Startseite / Politik / Ausgeliefert

Ausgeliefert

Arbeitnehmer werfen Durstexpress Vertragsbruch vor

Größeres Bild

Seit der Pandemie gelten Lieferdienste wie Durstexpress als »systemrelevant«. Jetzt streicht das Unternehmen in Leipzig massiv den Schichtplan zusammen – zum Leid der Angestellten.

Mehr Geld oder weniger Arbeit, das sind klassische Forderungen von Gewerkschaften. Vom Arbeitgeber mehr Arbeit zu verlangen, ist eher ungewöhnlich. Doch genau das hat eine Betriebsgruppe beim Leipziger Standort von Durstexpress getan. Denn der Getränkelieferdienst hat seit Mitte September den Schichtplan für Teilzeitkräfte stark gekürzt. Dadurch, so beklagen Angestellte, würden sie nicht mehr auf ihre vereinbarte Mindestarbeitszeit kommen. Sie wollen arbeiten, können aber nicht und fürchten deshalb um ihren Lohn. Betroffen ist vor allem, wer in der Kommissionierung arbeitet – also zum Beispiel im Lager dafür sorgt, dass je nach Bestellung die richtigen Getränkekästen für die Auslieferung bereitstehen.

Laut der Freien Arbeiter*innen Union (FAU) Leipzig sind das etwa 50 Beschäftigte. FAU-Sprecher Sören Winter erzählt, ein Drittel davon sei mit Unterstützung der FAU und einem vorgefertigten Brief zum Standortleiter gegangen. Sie hätten sich bestätigen lassen wollen, dass sie ihre Arbeitskraft anbieten. Das sei entscheidend, »da sich Durstexpress nicht nur unmoralisch verhält, sondern seinen Vertragspflichten nicht nachkommt, wenn vereinbarte Stunden nicht zur Verfügung gestellt werden«, sagt Winter. Die Angestellten hätten darum weiter Anspruch auf ihren vertraglich festgelegten Lohn. Zeit, das Geld in einem Rechtsstreit einzufordern fehlt ihnen allerdings: »Da gibt es Leute, die Probleme mit der Miete kriegen, die brauchen das Geld jetzt.«

Für viele sei Durstexpress die Haupteinnahmequelle, so wie für Martin, der eigentlich anders heißt. Er hat einen Vertrag bei Durstexpress mit mindestens 20 Wochenstunden. Sein Erspartes reiche noch bis zum Frühjahr, schätzt er, danach werde es eng. Martin zeigt dem kreuzer das Programm, über das er sich online für Schichten anmelden kann. Verglichen mit den Vormonaten sieht der Plan für Oktober deutlich leerer aus. Die Vergabe laufe nach dem Windhundprinzip. Wer sich zuerst einträgt, bekomme normalerweise die Schicht. In den ersten beiden Oktoberwochen waren das vor allem 3-Stunden-Schichten. Auf seine 20 Stunden komme Martin damit nicht mal, wenn er sechs Tage arbeitet, denn pro Tag könne er nur eine Schicht belegen. Schichten, die länger dauern, seien begehrt und dadurch auch schnell ausgebucht.

Bei Durstexpress selbst will man kein Problem erkennen: »Jeder Angestellte kann durch die angebotenen Schichten auf seine oder ihre vertraglich zugesicherte Mindeststundenanzahl kommen«, widerspricht die Firma auf Nachfrage des kreuzer. Je nach Auftragslage würden zusätzliche Schichten eingerichtet, was das Unternehmen aber nicht garantieren könne. Aus den Schichtplänen von Martin geht hervor: Seit September hat sich die Stundenzahl, die Durstexpress in einer Arbeitswoche an seine Belegschaft vergibt, mehr als halbiert. Außerdem dauerte zuletzt keine Schicht länger als fünfeinhalb Stunden. Früher standen noch Schichten mit sechs- und achteinhalb Stunden zur Wahl. Der Lieferdienst verweist auf »massive Nachfrageschwankungen«, auf die er mit »flexiblen Schicht- und Einsatzplänen reagieren« müsse. Der Markt wachse »dynamisch«.

Für diese Dynamik sorgt nicht zuletzt der harte Kampf mit dem Konkurrenten Flaschenpost. Am Ende wird wohl nur eines der beiden Unternehmen überleben und – ähnlich wie etwa Lieferando in der Gastronomie – ein Quasi-Monopol als Getränkelieferdienst innehaben. Als Teil der Oetker-Gruppe stehen die Chancen für Durstexpress gut. Oetker produziert mit der Radeberger-Gruppe selbst Getränke und hat genug Kapital, um Gewinnabsichten erst einmal hintenanzustellen. FAU-Sprecher Winter sagt, der Leipziger Standort sei vor Corona langsam ins Rollen gekommen. Die Arbeit sei stressiger geworden.

Während der Ausgangsbeschränkungen habe es dann mehr als genug zu tun gegeben, berichtet Lukas, der ebenfalls lieber anonym bleibt. »Mit Anfang der Pandemie haben sich die Auftragszahlen teilweise verdreifacht«, erzählt er. Die Belastung sei dementsprechend groß gewesen: »Kasten wo hinbringen und direkt zum nächsten Auftrag«. Eine freie Minute habe es selten gegeben. Die Bezahlung: »Pro Stunde einen Zehner« – knapp über Mindestlohn. Seit der Pandemie gelten Lieferdienste als »systemrelevant«, weil sie Einkaufen ohne viele Kontakte ermöglichen. Um den Anstieg an Bestellungen abfangen zu können, habe Durstexpress neue Leute eingestellt. Leute, die jetzt vielleicht nicht mehr gebraucht werden?

Sören Winter zumindest spricht von »kalten Kündigungen«, deren Ziel darin besteht, dass unzufriedene Angestellte dazu gedrängt werden, von sich aus zu kündigen. Laut Durstexpress »besteht an unseren Standorten bei Unzufriedenheiten jederzeit das Angebot, das Gespräch mit den Verantwortlichen zu suchen«. Die FAU wirft dem Leipziger Standortleiter, Patrick Gassmann, jedoch vor, Anfragen zum Schichtplan vernachlässigt oder abgeblockt zu haben. Darüber hinaus habe er Gewerkschaftsvertreter des Geländes verwiesen. Gassmann selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen, die Pressestelle von Durstexpress äußerte sich schriftlich zu den Vorwürfen: »Mitbestimmung stehen wir offen gegenüber. Die unerwartete Aktion Mitte Oktober hat jedoch unsere Betriebsabläufe in Leipzig gefährdet, so dass wir diese mit Blick auf die Sicherheit aller Beteiligten und die reibungslose Fortsetzung unseres Liefergeschäftes unterbrochen haben.«

Nicht nur in Leipzig gibt es Streit in der Getränkelieferbranche. Rafael Mota Machado von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Berlin attestiert sowohl Durstexpress als auch dem Konkurrenten Flaschenpost ein von »Angst und Unterdrückung« geprägtes Arbeitsklima: »Wer das Thema Betriebsrat anspricht oder sich gewerkschaftlich organisieren möchte, wird entlassen.« Es scheint, als seien bei den Logistik-Unternehmen nicht nur Getränke, sondern auch Angestellte ausgeliefert.

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare