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Zwischen Laubtourismus und Räumpflicht

2021 erhielt die Schriftstellerin Marion Poschmann für »Laubwerk« den Wortmeldungen-Literaturpreis, nun ist der Text im Verbrecher Verlag erschienen

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Unzählige Bücher überfluten den Markt. Linn Penelope Micklitz und Josef Braun helfen einmal wöchentlich auf »kreuzer online« bei der Auswahl. Diesmal liest Literaturredakteurin Linn Penelope Micklitz eine Liebeserklärung an den Baum, so flammend rot wie das Laub des Zuckerahorns in Kanada und Nordamerika.

Ein schmales und umso lesenswerteres Bändchen ist »Laubwerk« geworden und wird dem Motto der Auszeichnung, »herausragende literarische Kurztexte (…), die sich kritisch mit drängenden gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen« zu prämieren, in allen Punkten gerecht. Mit Werken wie dem Roman »Die Kieferninseln« oder dem Gedichtband »Nimbus« bewies die in Berlin lebende Autorin bereits mehrfach die Qualität ihres Schreibens, welches sie immer wieder in den Dienst der Natur gestellt hat. Nature Writing, sagen die einen, »Naturdichtung« sagt Poschmann. »Laubwerk« hingegen ist ein Essay, eine Erkundung, in dem sich kurze Betrachtungen mal aus der Ferne, mal mit dem Mikroskop, abwechseln und das Phänomen des Stadtbaums Schicht für Schicht, oder besser Blatt für Blatt, zu beschreiben.

Laubwerk; Cover: Verbrecher Verlag

Einst war Deutschland das Reich der Romantiker, heute, so stellt Poschmann fest, verbinden wir mit Bäumen vor allem »Räumpflicht«, »gefährlich rutschiges Laub auf nassen Bürgersteigen«, »Nachbarschaftsstreitigkeiten«, »Laubbläser und Entsorgungsfragen«. Während in Asien und Amerika zu den Verfärbungen der Herbstblätter ganze
Pilgerscharen anrücken, muss der europäische Stadtbaum heute nur eines können: Den lebensfeindlichen Bedingungen der Städte trotzen. Stichworte sind hier Betonwüste, Hitzestau, Hundeurin, Streusalz. Unter mal mehr und mal weniger sprechenden Überschriften wie »Naturästhetik« oder »Baumbeschwörung« stellt Poschmann implizit jene Fragen, die uns den Weg weisen können hin zu einem neuen Umgang mit dem, was wir so selbstverständlich und meist vereinfachend und schlicht als Baum identifizieren. Botanische Blindheit nennt man die Scheuklappen, mit denen der Mensch durch die Straßen geht, dabei kann ein Baum »als ästhetisches Phänomen betrachtet werden, aber ebensogut als Ausdruck der historischen, politischen, geographischen, ökologischen Bedingungen seines Standorts.« Wer sich also offenen Auges den Pflanzen seiner Umgebung zuwendet, wird sich selbst gleichermaßen in seiner Umwelt verwurzeln – eine Grundlage, so Poschmann im Gespräch, »sich selbst als einen Teilhaber im Kontinuum der Welt zu akzeptieren«. Mit ihrem Essay will die vielfach ausgezeichnete Autorin zu dieser Sensibilisierung beitragen, und damit stellt sie zugleich klar, dass der Klimawandel im Großen, als auch die Situation der Stadtbäume im Kleinen noch Veränderungen zulassen – mit Denkanstößen wie in »Laubwerk« hoffentlich hin zum Guten.

Eine mögliche Formel, die außerdem auch ihr Schreiben charakterisiert, liefert Poschmann gleich mit: »eine neue Romantisierung der Welt, eine poetische Naturwahrnehmung«. Die Preisverleihung findet voraussichtlich am 27. Juni in Frankfurt statt, weitere Informationen zu einer möglichen digitalen Teilnahme werden im Vorfeld im Veranstaltungskalender des kreuzer veröffentlicht.

Marion Poschmann: Laubwerk. Berlin: Verbrecher Verlag 2021. 69 S., 12 €

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