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Sachsen-Anhalt auflösen!

Ein Beitrag zur mitteldeutschen Frage

Der Magdeburger Dom in dunklen Wolken Größeres Bild

Eines der größeren deutschen Übel war schon immer die Kleinstaaterei, deren feudale Wurzeln bis heute noch nicht ganz ausgerottet sind. Ein Beispiel dafür ist das so genannte Sachsen-Anhalt. Denn Sachsen-Anhalt gibt es eigentlich gar nicht, sage ich immer wieder. Als gebürtiger Magdeburger darf ich das auch, finde ich.

Zweifellos war es einer der größeren Fehler der Wiedervereinigung 1990, dass es mit dem »Beitritt« der DDR wieder ein Bundesland Sachsen-Anhalt geben musste. Schon häufig wurde diese Tatsache in den letzten Jahrzehnten evident. Zuletzt in dem bizarren Streit um die Rundfunkgebühr, über den sich die ansässige CDU gerade zerlegt. Immerhin guckt jetzt mal jemand nach Magdeburg, wo man sich ja ständig vernachlässigt fühlt. Auch dem MDR wird von der Magdeburger Staatskanzlei gern vorgeworfen, das Bundesland Sachsen-Anhalt würde viel zu wenig im Programm vorkommen. Diese tief sitzende Kränkung lässt die CDU verbissen daran festhalten, den Rundfunkbeitrag nicht erhöhen zu wollen.

Aber schauen wir genauer hin: Die kreuzbrave CDU, die Partei der soliden Langweile, möchte es jetzt also allen mal so richtig zeigen. Vor allem den Koalitionspartnern SPD und Grüne. Schließlich ist nächstes Jahr Wahl. Es geht hier auch nicht um 86 Cent für ARD & Co, sondern um die Anschlußfähigkeit nach Rechtsaußen. Genau wie im Frühjahr die Thüringer CDU, träumt auch die Magdeburger CDU vom Putsch. Leider-leider geht das nur mit der AfD, mit denen man zwar nicht will, aber es ist eben alternativlos. Ob das für die CDU gut ausgeht? Braune Socken überall! Haseloff tat das einzig Richtige: Er entließ den strammen Innenminister Stahlknecht. Aber ob der Ministerpräsident so das Herz seiner Partei gewinnt? Und die Wahl danach?

Die Alliierten als Geburtshelfer für Sachsen-Anhalt

Wir müssen an dieser Stelle etwas tiefer in diesen Landstrich eintauchen. Am besten in die Geschichte, aus der man Manches lernen kann. Im Grunde gab es nur zwei Epochen: Die erste vom Mittelalter bis zum Dreißigjährigen Krieg ist geprägt vom Erzbistum Magdeburg, das mit Westfälischem Frieden 1648 an Brandenburg kam, dem Kern des späteren Preußen, wo diese Gegend bis 1947 verblieb. Da beschlossen die Alliierten, dass Preußen »für immer« aufgelöst wird. Was sollte aus der preußischen Provinz Sachsen werden? Es schlug die Geburtsstunde des so genannten Sachsen-Anhalts.
Nach den napoleonischen Wirren fasste Preußen 1815 seine mitteldeutschen Besitzungen in einer neu gebildeten Provinz Sachsen zusammen. Damals saß der Landtag in Merseburg, Magdeburg und Halle galten als zu aufmüpfig. Auch musste das frisch vom aufgelösten Erzbistum Mainz gewonnene Erfurt integriert werden, es gab dann also einen Regierungsbezirk Erfurt mit zahlreichen lustigen Miniländereien über ganz Thüringen verstreut. Anhalt war noch das selbstständige, ziemlich fortschrittliche calvinische Fürstentum. Diese Provinz Sachsen verlor ihre thüringischen Gebiete zwar nach 1947 an Thüringen, im großen und ganzen aber bildete es mit Anhalt zusammen dann das neue Sachsen-Anhalt, Hauptstadt Halle, weil Magdeburg so kaputt war nach dem 2. Weltkrieg. Aber dort jammerte darüber fast niemand, man wusste, dass man als zweitgrößter Kruppstandort nicht mit der Liebe der Alliierten rechnen durfte. Man krempelte die Arme hoch und baute die Stadt neu auf. Nach nur fünf Jahren beendete die DDR den Spuk, als aus Sachsen-Anhalt die Bezirke Magdeburg und Halle wurden. Dabei blieb es bis zur Wende.

