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Stadtleben

»Es geht ums Ganze und nicht nur um irgendwelche Büroarbeit«

Gabriele Goldfuß und Kristina Raßmann sprechen über die Städtepartnerschaft mit Kyjiw im Angesicht des Krieges

  »Es geht ums Ganze und nicht nur um irgendwelche Büroarbeit« | Gabriele Goldfuß und Kristina Raßmann sprechen über die Städtepartnerschaft mit Kyjiw im Angesicht des Krieges  Foto: E-Lastenräder für Leipzig und Kyjiw mit Kristina Raßmann (l.)/Felix Pacholleck

Im Jahr 1962 schloss die Stadt Leipzig ihre erste Städtepartnerschaft mit der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw. Vier Jahre nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist die Zusammenarbeit enger denn je. Seit Kriegsbeginn finanzierte die Stadt mit 16 Millionen aus dem eigenen Haushalt unter anderem Hilfstransporte, Unterstützungsmaßnahmen für die Zivilgesellschaft und Fahrzeuge für die Ukraine. Gabriele Goldfuß leitet das Referat für Internationale Zusammenarbeit, Kristina Raßmann ist dort Osteuropareferentin. Im Interview sprechen sie über ihre Arbeit im Referat, die Städtepartnerschaft und was sie antreibt.

Sie haben beide viel Kontakt zu Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind und jetzt in Leipzig leben. Wie nehmen Sie die Stimmung unter den Menschen gerade wahr?

Kristina Raßmann: Ich habe das Gefühl, dass ausgerechnet dieses Jahr für die Leute wirklich ganz schlimm geworden ist. Dieser ganze Terror gegen die Zivilgesellschaft hat zugenommen. Gleichzeitig gibt es diese westliche Fatigue, dass man nicht mehr so viel Aufmerksamkeit darauf hat. Auf der anderen Seite sehe ich eine positive Tendenz: In den ersten zwei Jahren haben Geflüchtete aus der Ukraine oder der ukrainischen Diaspora Initiativen zur Hilfe der Ukraine gegründet. Einige haben es geschafft, Vereine zu gründen und das ist ganz wichtig, damit diese Leute auch rechtlich organisiert sind und ihre Projekte dementsprechend in der Stadt Leipzig umsetzen können.


Sie sprechen von »westlicher Fatigue«. Wie nehmen Sie die Sichtbarkeit des Krieges in Leipzig wahr?

Raßmann: Was die Leipziger Kultur- und Bildungsinstitutionen, Museen und Bibliotheken angeht würde ich sagen, dass die Kompetenzen und das Interesse weiterhin da sind. Viele haben feste Partnerschaften geschaffen. Dabei haben wir sie auch unterstützt. Allerdings muss ich sagen: Die planen langfristig. Die Förderung der Stadt, die ganzen Sonderbudgets für die Ukraine – auch auf Bundes- und Landesebene – sind weiterhin kurzfristig. Wenn es nach mir ginge, würde ich diverse Förderprogramme noch stärker verankern, damit die Leute ein, zwei, drei Jahre Perspektive haben. Wir haben gesehen, dass alle denken, der Krieg endet morgen. Immer noch. Und wir sind beim vierten Jahrestag.


Die Städtepartnerschaft zwischen Leipzig und Kyjiw besteht mittlerweile seit über 60 Jahren. Wie hat sich das Verhältnis zwischen den Städten durch den Krieg verändert?

Raßmann: Ich würde behaupten, unsere Zusammenarbeit ist enger geworden und die Vielfalt der Themen ist viel breiter. Wir empfangen viele Delegationen aus dem Ausland, aber die meisten kommen aus der Partnerstadt Kyjiw. Wir haben uns auch personell besser aufgestellt in Bezug auf die Ukraine. Man merkt auch, dass die Kyjiwer Amtskolleg:innen extrem gewachsen sind, was die Antragsstellung betrifft und die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene. Trotz der physischen, psychischen, traumatischen Herausforderungen schaffen sie diese Verbundenheit mit ihrem Land, mit ihrer Kultur.


