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Von wegen impfmüdes Leipzig

Die Schlüsse aus den Impfquoten sind fehlleitend

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Jüngst in der Presse veröffentlichte Impfquoten sächsischer Kommunen haben keine Aussagekraft – sie verstärken nur Klischees.

Ende letzte Woche erschien zunächst in der Leipziger Volkszeitung und wenig später in den Dresdner Neuesten Nachrichten ein Artikel mit bunter Karte zu den Impfquoten in den drei kreisfreien Städten und zehn Landkreisen in Sachsen. Am Wochenende griff der Spiegel diese Karte auf und verglich die angeblichen Impfquoten auf Kreisebene mit ebensolchen aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, wobei Sachsen wieder einmal besonders schlecht abschneidet. Allein, das geben die Zahlen nicht her.

Nun hat das Sachsen bekanntermaßen zwar die bundesweit niedrigste Impfquote, etwas weniger als die Hälfte seiner Einwohner ist derzeit vollständig geimpft. Die angegebenen Quoten innerhalb des Landes lassen die versprochenen Rückschlüsse über »Impfwillige« und »Impfmuffel« jedoch nicht zu. Die Basis dafür bildet eine interne Statistik der Landesregierung, die wiederum auf Rohdaten des Robert-Koch-Instituts (RKI) mit Stand 25. Juli 2021 beruht. Erfasst wurden nahezu alle Impfungen seit Start der Impfaktion in den Impfzentren, durch die mobilen Teams sowie bei niedergelassenen Ärzte, allerdings nach Impfort und nicht nach dem Wohnort der Geimpften. Die so ermittelte Impfquote gibt lediglich das Verhältnis der in der Stadt oder dem Landkreis Geimpften zur deren/dessen Einwohnerzahl an.

Durch den weit verbreiteten Impftourismus aus den Großstädten in umliegende Landkreise und teilweise quer durchs ganze Land oder auch nach Sachsen-Anhalt sind die Daten massiv verzerrt. In einigen Altersgruppen und Milieus in Leipzig sind gefühlt zwei Drittel der Leute »ausgeflogen«. Sie ließen sich in den Impfzentren in Borna, Grimma, Belgern, Riesa oder Zeitz die Spritze in den Oberarm drücken, weil es dort anders als in der eigenen Stadt freie beziehungsweise frühere Termine gab. Kaum anders war es in Dresden. Selbst mit einem deutlich größeren Anteil an jüngeren Einwohner, die nicht so häufig geimpft sind wie die über 60-Jährigen, dürfte die tatsächliche Quote in beiden Großstädten über dem angegebenen Wert von 45,5 Prozent beziehungsweise 41 Prozent liegen. Im benachbarten Halle (Saale), wo es solchen Impftourismus in den Ausmaßen nicht gibt, sind knapp 60 Prozent der Einwohner und damit deutlich mehr als im Landesdurchschnitt von Sachsen-Anhalt vollständig geimpft. Auf ähnliche Werte kommen auch Groß- und Universitätsstädte in Polen, Tschechien und Österreich. Alle drei Staaten haben mit Sachsen vergleichbare Impfquoten, aber ein deutlich besseres Monitoring der Zahlen für einzelne Gemeinden und sogar Altersgruppen.

Mit Impftourismus lassen sich auch andere Unterschiede in der Karte besser erklären als mit stärkerer Impfverweigerung im Nachbarkreis. Den besten Wert hat mit 61,8 Prozent der Vogtlandkreis, dessen touristische Höhepunkte wie den ehemaligen Baumarkt am Rande von Treuen/Eich auch mehrere Leipziger seit dem Frühjahr erkundeten. Auf dem dritten Rang folgt die Stadt Chemnitz mit einer Impfquote von 53,1 Prozent, wobei der hohe Anteil des Impfzentrums im Vergleich mit den niedergelassenen Ärzten auffällt. Aus eigener Beobachtung lässt sich sagen, dass sich hier zahlreiche Erzgebirger vor allem aus dem südlichen Ballungsraum impfen ließen, weil die Hartmannhalle im Chemnitzer Zentrum näher, besser erreichbar und ihr Besuch mit anderen Wegen zu verbinden war als das Impfzentrum in Annaberg-Buchholz. Diese fehlen natürlich in der so ermittelten Impfquote des Erzgebirgskreises von lediglich 36 Prozent.

Ähnlich ist die vierthöchste Quote (52,6 %) im Landkreis Görlitz zu erklären. Für nicht wenige Bewohner des Landkreises Bautzen (36,2 %), darunter auch die Einwohner der Kreisstadt selbst, ist das Impfzentrum in Löbau besser zu erreichen als das des eigenen Kreises am Stadtrand von Kamenz. Vermutlich liegt in diesen Fällen die Wahrheit wieder einmal irgendwo in der Mitte bei mittlerweile um die 45 Prozent. Die Impfquoten von Chemnitz und der drei Landkreise dürften sich nicht wesentlich voneinander unterscheiden, aber wiederum unter der anderer Landkreise liegen. Darauf deuten unter anderem Befragungen der TU Dresden zu den Impfgegnern und Impfskeptikern in Sachsen aus der ersten Maihälfte hin. Aber warum überhaupt die Aufregung über die kaum sinnvoll nutzbaren Quoten? Sind sie nicht weitgehend egal? Nein, denn:

Erstens: Dass die Daten nicht aussagekräftig sind und daraus kaum sinnvolle Schlüsse abgeleitet werden können, erkennen vor allem die Leute aus angeprangerten Regionen wie der Erzgebirgskreis oder der Landkreis Bautzen, die die Verhältnisse vor Ort kennen und sich vielleicht sogar selbst auf den Weg in einen anderen Kreis gemacht haben. Es bedient und verstärkt das Motiv, dass gerade im Umgang mit der Coronapandemie Zahlen angeblich gefälscht oder erlogen wären.

Zweitens: Kaum aussagekräftige Daten und Karten, die einen falschen Eindruck erwecken, führen zu fehlerhaften Rückschlüssen. Hier etwa dürften sie strukturelle Probleme wie den auch anderswo zu beobachtenden Unterschied zwischen Großstädten und ihrer Suburbia auf der einen und ländlichen Räumen auf der anderen Seite bei den Impfquoten verschleiern. Mögliche neue Schwerpunkte bei der Impf- und Informationspolitik, aber auch bei der künftigen Beurteilung der Gesamtlage könnten damit falsch sein.

Drittens: »Aber wenn es doch überall so in der Zeitung steht«: Dann hat das auch Auswirkungen auf die Politik, ausgehend von der lokalen Ebene bis hin zu Landespolitik. Das kann dazu führen, dass sich die angeblichen Impfquoten sozusagen festschreiben und Leute etwa in Chemnitz oder im Landkreis Görlitz in falscher Sicherheit wiegen. Es gibt den Effekt, dass sich Leute nicht impfen lassen, weil es ja genügend andere schon getan haben, auch wenn die so ermittelten Quoten für die beabsichtigte Herdenimmunität noch immer viel zu niedrig sind.

Dies gilt übrigens auch für Leipzig, selbst wenn die tatsächliche Impfquote besser sein dürfte als hier angegeben. Also für alle, die beim Impfen lieber noch etwas abwarten wollen: Ärmel hoch!

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