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»Auf der Suche nach dem Kick«

Prozessbeginn gegen »Faust des Ostens«

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Kurz vor Ostern wurde es am Landgericht Dresden noch einmal umtriebig. Nach fast zehn Jahren begann das Verfahren gegen die Hooligangruppe »Faust des Ostens«. Eine Verbindung führte nach Leipzig.

Am Montagmorgen der Karwoche: Klickende Kameras und leises Getuschel sind vernehmbar, ansonsten herrscht Stille im Saal des Dresdner Landgerichts. Hinter dem Richterpult des Saals 1.82 stehen drei Rollwägen. Jeder davon ist bis auf den letzten Zentimeter voll bepackt mit Aktenordnern. Zwei der drei Angeklagten sitzen neben ihren Verteidigern, vermeiden aber den Blickkontakt untereinander. Sie erwarten sichtlich angespannt den Verhandlungsbeginn. Die Gruppierung, gegen die ab diesem Tag verhandelt wird, heißt »Faust des Ostens«, gegründet im April 2010 im Umfeld des Fußballclubs Dynamo Dresden. Die Staatsanwaltschaft Dresden stufte sie 2013 als kriminelle Vereinigung ein. Am 29. März, fast acht Jahre nach Erhebung der Anklage, begann nun der Prozess gegen drei ihrer mutmaßlichen Rädelsführer vor der Staatsschutzkammer.

»Faust des Ostens«: Hooligans durch und durch
Einer von ihnen ist Felix Ka. Ein großer Mann Anfang dreißig mit dunklem, an den Seiten abrasiertem Haar. Er ist gelernter Industrie-Isolierer. Zum Fußball, sagt er, sei er schon früh gekommen. Vor allem die schwierigen familiären Verhältnisse seien es gewesen, wegen der er die Gemeinschaft in der Fanszene suchte. Gängeleien durch die Polizei, besonders gegenüber ostdeutschen Fußballfans, sagt Ka. zu Prozessbeginn aus, seien schlussendlich Grund dafür gewesen, dass er eine Gruppe von »Gleichgesinnten« ins Leben rief. Was genau dies heißen sollte, formulierte Ka. 2010 in einer Nachricht auf dem Chatportal ICQ mit den Worten: Es brauche »einen disziplinierten Haufen von 50 Mann, der nicht besoffen, sondern motiviert die Bullen im Block wegknallt.« Zudem, so formuliert es die Staatsanwaltschaft, seien die Mitglieder durch »rechtsradikales und ausländerfeindliches Gedankengut verbunden«. Verteidigt wird er vom Leipziger Anwalt Christian Schößling, ehemaliger Schiedsrichter der 2. Fußballbundesliga, der auch schon den Fußballer Daniel Frahn in dessen Rechtsstreit um ausstehende Gehaltszahlungen gegen den Chemnitzer FC vertreten hatte.

Zu seiner politischen Haltung drückt Ka. sich jedoch sparsam aus. »Prinzipiell war meine Meinung zu der damaligen Zeit aber schon eher rechts als links«, erklärt er auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Joachim Kubista. Vehement bestreitet Ka. auch, dass die Gründung der »Faust des Ostens«, wie es die Staatsanwaltschaft festgehalten hat, auf den 20. April fiel – der Geburtstag Adolf Hitlers. Auf Nachfrage gab der Angeklagte zudem an, die Idee zum Namen sei ihm in der Dresdner Kneipe »Pfeffer-Minze« gekommen. Zufall oder nicht, es ist das Stammlokal der »Freien Kameradschaft Dresden«.

Doch bei Übergriffen auf Polizeibeamte blieb es nicht: Die Gruppenmitglieder fallen schon früh im Umfeld von Fußballbegegnungen auf, verübten gemeinsam gewaltsame Übergriffe auf Mitglieder anderer Fußballmannschaften und vermeintliche Migrantinnen. Begrüßungen wie »Heil Hitler« oder »Blood and Honour«, erklärte der Angeklagte Felix Ka., seien normale Umgangsformen gewesen.

Während die Angeklagten Veit Ke. und Felix Ka. überpünktlich samt Verteidigern auf ihren Plätzen sitzen, lässt der Leipziger Florian M. auf sich warten. Sein Mandant komme eine Viertelstunde später, verkündet dessen Leipziger Verteidiger Denis Van Ngoc. Als Freund extravaganter Kleidung trägt er zu diesem Anlass eine blumenverzierte Weste, er hält lässig eine Coladose in seiner Hand und schiebt sich eine trockene Toastbrotscheibe in den Mund. Am zweiten Verhandlungstag wird es Van Ngoc sein, von Richter Kubista fälschlicherweise immer wieder »Rechtsanwalt Van Gogh« genannt, der 20 Minuten auf sich warten lässt. Als Florian M. endlich erscheint, trägt er einen dunkeln Parka. Der junge Mann Anfang dreißig blickt sich hektisch um, zieht Mund-Nasen-Schutz und Fellkapuze noch tiefer ins Gesicht, als er die Kameras der anwesenden Presse erblickt. Sein Blick wirkt gehetzt, Haare und Bart sind offenbar absichtlich lang und zerzaust. Die Aufmerksamkeit rund um das Verfahren, so wird der junge »Legal-Tech«-Unternehmer im Prozessverlauf immer wieder deutlich machen, stört ihn sehr. Er hat einiges zu verlieren.

