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Stadtleben

Kinderknast ist keine Lösung

Die LVZ warnt vor »Jugendbanden« in Leipzig und die CDU will 12-Jährige ins Gefängnis schicken – Ein Perspektivwechsel

  Kinderknast ist keine Lösung | Die LVZ warnt vor »Jugendbanden« in Leipzig und die CDU will 12-Jährige ins Gefängnis schicken – Ein Perspektivwechsel  Foto: Tim Möller-Kaya


Wenn SPD-Stadtrat Frank Franke sein E-Mail-Postfach aufmacht, weiß er immer: Jetzt gibt es ein neues Problem. Er weiß nur noch nicht, welches. Momentan ist es eine Gruppe Kinder und Jugendlicher zwischen 11 und 15 Jahren, die andere Kinder auf dem Schulweg überfallen haben und das koschere Café »Hamakom« angegriffen haben sollen. Insgesamt 200 Straftaten gehen mittlerweile auf ihre Kappe. Das nahm die CDU zum Anlass, für eine Herabsenkung des strafmündigen Alters zu plädieren. Auslöser war die Veröffentlichung mehrerer Artikel in der LVZ, in denen von einer »Jugendbande«, von »Gangbossen« und »No-go-Areas« in Leipzig die Rede war.

Sebastian Heider ist Schulleiter am bischöflichen Maria-Montessori-Schulzentrum in Grünau, die Schule von zwei der überfallenen Kinder. Nach den Vorfällen habe die Schule eng mit der Polizei und dem Elternrat zusammengearbeitet. »Wir haben überlegt, wie wir reagieren sollen, und aus dem Elternrat kam die Initiative, Mails an die Stadt, die Politik und die Polizei zu schreiben«, sagt Heider. Das sei im Dezember 2025 gewesen. »Ich war damals nicht böse darüber, dass das nicht sofort riesige Wellen schlug, damit es in sachliche Bahnen gelenkt wird und nicht einfach der Schrei nach einer schnellen Lösung kommt«, sagt er.

Frank Franke ist Jugendpolitischer Sprecher der SPD und kennt die Vorfälle schon seit Herbst 2025. »Das Thema war nicht überraschend für uns, aber ich war überrascht, dass das öffentlich rauskam«, sagt Franke im Konferenzraum des Volkshauses. Im Hintergrund hätten Jugendamt und Sozialarbeit bereits »aufsuchende Gespräche« geführt und die Eltern informiert. … Franke hat das Gefühl, dass die klassische nachmittägliche Jugendarbeit an ihre Grenzen gerät.

»Ja, kein Wunder«, sagt Sozialpädagogin Katrin Zschuckelt aus der Mobilen Jugendarbeit in Grünau. »Weil die Zielgruppe einfach sehr weit gefasst ist.« Die Grünauer Völkerfreundschaft sei für 6- bis 27-Jährige geöffnet. Gerade für die Jüngsten, die zu jung für einen offenen Jugendtreff sind, würden Angebote fehlen – das könne das Personal gar nicht stemmen, da Kinder ganz andere Bedürfnisse haben als Jugendliche und junge Erwachsene. Es brauche andere Zeiten und andere Herangehensweisen. Deswegen hätten für diese Kinder Ansprechpersonen gefehlt.

Viele Eltern haben nun Angst um den Schulweg ihrer Kinder. »Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Aber ich finde es wichtig, das differenziert zu betrachten«, sagt Schulleiter Heider. Auch Franke versteht die Sorgen: »Mein Kind ist in der vierten Klasse. Würde sie abends nach Hause kommen und mir so etwas erzählen, würde ich auch sofort eine Lösung haben wollen.« Langfristig sei aber die Frage, wie man unabhängig von den konkreten Fällen mit Prävention umgeht, sagt der Schulleiter.