Zur Wende war die Gelegenheit da

1990 dann musste alles anders werden und neben dem Kapitalismus wurde auch das so genannte Sachsen-Anhalt restauriert. Der lächerliche Begriff von der »Friedlichen Revolution« ist natürlich zur Einseifung der Ostler sehr schön, aber historisch unhaltbar. Es handelte sich um eine friedliche Restauration, denn nach einer Revolution käme schließlich was Neues heraus und nicht Parolen wie z.B. »Rückgabe vor Entschädigung«. Leider hatte man wenig oder keine neuen Ideen, außer »Westgeld für alle!«. In unserem zu betrachtenden Gebiet wurde vor allem darum gestritten, wer nun Hauptstadt dieses glorreichen Landstriches werden solle. Magdeburg war es immer, Halle aber von 1947 bis 1952. Magdeburg gewann bekanntlich, Halle nennt sich nun gern Kulturhauptstadt Sachsen-Anhalts. Es ist ja auch die schönere Stadt. Die sich zudem eher nach Leipzig orientiert, als zum hassgeliebten Magdeburg.

Besser wäre im Jahre ’90 gleich die Bildung eines Landes Mitteldeutschland gewesen. Nun ist auch dieser Begriff nicht unproblematisch, aber Nord-Süd gedacht trifft er ja zu. Ost-West ist schwierig, denn wo ist dann Ostdeutschland? Es ist für immer weg, dank der Vorgänger unserer AfD, die halb Europa mit Krieg überzogen und ihr geliebtes Vaterland zweimal erfolgreich schrumpften und nebenbei den Ruf Germaniens nachhaltig ruinierten.

Dennoch sollten sich Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen zusammenschließen zu einem dann wirklich relevanten Bundesland. Immerhin gibt es schon den MDR, der diesen Gedanken schon lebt. In der Weimarer Republik gab es schon einmal ernsthafte Bemühungen zur Konsolidierung, die dann von der Weltwirtschaftskrise verdrängt wurden, mit allen noch fataleren Folgen, siehe oben. Damals ging die Initiative von der Wirtschaft aus. Leipzig stand diesem Gedanken sehr aufgeschlossen gegenüber. Leider ist die Wirtschaft heute immer noch sehr schwach, weil sie stark an koloniale Strukturen erinnert. Konsum ja, Produktion wenig und wenn, dann als Filiale. Ein Bundesland Mitteldeutschland hätte auch 1990 schon bessere Voraussetzungen geboten , um diese Ländereien zu modernisieren und zu entwickeln. Aber seien wir zuversichtlich: Der Tag wird kommen, an dem diese Gedanken wieder aufgegriffen werden. Das ist noch sicherer, als das Amen in der Kirche. Denn die mitteldeutsche Frage ist offen!

Egbert Pietsch, Herausgeber des Kreuzers, geboren 1965 in MD, aufgewachsen in Klein Wanzleben, 20 km südwestlich von Magdeburg, immerhin die Welthauptstadt des Zuckerrübenwesens, ist eine preußisch-böhmische Promenadenmischung. Die Vorfahren stammen aus Pommern (Ma) und Böhmen (Pa). Beide waren Kriegsflüchtlinge und landeten 1945 in Mitteldeutschland. Seine Heimat ist am ehesten Klein Wanzleben, aber nach 33 Jahren hat er in Leipzig Wurzeln geschlagen. Ein Sachse wird er jedoch nie.

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Dein Kommentar

2 Kommentare

  1. sonic_kid | 15. Dezember 2020 | um 11:36 Uhr

    So berauschend finde ich die Idee ehrlich geschrieben nicht, dass der sächsische Ungeist expandieren und ein dicker, machtvoller Bundesstaat namens Mitteldeutschland entstehen soll. Dann halte ich es doch eher mit der Partei, dass sich Leipzig ausklinken und Sachsen somit etwas balkanisieren wird.

  2. Olaf Böhlk | 3. Januar 2021 | um 05:14 Uhr

    Übrigens mutierte das Placebo „Mitteldeutschland“ in diesem Jahr vor genau 100 Jahren — von Leipzig ausgehend — zum geopolitischen „Kampfbegriff“. Auf eine kürzere Formel, als den unbestimmbaren und faktisch inhaltsleeren Begriff „Mitteldeutschland“, kann man die deutsche „Volk und Raum“-Ideologie kaum verdichten!
    Mehr zur problematischen Begriffsgeschichte in meinem Beitrag „1921–2021: 100 Jahre Kampfbegriff ‚Mitteldeutschland‘: Zur völkischen Radikalisierung eines geografischen Placebos“ unter der Adresse: https://www.academia.edu/43989369