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Vom Messermann zum Kurschwert

Mit den alten Sachsen haben die Bürger des Freistaats nichts zu tun. Allein der geografische Name wanderte über die Jahrhunderte etappenweise elbaufwärts

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»So geht sächsisch«: Mit dieser Dachmarke wirbt Sachsen für sich, kittet eine sächsische Identität zusammen. Diese zeigt sich besonders exklusiv, wirkt als Mischung aus Stolz und Schmach verstärkend aus aufs Bild vom »hellen Sachsen«, der sich nichts sagen lässt. Weil Aufklärung und Kritik der erste Weg zur Besserung sein können, soll die sächsische Identitätsbildung hier in loser Folge beleuchtet und diskutiert werden. Warum fühlt man sich in Sachsen so besonders und bildet das nicht genau auch den Boden für besonders eklige Phänomene der Gegenwart? Was also sind die sächsischen Verhältnisse? Wie geht sächsisch – und warum?

»Ich bin Sächsin, wir sind ein uraltes Volk mit stolzer Vergangenheit.« Sinngemäß schrieb das eine Frau aus dem Erzgebirge einem Bekannten in die Facebook-Timeline. Welchen Punkt sie machen wollte? Es ging um die politische Inszenierung von Heimat und Tradition. Bezeichnend für ein verbreitetes Missverständnis ist ihr Post allemal: Mit dem alten Sachsen hat der Freistaats nichts zu tun. Allein der geografische Name wanderte über die Jahrhunderte etappenweise elbaufwärts.

»Sturmfest und erdverwachsen / Heil Herzog Widukinds Stamm! / Wir sind die Niedersachsen«: Stolz besingen die Bewohner des gleichnamigen Bundeslandes den blutigen Widerstand ihre Vorfahren gegen Römer und Franken. Der äußere Druck habe die Ureinwohner der Region »von der Weser bis zur Elbe, von dem Harz bis an das Meer« zusammengeschweißt. Ähnliches behauptet das Lied »Gott segne Sachsenland« vom Gebiet des heutigen Freistaat Sachsen: Vor Sturm und dem Meer der Zeit geschützt herrsche »ewige Gerechtigkeit«. Dabei kannte man das Land zur Zeit des Dichterlobs erst ein paar hundert Jahre als »Sachsen«. Auch das schwarz-goldene Wappen ist nicht von hier – wie es hier so schön heißt. Ebenso irren die Niedersachsen, wenn sie sich auf Herzog Widukind beziehen.

Sachse war, wer dafür gehalten wurde
Das Niedersachsenlied knüpft am Mythos vom wehrhaften Heidenvolk an, der im 19. Jahrhundert entstand. Demzufolge haben seit dem 3. Jahrhundert die Sachsen das rechtsrheinische Gebiet im Norden bis zur Elbe verteidigt, wurden von Karl dem Großen zwangschristianisiert und wurden schließlich 919 mit dem Sachsen Heinrich I. selbst deutsches Herrschervolk. Belegen sollen das römische Quellen. Niedersachsens Ureinwohner haben aber mit den »Saxones« der lateinischen Chronisten nichts zu. Das Gebiet zwischen Küste und Mittelgebirge bewohnten in den ersten Jahrhunderten der Zeitrechnung Menschen vieler Kulturen, aber kein Stamm der Saxones. Dieses Wort benutzten die Römer für sie heimsuchende Piraten. Das Wort, das sich auf das messerartiges Schwert namens Sax beziehen könnte, bedeutete schlicht »Männer mit Messern« oder »Messermänner« (was die AfD wohl dazu sagt?). Wer die Angreifer waren, interessierte die Römer nicht. Saxones wurde zum Sammelbegriff für verschiedene Angreifer – zum Beispiel auch für die Plünderer der britischen Küsten. Daraus leitete sich später der Name Angel-Sachsen ab. Sachse war, wer dafür gehalten wurde.

Der römische Historiker Tacitus führt rund 40 germanische Gebiete namentlich auf, kennt aber kein Sachsen. Ebenso unklar ist, welche Menschen es waren, die Karl der Große im 8. Jahrhundert als Sachsen bekämpfte. Auch hier dient »Sachse« als negative Fremdzuschreibung auf Menschengruppen, die man gerade bekriegte. Erst die Geschichtsschreiber des 10. Jahrhunderts bauen um Heinrich I. und seinen Sohn Otto den Großen den sächsischen Mythos, benutzten »Sachsen« erstmal als Selbstbezeichnung. Sachsen waren nun keine marodierenden Messermänner mehr, sondern wies die eigene Herkunft und Zugehörigkeit nach. Man griff zurück in die Geschichte, um Identität und den Anspruch auf Herrschaft daraus abzuleiten. Historisch, so muss man resümieren, ist die Bedeutung des Begriffs in den Quellen so schillernd, dass der Sprachhistoriker Robert Flierman urteilt: »Sächsische Identität: Das ist ein soziales Konstrukt, das jede Generation neu erschuf.«

60 Prozent der Ortsnamen sind slawischen Ursprungs
Auch das heutige Sachsen musste erst geschaffen werden – und hat, abgesehen vom Namen, nichts mit dem historischen Stammesherzogtum Sachsen zu tun. Dieses umfasste ungefähr das heutige Niedersachsen. Mit dem Gebiet des heutigen Freistaats grob identisch war im Mittelalter die Markgrafschaft Meißen, ein kulturell diverser Raum. Das kann man an Namen wie Chemnitz und Görlitz ablesen: 60 Prozent der Ortsnamen weisen einen slawischen Ursprung auf: Gemarkungen wie Großzschocher, Kitzscher oder Zunschwitz sind wahre Zischlaut-Zungenbrecher. Über die Mark Meißen herrschte seit dem elften Jahrhundert das Geschlecht der Wettiner. Sie sind dafür verantwortlich, dass man die Region zwischen Saale und Neiße »Sachsen« nennt. Dahinter steckt nämlich die Namenswanderung von einer Dynastie auf eine andere. Das heißt, die Bezeichnung »Sachsen« wanderte nach Süden – und zwar etappenweise.

Im 12. Jahrhundert wurde erwähntes Stammesherzogtum Sachsen geteilt, weil zugehöriger Herzog in kaiserliche Ungnade fiel. Der westliche Teil wurde Westfalen zugeschlagen. Der östliche Teil behielt den Namen Sachsen und den Herzogtitel bei und wurde dem Geschlecht der Askanier unterstellt, die ihr Machtzentrum in Bernburg an der Saale hatten. Auch dieses Herrschaftsgebiet wurde geteilt – dieses Mal aufgrund eines Erbfalls. Das war 1211 und den mit dem Namen Sachsen verbundenen Herzogtitel erhielt der um Wittenberg regierende Familienzweig. »Sachsen« überschritt die Saale-Elbe-Linie: Das Herzogtum Sachsen-Wittenberg entstand. Seine Regenten wurden in den Kreis der sieben Kurfürsten aufgenommen: Sie zählten damit zu den ranghöchsten Fürsten im Reich und wählten den Kaiser. Diese sogenannte Kurwürde wurde mit dem Herzogtum Sachsen-Wittenberg verbunden, die Regentschaft über das kleine Land enthielt somit ein wertvolles Privileg. Das ist wichtig, denn die männliche Linie starb aus. Es gab keinen Erben und damit Kurfürsten mehr, weshalb 1423 das Kurfürstentum Sachsen neu verliehen wurde. Hier kommen die erwähnten meißnischen Wettiner ins Spiel: Ihre Treue zur Krone wurde mit dem Territorium belohnt. Das berühmte Markenzeichen des Meißner Porzellans zeigt die zwei gekreuzten Kurschwerter, die Insignien der Amtswürde.

Sprachökonomie: Aus Mark Meißen wird Sachsen
Die Markgrafen von Meißen schmückten sich mit dem neuen Namen. Weil Kurfürst die ranghöchste Bezeichnung war, wurde er dem Titel vorangestellt: Friedrich der Streitbare war Kurfürst von Sachsen und Markgraf von Meißen. Mit der Zeit wurde die Bezeichnung Kurfürstentum Sachsen für alle Herrschaftsgebiete des Wettiner Hauses gebräuchlich, aus sprachökonomischen Gründen fiel die Mark Meißen irgendwann weg. Nicht nur die ursprüngliche geografische Bezeichnung Sachsen wanderte auf diese Weise aus dem Raum zwischen Nordsee und Harz elbaufwärts nach Südosten. Auch das Landeswappen ist Importgut: Die schwarz-goldenen Balken mit grünem Rautenkranz stammen vom Bernburger Herrschergeschlecht. (Und der Meißner Löwe ist die Kopie des Thüringisch-Hessischen Löwen.)

So kam Sachsen zu seinem Namen. Historisch sind Gebiete nie so homogen gewachsen, wie wir uns das in der Rückschau vorstellen. So ist Niedersachsen eine Erfindung der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg. Der damalige Ministerpräsident benutzte daher das »Niedersachsenlied«, um eine Tradition zu erfinden und die Bewohner des neuen Bundeslandes auf Einigkeit einzuschwören: »sturmfest und erdverwachsen«. Historische Bezugnahmen sind nie ohne Brüche und Unschärfe zu haben. Es bleibt kompliziert – immerhin ist das eine Konstante der Geschichte.

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