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»Eine ganz andere Motivation«

Jonas Voß über den Zusammenhang zwischen Rechtsextremismus und Naturschutz

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Auch im Naturschutz sind Rechtsextreme aktiv. Wie kann man sie erkennen? Damit beschäftigt sich die Fachstelle Radikalisierungsprävention im Naturschutz. Mit Multiplikator Jonas Voß sprach der kreuzer über historische Kontinuitäten, Unterwanderungsversuche und Strategien.

kreuzer: Was hat Naturschutz und Rechtsextremismus eigentlich miteinander zu tun?
Jonas Voß: Naturschutz wird immer in Verbindung gebracht mit der wilden Tier- und Pflanzenwelt. Der Ursprung des Naturschutzes, der geht zurück bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Mit dem Beginn der Industrialisierung und der Verstädterung ist den Menschen zum ersten Mal die Verschmutzung der Umwelt und Natur als erlebbares Phänomen bekannt geworden. Da hat sich eine Naturschutz bzw. Heimatschutz-Bewegung gegründet. Bei denen war von Anfang der Gedanke des Naturschutzes direkt vermischt mit anderen Attributen, also beispielsweise die Ablehnung der Verstädterung. Da kam aber direkt auch Antisemitismus ins Spiel, weil die Stadt als Symbol der Geldwirtschaft und der Werbung gesehen wurde.

kreuzer: Stichwort Fridays for Future. Auch der Umweltschutz bekommt einen immer höheren Stellenwert. Werden solche Strömungen auch von Rechtsextremen unterwandert?
Voß: Bei der Fridays for Future-Bewegung glaube ich das nicht, weil hier klar getrennt wird zwischen Umweltschutz und Naturschutz. Beim Umweltschutz geht es um alles, was den Menschen umgibt, also die Luft, das Klima, die Landschaft. Das muss man trennen vom Bereich des Naturschutzes, der Natur definiert als die wilde Tier- und Pflanzenwelt. Viele Rechtsextreme sind ja auch Klimawandelleugner. Von denen gibt aber tatsächlich auch Unterwanderungsversuche in Ortsgruppen oder bei Bürgerinitiativen. Gerade wenn es um so Bereiche des vermeintlich harmlosen Naturschutzes geht, wenn irgendwo Windkraft verhindert werden soll aus Naturschutzgründen und sich dagegen eine Bürgerinitiative gründet, dann kann das passieren.

kreuzer: Ihre Workshops sollen helfen, rechtsextreme Bestrebungen im Naturschutz zu erkennen. Wie funktioniert das?
Voß: Das Allerwichtigste ist eigentlich immer die Begründung für das, was man machen möchte. Ich selbst bin engagierter und begeisterter Naturschützer. Aber ich habe eine ganz andere Motivation als jemand aus dem rechtsextremen Spektrum. Eine gern genutzte Argumentationsstruktur ist ein gewisser Biologismus. Also die Gesetzmäßigkeiten aus der Natur eins zu eins auf den Menschen zu übertragen. Da wird dann sozialdarwinistisch argumentiert, dass eine Gruppe von Menschen aufgrund ihrer vermeintlichen Stärke oder ihrer Herkunft oder ihres Ursprungs eine gewisse höhere Wertigkeit besitzt als andere Menschen. Wenn es um Ressourcenknappheit geht, dann sind die Argumente häufig nicht, dass Globalisierung kritisch zu sehen ist, weil es ein Verteilungsproblem gibt, sondern das wird dann gleich auch wieder in Rassismen überführt, die dann Menschen, die im globalen Süden leben, benachteiligt.

kreuzer: Wie sieht es mit dem Thema Tierschutz aus? Das ist ja auch ein Thema in rechtsextremen Kreisen.
Voß: Also wenn es von rechtsextremer Seite um Tierschutz geht, dann geht es fast nie um das tatsächliche Wohl der Tiere, sondern einfach auch um eine systematische Abwertung von anderen Religionen oder anderen Bevölkerungsgruppen. Das Thema Schächten als Praxis aus dem Islam und dem Judentum wird da quasi immer als Beispiel angeführt, dass das auf jeden Fall verboten werden muss.

kreuzer: Was erwartet die Menschen bei Ihren Workshops?
Voß: Wir haben ein festes Methoden-Konzept, bei dem wir Wissen vermitteln wollen. Die Teilnehmer diskutieren aber auch über bestimmte Szenarien, mit denen sie konfrontiert werden, zu denen dann Lösungsansätze gesucht werden sollen. Der Lerneffekt ist eigentlich der, dass es diese Verknüpfung gibt von Naturschutz und rechtsextremistischer Argumentation, dass es eine historische Kontinuität hat, die bis heute reicht und was man dagegen machen kann. Und natürlich auch, wie man sie erkennt.

Workshop »Argumentation gegen rechtsextreme Ökosprüche« im Rahmen der Leipziger Umwelttage, 26.06., 11 Uhr via Zoom; Weitere Infos unter http://www.oekoloewe.de

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