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Stadtleben

Steinzeitliches Augenrollen

In Halle ersteht die Schamanin von Bad Dürrenberg auf – nach 9.000 Jahren

  Steinzeitliches Augenrollen | In Halle ersteht die Schamanin von Bad Dürrenberg auf – nach 9.000 Jahren  Foto: LDA Sachsen-Anhalt, Klaus Pockrandt

Augenzittern. Hinterm Vorhang aus aufgefädelten Hirschzähnen flackert der Blick der Frau. Seitlich rahmen Wildschweinhauer das Gesicht, oben ein Geweih. Plötzlich stoppt das rhythmische Augenrollen, klärt sich der Blick aus blauen Augen. Die Schamanin von Bad Dürrenberg im südlichen Saalekreis hat ihre Seelenreise beendet. So muss man sich vergegenwärtigen, was das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle per Sonderschau vermittelt. Der 9.000 Jahre alte Fund offenbart sich dank neuester Methoden als Sensation: Die Tote war eine Schamanin. Die Existenz dieser spirituellen Fachkräfte hatte man eigentlich für später angesetzt. Die Schau transportiert die Besucherinnen und die Besucher in die Mittelsteinzeit, als die Menschen bereits mit Tieren und Geistern sprachen.

Vor 12.000 Jahren schmolzen die Gletscher, Kältesteppen wichen Wäldern. Mitteleuropa wurde für die Menschen wirtlicher. Hier erfanden sie neue Formen der Jagd und des Fischfangs. Sie nahmen ihre Welt als beseelt wahr, waren davon überzeugt, mit Tieren, Pflanzen und Geistern kommunizieren zu können. Das nehmen die Ausstellungsmacher in Halle an – mit der Schamanin liefern sie eine plausible Begründung. Sie muss eine spirituelle Spezialistin gewesen sein, die mit mal rollendem, mal klarem Blick die Menschen ihrer Gruppe in Trance verband.

Lange galt der Grabfund vom Saalehang mit Frauenskelett, Tier- und Werkzeugbeigaben als »Medizinmann«. Bei Arbeiten im Kurpark von Bad Dürrenberg stieß man 1934 auf das Grab. Man hielt das Skelett aufgrund des beigefügten Steinbeils für männlich und ordnete den Fund der Bronzezeit zu (vor etwa 4.000 Jahren). Zu DDR-Zeiten entdeckte man das wahre Geschlecht der Verstorbenen. Die erneute Untersuchung der Fundstelle in den letzten Jahren erbrachte einige Besonderheiten.

Die Tote hatte reichliche Grabbeigaben, darunter Blüten von Ranunkeln, Königskerze und Mädesüß. Heilpflanzen sind ein erster Hinweis auf ihre Tätigkeit. Sie umgab ein Zoo von Knochen: Großwildzähne, Igelgebein, Schildkrötenpanzer, Kranichknochen. Mit Löchern versehen, gehörten einige von ihnen mutmaßlich zum Ornat eines – verrotteten – aufwendigen Schamanenanzugs, der als Reisekleidung für die Fahrt in die Geisterwelt diente. Ein Säuglingsskelett und die Halswirbel zweier kleiner Jungen fanden die Archäologinnen und Archäologen außerdem im Grab. Vielleicht fungierten sie wie die Tiere als Hilfsgeister der Schamanin. Die Kinder waren mit der Toten im vierten oder fünften Grad verwandt, über ihre Beziehung ist nichts bekannt.

Rote Farbpigmente deuten auf die Körperbemalung der Frau hin, die laut DNA-Analyse dunkle Haare und Haut sowie helle Augen hatte. Angefeilte Zähne unterstützen die Schamanismus-These, die eine anatomische Anomalie noch wahrscheinlicher macht. Die Fehlbildung zweier Halswirbel an der Schädelbasis konnte zum Abklemmen der Arterie führen, was das Augenrollen hervorruft. Das hätte während eines Rituals einen eindrucksvollen Effekt auf die Umsitzenden gehabt. Ob die Frau die Kopfbewegung bewusst als Technik einsetzte, um eine Seelenreise glaubhaft anzudeuten, weiß man nicht. Vielleicht schrieben ihre Mitmenschen ihr die Fähigkeit auch zu, weil das Augenrollen ungewollt stattfand. Kulturübergreifende Vergleiche besagen, dass oft Menschen mit Makeln als Schamanen wirkten. Um sie versammelte man sich, um im gemeinschaftlichen Ritual kollektive Ekstase zu erfahren. Rhythmisch monotone Trommelschläge – wie beim Rave – versetzen Schamanen in Trance. Dabei reisen sie für die um sie Versammelten in eine Anderswelt, um für Heilung zu sorgen oder den Jagderfolg zu vergrößern.

Die Ausstellung setzt den Fund von Bad Dürrenberg in Verbindung zu parallelen Funden in Israel und in den USA. Auch dort vermutet man Schamanen der Mittelsteinzeit in den Gräbern. Aufgrund dessen kann man vom Schamanismus in dieser Ära überhaupt sprechen. Damit lässt die Schau das Publikum an der wissenschaftlichen Diskussion teilhaben. Zudem erhellt sie diese Epoche durch regionale und europaweit ausgeliehene Exponate. Das ist eindrucksvoll, obwohl manche Teile textlastig ausfallen. Aber wenn ein Trickfilm zeigt, wie ein schamanisches Heilritual funktioniert oder das Skelett der Dürrenbergerin mit allen Beigaben aufgebahrt ist, ist das anschaulich. Mit ihrem rekonstruierten Gesicht wird die Schamanin lebensnah. Man fühlt, wie Menschen über die Zeiten hinweg verbunden sind, weil sie Menschen sind. Wie eine Schamanin wirkt die Ausstellung selbst als Vermittlerin, die eine Reise in die Welt vor 9.000 Jahren ermöglicht.


> Landesmuseum für Vorgeschichte, Richard-Wagner-Str. 9, Halle, Di–Fr 9–17, Sa/So 10–18 Uhr, bis 1.11.


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