clara-Zetkin-Park.

Wandernde Flöhe – Die Kleinen Strolche / Der Fuhrmann des Todes (Auszug) / Einmal leicht drüber / Jetzt oder nie

(USA 1926 / S 1921 / USA 1920 / USA 1921) – Stummfilmtage auf der Warze mit Sebastian Pank (Saxofon/Bass-Karinette), Tobias Rank (Piano)

9.7., 21.30 Uhr

Das Lächeln der Madame Beudet / Sherlock, jr.

(F 1922 / USA 1924) – Stummfilmtage auf der Warze mit Tobias Rank (Piano) mit dem französischen Avantgardefilm »Das Lächeln der Madame Beudet« von Germaine Dulac und Buster Keatons »Sherlock, jr.«

10.07., 21.30 Uhr

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