Die Argumentation sei jahrelang gewesen, dass es für Kinder Regelangebote gibt. Sie sollen in die Kita gehen, in die Schule und in den Hort. Damit sind sie theoretisch den ganzen Tag beschäftigt. »Zunehmend ist es aber so, dass das nicht funktioniert«, sagt Sozialpädagogin Katrin Zschuckelt. Aus verschiedenen Gründen werden die Kinder nicht hingeschickt oder kommen nur schwer dort an. Die Eltern melden sie in Kitas und Horten nicht an, weil das Geld fehlt und sie überfordert sind. Zschuckelt findet es tragisch, dass es bei Kindern überhaupt zu einer solchen Entwicklung kommen kann. An irgendeinem Punkt in ihrer Kindheit und in ihrer Entwicklung konnten sie nicht aufgefangen werden. »Für die Kita ist es unheimlich schwierig, auf alle Bedürfnisse der Kinder einzugehen«, sagt Zschuckelt. Auch dann müsste das reguläre Angebot gut ausgestattet werden, und das bedeutet: genügend Personal. »So ist das aber nicht«, sagt die Sozialpädagogin. »Die Kinder mit einem ganz speziellen Förderbedarf fallen oft einfach durch das Raster.« Schlauer wäre es, langfristige Projekte zu initiieren, die so was verhindern und vor allem den Kindern die Chance geben, sich anders zu entwickeln. Gemeinsam mit Netzwerkpartnern soll jetzt ein Konzept entwickelt werden: ein aufsuchendes mobiles Angebot, das die Kinder dort trifft, wo sie wirklich sind – auf der Straße.

Natürlich sind das alles Taten, die zu verurteilen sind. »Sie sind Täter«, sagt Zschuckelt. »Aber sie sind auch Opfer ihrer Entwicklung, ihrer Umwelt und ihrer Erziehung – oder eben nicht bestehenden Erziehung.« Sie sind Kinder, wiederholt die Sozialpädagogin oft am Telefon. »Sie haben gar keine andere Chance, als das nachzuleben, was ihnen in ihrer konkreten Umwelt vorgelebt wird«, sagt Zschuckelt. Oft erleben sie selbst Gewalt, »und das glaube ich in diesem Fall auch«, sagt Zschuckelt. »Dann ist das ein ganz normales Mittel, ihren Willen durchzusetzen oder um Anerkennung zu finden.«

Weniger differenziert blickt die CDU auf die Jugendlichen. Einen Tag nach Veröffentlichung des ersten LVZ-Artikels schreibt CDU-Fraktionschef Michael Weickert bei Instagram: »Wer unsere Kinder schützen will, darf nicht wegsehen. Strafmündigkeit muss früher greifen.«

»Das ist aus meiner Sicht Quark. Also wirklich Quark«, sagt SPD-Stadtrat Franke dazu. »Erstens zeigt das deren grundsätzliches Misstrauen gegenüber allen Menschen, es sei denn, es handelt sich um reiche Erben oder Wirtschaftsvertreter. Zweitens zeigt es, dass sie gar nicht darauf achten, was vor Ort passiert, nämlich dass es sich um Kinder handelt, mit denen wir natürlich anders umgehen müssen als mit Erwachsenen. Und drittens würde es nicht einmal helfen. In der aktuellen Situation ist das eine Forderung, die den Leuten vor Ort überhaupt nichts bringt.«

Das findet auch die Sozialpädagogin absurd: »Wenn man sich ein Kind anguckt, das elf oder zwölf Jahre alt ist, und überlegt, dass es ins Gefängnis soll … Ohne Worte! Was soll denn da passieren? Was soll aus diesen Kindern dort werden? Das ist unvorstellbar, finde ich.« Kinder und junge Jugendliche verfügen oft noch nicht über die Reife, um die Konsequenzen ihres Handelns zu überblicken oder zu verstehen. Im Kindes- und Jugendalter brauche es bestimmte Voraussetzungen, um Einsichten und eine Reflexion zu erlangen, die es ermöglichen, das eigene Verhalten zu verändern, sagt Zschuckelt. Das beobachte sie auch in ihrer Arbeit: »Jugendliche brauchen ein gewisses Alter, bis sie dazu fähig sind, für sich zu entscheiden, ihr Verhalten zu ändern, um Perspektive für ihr eigenes Leben zu entwickeln.« 


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