Welche Rolle hat denn dieses Konzept von der Partnerschaft für die Menschen in Kyjiw? Ist das zurzeit präsent?

Gabriele Goldfuß: Das hoffen wir. Es scheint für die Kyjiwer eine große Notwendigkeit zu geben, sich auf der lokalen Ebene weiter zu vernetzen und noch mehr Städtepartner zu generieren. Und wir hoffen natürlich, dass die Bürgerinnen und Bürger dort auch etwas mitbekommen.

Raßmann: Aus meiner Perspektive klingt diese Städtepartnerschaft erstmal wie ein diplomatisches Konstrukt, ein Werkzeug, um Sachen aufzusetzen. Die zeitgenössische Städtepartnerschaft verläuft tatsächlich eher entlang der gemeinsamen Themen, die uns beschäftigen. Mit der Ukraine beispielsweise sind wir uns einig, dass der Diskurs der Dekolonialität oder die ökologische Zerstörung durch den Krieg superwichtig sind. Entlang dieser Themen kann man sich austauschen, sich Räume greifen und diese besetzen.


Wie würden Sie Ihre Arbeit im Referat für Internationale Zusammenarbeit beschreiben?

Gabriele Goldfuß: Für eine Leitungsperson in einer Stadtverwaltung ist angesichts der aktuellen Haushaltslagen schon viel Engagement gefragt. Es ist ein Spagat zwischen dem, was man tun möchte, was die Bürgerinnen und Bürger von einem wollen und was der Haushalt hergibt. Das ist herausfordernd, aber nicht hoffnungslos.

Raßmann: Der Alltag einer Referentin ist auf jeden Fall vielfältig. Größtenteils ist es klassisches Projektmanagement, also dass man Projekte konzipiert, Ideen entwickelt, Mittelakquise betreibt, aber auch die Umsetzung der Projekte. An dieser Stelle ist besonders, dass es immer eine internationale Komponente hat. Bei mir speziell ist es die Ausrichtung auf die Partnerstädte in Osteuropa: Zum einen Kyjiw und zum anderen die Kooperationsstadt Yerevan in Armenien, aber auch alles, was mit postsozialistischen Ländern zu tun hat, kommt auf den Tisch.


Sie organisieren auch den Ukraine-Stand auf der Buchmesse. Was haben Sie für dieses Jahr geplant?

Raßmann: Wir fokussieren uns auf diverse Bücher, die neu publiziert sind. Unter anderem ein sehr spannendes Buch »Terra Invicta«. Das ist eine Sammlung von Essays über die ukrainische Identität und diese identitätsbildenden Desaster – angefangen von Holodomor 1932, über Tschernobyl 1986, zum Bruch des Kachowka-Damms 2023. Es fokussiert die Beziehung der Ukrainer:innen zu ihrem Land, das sie verteidigen und das momentan eine ökologische Zerstörung erfährt. Grundsätzlich möchten wir den Rahmen öffnen und fragen, wie so ein ökologisch-dekolonisierender Blick auf die Ukraine möglich ist. Im März wird es auch eine Podiumsdiskussion zu diesem Buch geben.


Es sind jetzt vier Jahre Krieg vergangen. Gibt es trotzdem etwas, das Ihnen Hoffnung macht und Sie weiter antreibt?

Goldfuß: Wir werden auf keinen Fall müde werden. Auch wenn es zu einem Waffenstillstand kommt, dürfen wir nicht müde werden. Es ist ein unglaublich langer Marathon. Die wunderbaren Menschen motivieren uns tagtäglich. Trotz der Fatigue ist immer wieder diese Kraft, diese unglaubliche Kraft da. Es geht ums Ganze und nicht nur um irgendwelche Büroarbeit. Das ist auch meine Aufgabe, mich nicht davon überrollen zu lassen.


Veranstaltung:

> Lesung »Terra Invicta« vonAdrian Ivakhiv, 22. 03, 18 Uhr , Stadtbüro.


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