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Aktenwühler bei der Arbeit

Cunst & Krempel: Architekturen und anders Atemberaubendes – und ein Fascho-Postskriptum

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Für die aktuelle Ausgabe der Comic-Kolumne träumte sich Kritiker Tobias Prüwer in die famosen Fikitionen eines Archivars. Außerdem lernte er den widersprüchlichen Charakter von Alfred Hitchcock kennen. Reichlich eigenartig schien ihm die Geschichte von der jungen Chase Darrow und ihrem Schicksal.

Gebaute Seiten: Architektur ist ein kleiner Trend in Comics. Die Kombination ist eigentlich naheliegend: In einem Medium, das gewohnt fantastische Themen verhandelt, kann man doch auch mit fantastischen Bauten herumexperimentieren oder Fluchten und Perspektiven studieren, wie es in »Der Magnet« zuletzt geschehen ist. Und das wurde ja auch gemacht – man denke nur an Moebius’ Meisterwerke. Ein Duo steht seit Langem für die wunderbare Vermählung von Comic und Architektur: Schuiten und Peeters. Und die haben einen neuen Band draußen.

»Der Archivar« von François Schuiten u. Benoît Peeters; Bild: Schreiber & Leser

Das Duo arbeitet sich weiterhin an ihrem Universum der »Geheimnisvollen Städte« ab. Das neue Album »Der Archivar« geht diesem sozusagen auf den Grund. Der Leser folgt ebenjenem Aktenwühler bei seiner Arbeit. Eher skeptisch geht der Forschungsbeauftragte im Zentralinstitut der Archive, Abteilung Mythen und Sagen, ein Konvolut an, das angeblich Mysterien enthielt. Es sollte seinen Bericht über allerlei Aberglauben untermauern, besser gesagt: Mythen über wundersame Stätten. So listet er den Außenbahnhof von Xhystos ebenso auf wie die Zeitpforte aus der Somoniten-Wüste und den Kanal von Alaxis. Bis er sich nicht mehr sicher ist, es nur mit Legenden zu tun zu haben.

Einmal mehr begeistert das Comic-Macher-Duo und fügt seiner fabelhaften Welt einen unterhaltsamen Mosaikstein hinzu. Benoît Peeters tobt sich aus beim Texten über die Geheimnisse. Er legt Spuren wie die merkwürdige Wiederkehr der Gitterstruktur und leitet den Archivar zu wilden Spekulationen an. François Schuiten – von Hause aus Architekt – verpackt den Text in großartigen Bildern. Sie illustrieren nicht nur, sondern sind selbst Interpretationen. Mal stellt er Architektur in einer epischen Totalen dar, dann aus einem Winkel in Froschperspektive. Viele Darstellungen sind eine Mischung aus Jugendstil und etwas Brutalismus. Etwa wenn sich eine mondsüchtige Frau im legendären Comic-Band »Brüsel« vor Hochhausstufentürmen zeigt. Erinnerungen an Art-Nouveau-Markthallen oder das Victoria-Gewächshaus im Botanischen Garten, wenn Innen- und Außensichten der Stadt Calvani abgebildet werden. Das ist einfach atemberaubend und man träumt sich in diese famosen Fiktionen hinein – und weg. Oder anders: Vom Album muss man einfach hin und weg sein.

»Alfred Hitchcock 1: Der Mann aus London«; Bild: Splitter

Psycho, birdy Bird
»Alfred Hitchcock« kann man gut und gern in Anführungsstrichen schreiben. Denn er war Mann wie Phänomen. Noël Simsolo und Dominique Hé haben sich daran gemacht, dem Regisseur eine Comic-Biografie zu widmen. Dank gelungener Cuts und Zeitsprünge fällt die nicht als eher langweiliges Abspulen des Lebenszeitstrahls auf. Sie nähert sich in Zäsuren und besonderen Augenblicken dem manischen Moviemaker. Es ist der erste Band, in dem der Sexist Hitchcock nur leicht anklingt. Sein Charakter, anderen Menschen aufs Schwein zu gehen und besonders Untergebene mit Dingen zu demütigen, die der Regisseur als »Witz« verbucht, wird aber ausführlich gezeichnet. Etwa wenn er Darsteller mit Handschellen fesselt und eine Schafherde durchs Bühnenbild treiben lässt. Verharmlosung eines Heroen ist wohl nicht das Ziel und lässt auf Band zwei hoffen.

