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Kunstgeschichten statt Kunstgeschichte

Julian Barnes’ Essays zur Malerei in einem (teilweise bebilderten) Band

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Unzählige Bücher überfluten den Markt. Linn Penelope Micklitz und Josef Braun helfen einmal wöchentlich auf »kreuzer online« bei der Auswahl. Diesmal lässt sich Micklitz’ derzeitiger Vertreter Benjamin Heine von Julian Barnes’ »Kunst sehen« begeistern – für Leben und Werk zahlreicher bildender Künstler und einmal mehr für den großen Erzähler Julian Barnes.

Wir erinnern uns: Im letzten Jahr bezeichneten wir den englischen Schriftsteller Julian Barnes als Alten Meister, dessen Werke »endlich in pompöse, goldene Rahmen gehängt und im Louvre ausgestellt oder für Millionenbeträge versteigert« gehören. Wenig später erschienen dann Barnes’ gesammelte Essays über Kunst und Malerei, die zwischen 1989 und 2013 hier und da schon mal einzeln auftauchten. Und was soll man sagen? »Es ist ein Triumph relevanter Details.«

Was zu erwarten war, aber doch überrascht: Barnes’ Kunstgeschichte ist keine »history«, sondern eine »story«. Fünfzehn Seiten lesen wir zunächst einen Abenteuerroman über ein gesunkenes Schiff: 150 Passagiere auf einem notdürftigen Floß, von denen nach zwei Wochen mit Stürmen, Meuterei und Kannibalismus noch 15 Menschen gerettet werden können. Im Juli 1819 hatte Théodore Géricault sein Bild »Das Floß der Medusa« gemalt, für das der junge Eugène Delacroix Modell stand, um den es im zweiten Kapitel geht. Solche Fäden der Kunstgeschichte nimmt Barnes natürlich gerne auf und wir lassen uns genauso gern umgarnen, von diesem klugen und gewitzten Mann, der augenscheinlich sehr viele Gemälde gesehen hat und sehr viele Biographien gelesen hat, ohne seine Begeisterung (und Abneigung) in akademischer Expertise zu verlieren.

Und so lesen wir mit einiger Vielleichtigkeit (nach Ezra Pound und David Sylvester) von Édouard Vuillard (»eine der großartigsten und vollkommensten künstlerischen Explosionen der letzten zweihundert Jahre«), Félix Valloton (»seine roten Paprikas sind überwältigend gut«), Georges Braque (»Um 1910/11 konnte man jede beliebige Farbe nehmen, solange es Grau, Braun oder Beige war.«), Lucian Freud (»wünschte ich, er hätte mehr Spülbecken gemalt«) und einigen mehr.

Schließlich springt Barnes auch noch zur Pop-Art, zur Frage, was Kunst ist und zu seiner Freundschaft mit dem Maler Howard Hodgkin. Und als ob das alles nicht schon mehr als genug wäre, schafft er es sogar, den Crystal Palace FC in dieses Buch zu mogeln (über Magritte, natürlich)!

Julian Barnes: Kunst sehen. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger und Thomas Bodmer. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2019. 345 S., 25 €

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