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O Blödigkeit, weiche!

Kritik an der Rolle der Frau gab es auch vor 400 Jahren, beweist Sibylla Schwarz

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Unzählige Bücher überfluten den Markt. Linn Penelope Micklitz und Josef Braun helfen wöchentlich auf »kreuzer online« bei der Auswahl. Diesmal lernt Literaturredakteurin Linn Penelope Micklitz die Texte der Barockdichterin Sibylla Schwarz kennen.

Ein Lesebuch soll die textkritische Gesamtausgabe in zwei Bänden sein, die im Verlag Reinecke & Voß gerade erscheint — so die Absicht des Herausgebers Michael Gratz, der vom Werk der jung verstorbenen Sibylla Schwarz schwärmt und sich direkt nach dem Vorwort in die Fußnoten »verzieht« und »dir, liebe Leserin, und dir, lieber Leser, das Werk einer außergewöhnlichen Autorin« überreicht. Hier soll also keine reine Studienausgabe für Germanisten entstehen, sondern Begeisterung bei allen geweckt werden. Kein leichtes Vorhaben, gab es doch im 17. Jahrhundert keine einheitliche Rechtschreibung und einige uns heute doch eher unbekannte Vokabeln. Schönes Beispiel: »O Blödigkeit / du must nur von mir weichen ! / weil du hir bist / wärt meine grosse Pein ; / Wer lieben wil / mus nicht so blöde seyn / sonst kan er nicht der Liebe Lohn erreichen.« Man ahnt es schon, Schwarz schreibt hier nicht von Dummheit. Und die Fußnote verrät es, die Blödigkeit bedeutet Schüchternheit.

Unübersehbar: Die Werke, Briefe und Dokumente von Sibylla Schwarz; Cover: Reinecke & Voß 2021

Schwarz wurde 1621 in Greifswald geboren und starb bereits 17 Jahre später an einer Ruhrerkrankung. Sie hinterließ ein für diese kurze Lebensspanne gigantisches Werk — zumal wenn man bedenkt, dass Frauen zu dieser Zeit von Bildung und Literatur ausgeschlossen waren. Die Dichterin schrieb nicht nur über den Dreißigjährigen Krieg, der ihre Lebensrealität ausmachte, sondern äußerte sich auch kritisch zu der ihr als Frau zugewiesenen Rolle.

Wer sich einliest in ihre Texte und sich an die typischen Schreibweisen der damaligen Zeit gewöhnt, wird belohnt: Neben zahlreichen Auftritten mythologischer Bekannter wie den griechischen und römischen Göttern, religiösen Verweisen und Anspielungen auf die klassischen Literaturen der Zeit schildert Schwarz Szenen der Liebe und des Abschieds, berichtet von Tod und Trauer. Doch auch spottende Worte und Kritik findet Schwarz und beweist damit einmal mehr ihre beeindruckende, meinungsstarke Gelehrtheit. Am 14. Februar feierte Sibylla Schwarz ihren 400. Geburtstag — die Gesamtausgabe von Michael Gratz ist ein würdiges Geschenk, das sowohl als Taschenbuchausgabe als auch als Hardcover mit besonderer Ausstattung vorliegt. Und allen, die mehr über die Dichterin selbst erfahren wollen, sei jetzt schon die Graphic Novel »Sibylla« des Zeichners Max Baitinger empfohlen, die im Herbst erscheinen wird.

Michael Gratz (Hg.): Sibylla Schwarz. Werke, Briefe, Dokumente. Kritische Ausgabe Band 1. Leipzig: Reinecke & Voß 2021. 185 S., 20 €

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Ein Kommentar

  1. Nadya | 15. Februar 2021 | um 16:53 Uhr

    Hallo!

    Nur eine kleine Bitte: “Schwarz wurde 1921 in Greifswald geboren und starb bereits 17 Jahre später an einer Ruhrerkrankung.”
    Finde den Fehler : ) Hint: Die Jahreszahl.

    Grüße,
    Nady