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Stadtleben

»In vielen Fällen haben junge Menschen die Schule als Ort des Misserfolgs erlebt«

Wenn Kinder die Schule schwänzen, bietet die Beratungsstelle »re:school« Unterstützungsangebote

  »In vielen Fällen haben junge Menschen die Schule als Ort des Misserfolgs erlebt« | Wenn Kinder die Schule schwänzen, bietet die Beratungsstelle »re:school« Unterstützungsangebote  Foto: Das Team von Reschool mit Grisedis Legath und Roger Friedling links im Bild/Christiane Gundlach

Im Schuljahr 2023/24 haben 10,2 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Leipzig die Schule ohne mindestens einen Hauptschulabschluss verlassen. Damit ist laut Sozialreport der Stadt Leipzig die Quote im Vergleich zum Vorjahr um zwei Prozent gestiegen. Gründe können zum Beispiel Mobbing, Überforderung oder negative Erfahrungen sein. Bevor es zu einem vorzeitigen Abbruch der Schullaufbahn kommt, zeigen viele Schülerinnen und Schüler schulvermeidendes Verhalten, sie »schwänzen« immer häufiger. Grisedis Legath und Roger Friedling arbeiten bei dem Beratungsprojekt »re:school« und sprechen im Interview über Unterstützungsangebote und Ursachen für die steigenden Zahlen von jungen Erwachsenen ohne Abschluss.

Die Quote der Jugendlichen ohne Schulabschluss ist laut dem aktuellen Sozialreport der Stadt Leipzig auf 10,2 Prozent gestiegen. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

GRISEDIS LEGATH: Die Zahl ist natürlich zu hoch. Wir reagieren da mit besonderer Aufmerksamkeit und konzentrieren uns auf präventive Aufklärungsarbeit zum Thema Schulabsentismus. Wir bieten online Elternabende an, um das Verständnis für Bedingungen oder Ursachen zu fördern. Wir bieten auch Fortbildungsveranstaltungen und Workshops an, die explizit für pädagogische Fachkräfte sind, in denen es darum geht, Früherkennung anhand von Verhaltensweisen betreiben zu können, damit Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter:innen zeitig reagieren können.

ROGER FRIEDLING: Wir kennen die Zahlen. Wir wissen auch um die Schwierigkeit dieser Zahlen: Es gibt in Deutschland über die Bundesländer keine einheitliche Statistik. Manche Bundesländer nehmen Schüler:innen von Förderschulen nicht in diese Statistik auf, und andere schon. Ich glaube, ein großes Problem speziell für Leipzig ist, dass hier zuletzt die Kitas und Schulen sehr voll waren. Schulwechsel, die vielleicht inhaltlich sinnvoll waren, konnten aus Kapazitätsgründen nicht erfolgen. Vielleicht ändert sich das in den nächsten Jahren wieder.


Wie kann man sich die Beratung bei Ihnen vorstellen?

FRIEDLING: Was wir bieten, ist ein niedrigschwelliges Angebot. Es richtet sich an alle, die sich um diese Themen Sorgen machen, bei denen der Schulabsentismus schon fortgeschritten ist oder die zu uns geschickt werden, um eine Klärung und Situationsveränderung herbeizuführen. Dann machen wir eine Anamnese: Wie ist es so weit gekommen? Wo steht das Kind in der schulischen oder in der Bildungsentwicklung? Was wären geeignete nächste Schritte? Oft verändert sich je nach Dauer des Schulabsentismus die Alltagsstruktur so krass, dass die ursprünglichen Probleme gar nicht mehr so relevant sind wie die Probleme von heute. Tagesablauf, Mediennutzung, soziale Vereinsamung, das kommt alles dazu und erschwert eine Rückkehr in eine Bildungsinstitution sehr stark. Wir setzen uns dann mit den Betroffenen zusammen und versuchen transparent zu machen, wie der Stand ist und zu eruieren, was es familienintern und im erweiterten Umkreis für Ressourcen gibt oder was es für Institutionen in der Stadt Leipzig gibt, die vielleicht eine Option wären. Ganz oft geht es auch um medizinische Optionen, wenn Schulängste vorliegen oder andere psychische Störungen wie Depressionen, die tendenziell erstmal therapeutisch aufgearbeitet und begleitet werden müssen. Wir gucken auch, was die Schulen für Ressourcen haben, ob es Projekte gibt, die vielleicht was für die Betroffenen bieten könnten oder Unterstützung innerhalb der Schulsozialarbeit. Viele Eltern kommen auch mit der Frage zu uns, was sie tun können.