Erzählerisch gekonnt ist die Biografie auch, weil sie erklärt, wie Hitchcock jeweils seine Filme anging, arrangierte und die Kulisse organisierte. Das passiert natürlich ebenfalls auf der visuellen Ebene, so dass man sich gleich an Filme erinnert oder für sie interessiert wird. Der widersprüchliche Charakter und sein Genius scheinen auf, ohne vergöttert zu werden.

»Breathtaker«; Bild: Cross Cult

Atemlos durch die Acht
Atemberaubend ist diese Frau mit dem vielsagenden Namen Chase Darrow – und wunderschön wie gefährlich. Denn sie hat eine Gabe, die nimmt. Und zwar nichts Geringeres als Lebenskraft. Zugleich ist sie damit verflucht, dass sich jeder in sie verlieben muss. Eine absolut böse Kombination, die sich kein Gott hätte ausdenken können. Also steckt der US-amerikanische Geheimdienst dahinter. Darauf kommt Darrow aber erst nach und nach.

Mehr soll von dieser eigenartigen, auf ganz eigene Weise erzählten Geschichte nicht erwähnt werden. Sie ist ein bisschen wie ein seltsamer Bildungsroman. Denn während Darrow von Gewaltakt zu Gewaltakt flieht, findet sie zu sich selbst und ihrer Geschichte und trifft schließlich eine Wahl. »Breathtaker« ist eigentlich ein Comic-Klassiker, der aber ein bisschen zu wenig Beachtung gefunden hat. In diesem abgeschlossenen Sammelband lässt er sich leicht erschließen. Das wäre ihm zu wünschen. Denn die Irrungen und Wirrungen der Story – Achtung, auch ein Actionheld spielt mit –, die sexpliziten Szenen und das in seiner lila Farbgebung gewöhnungsbedürftige Artwork sollten für Kurzatmung beim Umblättern und Hyperventilieren beim Schwelgen sorgen.

»Little Bird 1: Der Kampf um Elders Hope«; Bild: Cross Cult

Kommt ein Vogel geflogen
Mit »Little Bird« sollte man dann gleich weitermachen. Auch hier geht es um das Schicksal einer jungen Frau in ebenso gewalttätigen Szenen. Der Leser wird in den Kampf um Elders Hope geworfen und kennt sich erst einmal gar nicht aus. Wer will hier was und mit welchen Mitteln? Es ist eine Welt in der Zukunft, über die eine Apokalypse gerollt zu sein scheint. Die USA werden von einer klerikal faschistischen Diktatur regiert. Was mit dem Rest der Welt ist, wird nicht ganz klar und irgendwo in Nordamerika gibts noch Widerstandsnester. Klingt nicht sehr unrealistisch dieser Tage.

Das Thema ist beliebt, man denke an die TV-Serie »High Castle«. Dafür ist »Little Bird« ästhetisch überzeugend, weil ungewöhnlich. Zwischen grotesker Körperüberzeichnung und leiser Poesie changiert die Grafik. Fein sind die Linien und dann doch immer wieder gemein in dem, was sie abbilden. Bittersüßer Albtraum.

Hannah Brinkmann: »Gegen mein Gewissen«, Bild: Avant Verlag

Gewissensentscheidung
Die Idee ist langweilig: Hannah Brinkmann beendet ihr Grafikstudium mit einem Comic über ihre Familiengeschichte – der Avant Verlag bringt sie raus. Gibts im Dutzend, braucht oft kein Mensch, aber dennoch werden diese »künstlerischen« Comics als »anspruchsvoll« gefeiert von Menschen, die unbedingt ein Distinktionsmittel innerhalb der grafischen Literatur gegenüber Superhelden-Comics und Funnys brauchen. Genug geflucht.

