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Kultur

Sünde Eitelkeit

Die Doku »Triegel trifft Cranach« schaut dem Maler Michael Triegel über die Schulter – das Premierenpublikum will vor allem gesehen werden

  Sünde Eitelkeit | Die Doku »Triegel trifft Cranach« schaut dem Maler Michael Triegel über die Schulter – das Premierenpublikum will vor allem gesehen werden  Foto: Filmstill »Triegel trifft Cranach«/ Emilian Tsubaki


»Suche Karte für ›Triegel trifft Cranach‹«. Eine ältere Frau hält das Schild hoch, spricht fast flehentlich Umstehende an. Sie möchte auch teilhaben am Showdown zur Mittagszeit, der sich ähnlich angenehm anfühlt wie der Leipziger Opernball. Zwei Säle des Passage-Kinos sind am Sonntag Ende Januar ausverkauft. 200 Menschen wollen die Weltpremiere der Dokumentation über den Leipziger Maler Michael Triegel sehen. Viele drängen sich für mögliche Restkarten an der Kasse. Den meisten Anwesenden gehts ums Ereignis, wie die Garderobe der Bussi-Gesellschaft andeutet. Man kommt, um gesehen zu werden. Malerikone Neo Rauch ist auch da. Und jeder, der ihn erkennt, freut sich, dass er ihn erkennt. Pressemenschen scheinen ebenfalls ganz aufgescheucht. Die Bild wird später vom »Dürer von heute« schreiben, der MDR ganz begeistert vom »regionalen Kunstkrimi« sein. So spannend ist der Film allerdings nicht, den ab heute alle im Programmkino schauen können.

»Triegel trifft Cranach« erzählt in 110 Minuten, wie Michael Triegel den Mittelteil des Naumburger Altars ersetzt, der von Lucas Cranach stammt und im Bildersturm vor 500 Jahren zerstört wurde. Der zum Katholizismus bekehrte Triegel zählt zur Neuen Leipziger Schule, malt aber anders. Während etwa Neo Rauch mystisch-monumentale Figurenaufstellungen erschafft, kreiert Triegel von Renaissancekünstlern inspirierte leuchtkräftige Religionslandschaften. Einem breiteren Publikum wurde er 2010 durch sein Porträt des Papstes Benedikt XVI. bekannt. Das interessante Thema verliert seinen Reiz, weil der Film zu konventionell ist. Fast alles ist in der Totalen aufgenommen, Seitenblicke fehlen. Er sucht keine Reibung, verliert sich in opulenter Beweihräucherung, wenn er zeigt, wie Triegel das Zentralstück für den Flügelaltar allmählich mit Maria und den Aposteln anfüllt.

Regisseur Paul Smaczny – er drehte unter anderem einen Film über die Thomaner – nennt Michael Triegel einen Freund. Beim gemeinsamen Abendessen sei die Filmidee entstanden. Eine Freundschaft ist eine schlechte Voraussetzung für so ein Vorhaben, weil Distanz und Neugier fehlen. Warum so ein Unterfangen mit Geschmäckle durch öffentliche Mittel der Mitteldeutschen Medienförderung unterstützt wird, ist nicht verständlich.

Der gebürtige Erfurter Triegel (1968) wollte schon immer schon malen. Triegels Professoren der Leipziger Schule waren skeptisch, noch figürlich zu arbeiten. Triegel sagt in Anspielung auf Kasimir Malewitschs berühmtes Motiv: »Soll ich schwarze Quadrate malen?« Das Publikum lacht lauthals mutmaßlich ablehnend. Es ist das einzige Lachen der Vorstellung. Leise Gespräche sind im Kinosaal zu vernehmen, Handys klingeln. Der meditativ-kontemplative Charakter des Films scheint zu ermüden.

Beeindruckend sind die Szenen, die Triegel beim Malen zeigen. Wenn er erklärt, wie er Farben anmischt und aufgetragene Farbe verwischt, um Schicht für Schicht zu luzider Kraft zu finden, ist das handwerklich meisterhaft. Spricht er inhaltlich über sein Altarbild, überzeugt das weniger. »Ich bin immer auf der Suche nach Modellen«, sagt er und behauptet, der Altar sei repräsentatives Abbild der Gegenwartsgesellschaft. Allerdings malte er einen Jerusalemer Rabbi, weil der so »alttestamentarisch« aussieht. Für zwei Frauengesichter stand seine eigene Frau Modell, für die Maria in der Mitte Triegels Tochter.


Ein wenig Kritik ist erlaubt

Schräg mutet die Tatsache an, dass ein katholischer Künstler einen im reformatorischen Bildersturm zerstörten Altar ersetzt. Zumal dessen Schöpfer Lucas Cranach Protestant wurde. Für die Reformatoren lenkten Kirchenbilder von der Frömmigkeit ab. Triegel erklärt, sich »selbstverständlich« für den Katholizismus entschieden zu haben: »Dessen unmittelbare Gegenwärtigkeit« im Gegensatz zum Protestantismus habe ihn angesprochen. Das ist theologisch unhaltbar: Der Protestantismus entstand in Auflehnung gegen die Glaubensvermittlung durch Priester, Bilder und Rituale. Triegel verwechselt Magisch-Rituelles und Symbolisches mit Gottesgegenwärtigkeit. »Ich suche im Glauben den Zauber«, sagt er selbst. Verwirrung stiftet auch die Musik: Es läuft vor allem Bach – protestantische Musik umrahmt ein katholisches Altarbild.

Ein bisschen kritisch wird es am Ende doch; gegenüber der UNESCO. Denn sollte Triegels Altar in Naumburg hängen, droht der Welterbestatus aufgehoben zu werden. Das Welterbe wird in der unveränderten historischen Gestalt des Doms begründet. Da kann man nicht einfach etwas Neues hinhängen, selbst wenn es alten Geist atmet. Exakt erklärt der Film das nicht, wenn ein Kunsthistoriker sagt, Denkmalschutz müsse Veränderungen mitdenken. In der UNESO-Begründung heißt es explizit: »Die Authentizität des Naumburger Doms zeigt sich in den intakten Materialien und Formen des Doms und der dazugehörigen Bauten, Kunstwerke und Skulpturen aus dem Hochmittelalter.« Selbst der originale Cranach-Altar wäre nach den Kriterien raus. Aber das lässt der Regisseur lieber unerwähnt.

Das Publikum ist empört, weil es diesen unverstandenen Künstler versteht. Es spendet anhaltenden Applaus als Triegel nach Filmende für Fragen bereitsteht. »Ich habe keine Lust, zeitlebens über die UNESCO zu sprechen.« Dann muss er in den zweiten Kinosaal, um lobende Fragen vor hundert Zuschauern zu beantworten. Seine letzte Aussage spendet Versöhnlichkeit. Sein Apostel mit der roten Baseballkappe wurde inspiriert von einem Obdachlosen in Rom. Dieser erfror später auf dem Petersplatz, erzählt Michael Triegel bekümmert: »Ein armer Mann, der im reichen Europa verreckt ist, ist eine Schande.« Sein Grab liegt in der Kirche, die derzeit das Altarbild aufbewahrt. »Für mich ist das ein wunderbarer Abschluss des Naumburgprojekts.«

»Triegel trifft Cranach«, Passage Kinos Leipzig Stream: www.primevideo.com


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