Haben Sie das Gefühl, dass die Schüler und Schülerinnen das Angebot annehmen?

LEGATH: Die Kinder und Jugendlichen fühlen sich verstanden und können sagen, wo ihre Probleme liegen. Wenn wir so weit kommen im Beratungsprozess, können wir schauen, an welcher Stelle es Unterstützung braucht. Wir sprechen auch mit den Eltern darüber, was sie tun können. Erziehungsfragen und Erziehungshaltungen haben durchaus einen Einfluss darauf, inwieweit die Motivation und die Lust auf Schule wieder entdeckt werden können.

Was man mit bedenken muss, ist, dass viele Schüler:innen Schulangst und Schulphobie haben. Die Symptomatik, die sich in der Schule bemerkbar macht, die merken wir hier auch. Ich will damit sagen, dass es bei diesem Annehmen von Angeboten nicht immer nur darum geht, dass die Kinder und Jugendlichen keine Hilfe wollen würden, sondern dass sie sich schwertun, überhaupt hierher zu kommen und sich zu zeigen. Ich finde das durchaus anerkennenswert, wenn hier ein Jugendlicher sagt: »Ich nehme das regelmäßig wahr, beschäftige mich mit meinem Thema und lasse mir vorschlagen, was ich noch tun kann.«

Viele Jugendliche kommen präventiv, weil es immer mal Fehltage und häufig Krankmeldungen wegen Kopf- und Bauchschmerzen gibt. Das sind sehr kennzeichnende Symptome für Angst. Da geht es viel darum, aufzuklären und Maßnahmen zu treffen, bevor sich das weiter verfestigt. Dann gibt es die, die ab und zu fehlen, wo die Symptomatik bekannt ist, wo es vielleicht sogar schon therapeutische Anbindung gibt oder eben Unterstützungsmaßnahmen von Beratungsstellen. Und es gibt die, wo die Fehlzeiten schon gravierend sind, bis hin zu einem halben Jahr oder noch länger. Es sind unterschiedliche Kategorien und dementsprechend arbeiten wir auch jedes Mal anders.

FRIEDLING: Es gibt auch Kinder und Jugendliche, die eher passiv die Schule vermeiden, indem sie nicht mitwirken. Sie sitzen dort, machen aber nichts, nehmen den Stift gar nicht in die Hand, packen gar nichts aus. Es ist sehr, sehr vielfältig, und das herauszufinden und immer eine Idee zu haben, in welche Richtung das gehen könnte, das ist unser Job.


Sie arbeiten teilweise mit Schulabgängern und Schulabgängerinnen, die ohne Abschluss die Schule verlassen haben. Wie sieht diese Arbeit aus?

FRIEDLING: In vielen dieser Fälle haben die jungen Menschen die Schule als Ort des Misserfolgs erlebt. Manchmal war es die falsche Schulform, es hat an geeigneter Unterstützung gefehlt oder die Jugendlichen haben sich nicht sicher oder zugehörig gefühlt. Einige sind nach Klassenwiederholungen oder anderen Gründen auch überaltert und die Mitschüler:innen zwei oder gar drei Jahre jünger. Da wird die soziale Integration sehr schwierig. Wir schauen dann mit den Jugendlichen nach neuen Perspektiven und persönlichen Zielen. Es gibt in Leipzig zwei Produktionsschulen und das Netz kleiner Werkstätten als Orte der Jugendberufshilfe. Die Jugendlichen können dort keine Abschlüsse erlangen, sie können sich aber wieder eine Tagesstruktur erarbeiten, an Bildungsprozessen teilhaben und sich beruflich orientieren.


> re:school Beratung für Schulerfolg bietet von Schulabsentismus betroffenen Schülern und Schülerinnen, Eltern, Bezugspersonen und Fachkräften professionelle Unterstützung an. www.fairbund-leipzig.de


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