Denn Hannah Brinkmann hat wirklich etwas zu sagen. Es ist nicht das verzagte Kramen im Vagen der eigenen eher bedeutungslosen Clangeschichte. Sie räumt wirklich auf. Ihr Onkel gehört zur frühen Generation der Kriegsdienstverweigerer – jener, der man das Verweigern oftmals verweigerte. Und dieser erstaunliche Hermann Brinkmann zerbricht am System. Die Autorin holt jene Jahre wieder hervor, in denen Gremien über das Gewissen entschieden und Menschen brachen. (Was bis in die Neunziger ja nicht ungewöhnlich war.) Und sie vollbringt das Wunder, einfühlsam das Einzelschicksal ihres Onkels zu erzählen und es gleichzeitig in eine bundesdeutsche Debatte der damaligen Zeit einzubetten. Das macht »Gegen mein Gewissen« wirklich zu einem Schatz, der unbedingt aus der Ecke Absolventen-Comic geholt werden muss. Dort einzustauben, steht ihm nicht gut.

»Tunnel« von Rutu Modan; Bild: Carlsen

Untergründig
»Tunnel« ist eine Farce, ist eine Parabel, ist grotesk. Rutu Modan kann die Fallhöhe nicht hoch genug sein, also rührt sie zusammen, was ihr in ihrer Auseinandersetzung mit den israelischen Verhältnissen so einfällt: Bundeslade, Archäologie als politisches Mittel, Kunst verscherbeln, Hamas, Grenzregime, Gier, Geiz, Klischees. Und daraus entsteht großartige Kost. Denn in ihren Vorstellungen und Vorurteilen stoßen die Figuren immer wieder an erhellende Grenzen.

Eigentlich geht es um rivalisierende Raubgräber, die die Kiste mit den biblischen Gesetzestafeln ausbuddeln möchten. Doch immer wieder kreuzt etwas ihre Pläne, seien es religiöse Eiferer oder eine Mauer, die plötzlich im Weg steht. Eher in plakativen Bildern, die für eine Ligne claire zu verwackelt sind (das ist gewollt!), schafft Modans subtiler Humor eine großartige Momentaufnahme komplizierter Verhältnisse – und das noch sehr unterhaltsam.

Nicht mal ignorieren
P.S. Schaffen wir hier nicht zu viel Aufmerksamkeit. Es gibt seit Kurzem einen Comic-Verlag aus der extrem rechten Ecke, der auf dicke Backen macht. »Politisch unkorrekte Bildgeschichten« will er veröffentlichen. Was man bis jetzt sehen konnte, leitet zum Gähnen an. Dass der Verlag in Dresden sitzt, vom einschlägigen sächsischen Verein Ein Prozent unterstützt wird, wundert kaum. Jeder soll sein Geld ausgeben, wofür er will. Hier besprochen wird der Verlag jedenfalls nicht. Das vielköpfige Monster Faschismus zu bekämpfen, ist Herakles-Aufgabe genug. Für mehr Infos über den Verlag kann man sich bei Belltower News informieren.

>Rutu Modan: »Tunnel«. Hamburg: Carlsen 2021. 267 S., 28 €
>François Schuiten u. Benoît Peeters: »Der Archivar«. Hamburg: Schreiber & Leser 2021. 64 S., 22,80 €
>Noël Simsolo u. Dominique Hé: »Alfred Hitchcock 1: Der Mann aus London«.   Übersetzt von Tanja Krämling. Bielefeld: Splitter 2020. 160 S., 24 €
>Marc Hempel u. Mark Wheatley: »Breathtaker«. Ludwigsburg: Cross Cult 2020. 250 S., 30 €
>Darcy van Poelgeest, Ian Bertram u. Matt Hollingsworth: »Little Bird 1: Der Kampf um Elders Hope«. Ludwigsburg: Cross Cult 2020. 208 S., 35 €
>Hannah Brinkmann: »Gegen mein Gewissen«. Berlin: Avant Verlag 2020. 232 S., 30 €

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