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Kultur

Spielfreude, die erste

Im Dramatikum können Kinder und Jugendliche Schauspielunterricht nehmen

  Spielfreude, die erste | Im Dramatikum können Kinder und Jugendliche Schauspielunterricht nehmen  Foto: Nastasja Kowalewski

Tanzauftritte und Singeinlagen für die Familie zu Weihnachten, Tiere und Menschen nachahmen oder magische Wesen spielen: Manche Kinder sind zum Schauspielen berufen. Mit dem Dramatikum gibt es für sie in Leipzig seit März eine Anlaufstelle.

Die Schauspielschule hat ihren Raum im Gewerbezentrum in der Naumburger Straße: außen roter Backstein, innen kühler Industrie-Look mit Beton und eisernem Treppenhaus. Die Idee für die Schauspielschule hat Beatrice Funke, als sie im letzten Jahr die Schauspiel-Agentur Kids in Leipzig übernimmt und ihr auffällt, dass die Kinder mehr Training bräuchten. Zum Coachen holt die Schulgründerin Katja Körber und Cynthia Friedrichs ins Team. Friedrichs leitet den Kurs für die Sechs- bis Zehnjährigen und war zuvor Regisseurin und Dramaturgin am Theater der Jungen Welt, ist außerdem ausgebildete Erzieherin und arbeitet als Dozentin an der Theaterakademie in Delitzsch. Gemeinsam stellten die drei Frauen fest, dass es für die Größe der Stadt und die Anzahl der hier lebenden Kinder kein vernünftiges Angebot in diesem Bereich gebe. In Funkes Agentur kämen wöchentlich zehn bis zwanzig Bewerbungen an, manchmal sogar dreimal dieselben.

Katja Körber ist Schauspielerin, Sprecherin – und nun auch Schauspielcoach. Samstags findet ihr Kurs für die Jugendlichen statt. Zehn Kinder zwischen 11 und 18 Jahren nehmen teil – mehr gibt die Größe des Raums nicht her. In den letzten Monaten wurden Schauspielgrundlagen, Raumwahrnehmung und Improvisation geübt. Auch Stimm- und Atemübungen sowie Bewegungsspiele gehören dazu. Heute wird das erste Mal gedreht. Gegen 15 Uhr trudeln die Kinder und Jugendlichen ein. Solange alle sich begrüßen und noch mal reden, fummelt Körber an der Technik rum, die Kameraeinstellung passt noch nicht ganz. Mitten im Raum steht ein Sofa, darauf wird gleich die Szene gedreht, die Körber für die Gruppe geschrieben hat. Das Set soll eine gemütliche Ecke in einer Bibliothek darstellen. Pippa, Oskar und Ronja spielen die Szene. Pippa sitzt auf dem Sofa, Oskar stampft ins Bild und spricht die selbstbewusste Fremde an, die genervt auf ihn reagiert. Ronja soll sich an die beiden ranschleichen, mit dem Ziel, Oskar zu ärgern, immer wieder wird er »Spinner« von ihr genannt. Die anderen aus dem Kurs übernehmen Aufgaben wie Tonangel halten, Klappenbuch führen und Klappe bedienen – die Technik rund ums Schauspielen sollen die Kinder und Jugendlichen auch kennenlernen. In den nächsten Wochen werden Rollen und Szene gewechselt.

Zunächst wird die Szene ohne Kameraaufnahme geprobt, wird noch mal vorgelesen, damit sich alle an ihren Text erinnern. Während der Proben gibt es ein paar Versprecher, das führt zu Gekicher. Sobald die Kamera läuft, geht aber alles gut. »Szene eins, Take eins«, sagt die Klappenbeauftragte und knallt die zwei Plastikteile zusammen. Nach jedem Durchlauf tauschen sich die Jugendlichen und Körber aus, wie die Szene besser gespielt werden könnte oder angepasst werden muss. Katja Körber führt zwar Regie, aber was sie im Schauspiel gelernt hat, wolle sie auf Augenhöhe an die Kinder weitergeben. Deswegen sei ihr besonders wichtig, dass jede und jeder eigene Ideen einbringt: »Ich finde es wichtig, dass sie merken, dass ihre Meinung zählt«, sagt Körber. »Regie bedeutet nicht, dass die Person, die da vorne steht, mir sagt, was ich tun muss. Die spielende Person kreiert die Rolle. Die Person von außen gibt nur Feedback«, ergänzt Cynthia Friedrichs.

Im Schauspiel muss man vor anderen sprechen und sich bewegen können sowie mit anderen Menschen interagieren – alles förderlich in der Persönlichkeitsentwicklung, finden die Dramatikum-Trainerinnen. Friedrichs beobachte, wie Kinder durch die Kurse aufblühen können: »Es gibt viel Potenzial, Dinge im künstlerischen Kontext zu verarbeiten und rauszulassen, die sonst im Leben nicht so viel Platz haben.« Man sehe, wie viel Spaß die Kinder und Jugendlichen daran haben, mal derb zu sein, mal Dinge sagen zu dürfen, die sie in der Schule oder in der Familie nicht sagen dürfen. Auch die Gruppenleiterin der Jüngsten möchte die Kinder ermutigen, ihre Meinung zu äußern: »Meine Ideen sind nicht mehr wert, nur weil ich 30 Jahre älter und die Kursleiterin bin.«

Zwei Stunden Spielzeit sind sehr intensiv. Die kurze Szene wird immer und immer wieder wiederholt, mindestens zehnmal. Zwischendrin fragt die Gruppenleiterin immer wieder: »Wie fühlt ihr euch? Alles cool?«, was mit der Zeit mit einem immer müderen »Ja« beantwortet wird. Nach Drehschluss erzählen die Kinder und Jugendlichen, dass es viel Spaß gemacht habe. Die meisten von ihnen sind an ihren Schulen auch in der Theater-AG, Schauspielerei ist ihr Hobby. Pippa zum Beispiel hat aber auch schon Schauspieljobs gehabt und nutzt den Kurs als Berufsvorbereitung. Das Dramatikum bietet auch Casting-Vorbereitung, Bewerbungs-Coaching und Set-Begleitung an – soll aber keine Talentfabrik werden, findet Katja Körber: »Es ist eine Mischung aus Hobby und Beruf, und so soll es auch bleiben.«

> Schauspielschule Dramatikum, Naumburger Str. 28, 04229 (Plagwitz)


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