Florian M. hat das erste juristische Staatsexamen im Jahr 2016 abschließen können. Trotz eines im Jahr 2013 erhobenen Verfahrens wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung. »Der Herr M. war damals gewaltaffin und auf der Suche nach dem Kick. Auch Testosteronüberschuss und übermäßiger Alkoholkonsum waren ausschlaggebend«, stellt Verteidiger Van Ngoc in Bezug auf den Gruppeneintritt seines Mandanten die Situation dar. Seine politische Haltung erklärt M. im Verlauf, sei »deutlich rechts« gewesen. Mit seinem Umzug nach Leipzig im Jahr 2011 und dem Studienbeginn habe er sich aber immer mehr von der »Faust des Ostens«, dem Fußball und dem Alkoholexzess distanziert. Die Sachlage stellt ein anderes Bild dar.

»100.000 Liter irgendein Gift für Kreuzberg«
Im Internet finden sich zu Florian M. Einträge und Videos von MMA-Kämpfen aus den Jahren 2012 bis 2013. Angetreten ist er damals für das Leipziger »Bushido Freefight Team«, für das auch Brian E. in der Vergangenheit kämpfte. Der Leipziger erlangte überregionale Bekanntheit, weil er sich als rechtsextremer Hooligan im Januar 2016 am Überfall auf den linksalternativen Stadtteil Connewitz beteiligte, jedoch trotz einer Verurteilung sein Rechtsreferendariat am Landgericht Chemnitz absolvieren konnte. Auch ein Hakenkreuz-Tattoo soll Brian E. auf seiner Brust tragen. Doch nicht nur beim Sport kamen die beiden zusammen. Florian M. und Brian E. haben zum gleichen Zeitpunkt Jura an der Universität Leipzig studiert. Als M. dem Richter auf dessen Nachfrage mitteilt, das zweite Staatsexamen habe er aufgrund des laufenden Prozesses gar nicht erst angestrebt, sagt er vermutlich in Bezug auf seinen früheren Studienkollegen: »Man weiß ja, welch eine Aufmerksamkeit man als potenzieller Jurist auf sich zieht.«

Dass M.s gewaltvolle Ideologie auch ganz konkrete Adressatinnen hatte, wird anhand einer Chat-Nachricht aus dem Jahr 2011 ersichtlich. Bezogen auf eine vermeintlich linke Bewohnerstruktur schrieb er: »100.000 Liter irgendein Gift für Kreuzberg.« Fotos aus dem Jahr 2014 zeigen ihn bei einer Kundgebung der AfD in Leipzig. Laut Informationen, die dem kreuzer vorliegen, soll er mindestens in jenem Jahr auch Mitglied der sächsischen AfD gewesen sein. Weder der zuständige AfD-Kreisverband noch der Landesverband äußerten sich auf Anfrage des kreuzer dazu. Mittlerweile ist Florian M. Geschäftsführer im »Legal-Tech«-Bereich. So auch für eine Leipziger Firma, die automatisierte Klageverfahren für Kitaplätze anbietet. Auch als Datenschutzbeauftragter für eine Datenarchivierungsfirma ist er gelistet.

Verschleppung durch das Gericht
Besondere Bedeutsamkeit hat im aktuellen Verfahren ein weiterer Punkt. Aufgrund von mangelnden Kapazitäten des Landgerichts wurde das Verfahren gegen die »Faust des Ostens« massiv verschleppt. Acht Jahre ist es her, dass die Dresdner Staatsanwaltschaft die Anklage gegen Felix Ka., Florian M. und Veit Ke. erlassen hat. Die zur Verhandlung stehenden Straftaten liegen damit zum Teil zehn Jahre zurück. Ein Umstand, der sich, so teilte Richter Kubista bereits mit, mildernd auf das Strafmaß auswirken wird. Zwar sieht die Kammer den Tatvorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung nach wie vor gegeben, im Gegenzug zu einer vollumfänglichen geständigen Einlassung bot man den Angeklagten jedoch im Sinne der Verkürzung des Verfahrens eine »Verständigung« an. In ihren Einlassungen sind die drei Angeklagten geständig, lediglich Details stehen zur Debatte. 20 Verhandlungstage sind für den Prozess offiziell angesetzt. Das Verfahren könnte jedoch schon weitaus früher beendet sein.

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