anzeige
anzeige
Kultur

»Menschen brauchen einen sicheren Ort«

Sophia Merwald erzählt in ihrem Debütroman von einer kuriosen Hausgemeinschaft

  »Menschen brauchen einen sicheren Ort« | Sophia Merwald erzählt in ihrem Debütroman von einer kuriosen Hausgemeinschaft  Foto: Jakob Kielgaß


Sophia Merwalds Debütroman »Sperrgut« ist Ende Januar bei Ullstein erschienen. Bereits vor der Veröffentlichung wurde sie unter anderem mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet. Merwald erzählt in ihrem Roman von einer kuriosen Wohngemeinschaft, geschaffen von der Kristalloma, abgelegen in einem Industriegebiet.

Sie haben unter anderem ursprünglich Journalistik studiert. Wie sind Sie zum literarischen Schreiben gekommen?

Tatsächlich über das Studium selbst: Ich hatte damals ein Seminar, in dem wir kreative Schreibübungen gemacht haben. Ich habe gemerkt, dass mir das sehr viel Spaß macht. Nach dem Seminar habe ich einfach weitergeschrieben. Meine erste Kurzgeschichte habe ich bei einem Wettbewerb eingereicht und bin damit relativ weit gekommen. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass ich meine Texte auch gern vor Publikum lese. Irgendwie bin ich dann dabeigeblieben.


Was hat Sie an der Fiktion besonders gereizt?

Im Studium haben wir viele journalistische Textsorten gelernt. Am liebsten mochte ich eigentlich immer die Reportage, weil sie ein bisschen zwischen den Formen liegt und in einzelnen Abschnitten ja durchaus literarische Züge haben darf. Ich habe gemerkt, wie viel mehr mit Sprache in der Fiktion noch möglich ist. Ich habe ohnehin immer viel gelesen, und plötzlich hatte ich das Gefühl: Das möchte ich selbst auch versuchen.


Wann haben Sie angefangen an Ihrem Debütroman
»Sperrgut« zu arbeiten?

Während des Studiums lief das Schreiben immer nur parallel zu allem anderen – neben Arbeit und Uni. Ich wollte mit dem Studium möglichst schnell fertig werden, um endlich mehr Zeit zum Schreiben zu haben. Als ich meine Masterarbeit abgegeben hatte, war ich unglaublich erleichtert. Das war der bisher längste Text, den ich geschrieben hatte. Und tatsächlich habe ich direkt in der Woche danach mit dem Roman angefangen, da ich dann endlich auch längere literarische Projekte in Angriff nehmen konnte.


Was war die ursprüngliche Idee für den Roman?

Am Anfang stand der Gedanke, dass Menschen einen sicheren Ort brauchen. Ein Zuhause, in das sie zurückkehren können. Gleichzeitig glaube ich sehr daran, dass Solidarität und Gemeinschaft letztlich stärker sind als Konkurrenz. Daraus entstand die Idee einer Hausgemeinschaft. Zuerst war also das Haus für die Wohngemeinschaft da, dann der Gedanke, dass es abgelegener stehen soll: nicht gut angebunden, am Rand gelegen. Die Figuren sind dann nach und nach eingezogen.


Viele Figuren wirken ungewöhnlich oder werden als
»skurril« beschrieben. Wie sehen Sie das selbst?

Natürlich gibt es in dem Text Dinge, die als skurril wahrgenommen werden können. Aber ich habe nicht versucht, möglichst skurrile Figuren zu erschaffen. Ich wollte Figuren schreiben, in deren Anwesenheit ich mich selbst wohlfühle – Menschen, die einen Schutzraum brauchen und ihn miteinander schaffen. Vielleicht sind es gerade die, die ein bisschen anders sind: wütend, einsam, verloren oder ohne großen Glauben an die Welt. Die Zuschreibung als skurril sagt vielleicht auch mehr über das Rezeptionsverhalten selbst aus: Wenn ich sage, die sind skurril oder Außenseiter, dann muss ich gleichzeitig darüber nachdenken, warum sehe ich die denn so? Also warum rezipiere ich das jetzt so? Was bedeutet das eigentlich, wovon weichen die Figuren denn ab und wieso tun sie das?


Die Figur der Kristalloma wirkt gleichzeitig realistisch und märchenhaft. Haben Sie sich eine reale Person beim Schreiben vorgestellt?

Ich glaube, diese Kategorien schließen sich gar nicht so aus. Es gibt zum Beispiel diese kleinen Kneipen – in München nennt man sie »Boazn«. Hinter dem Tresen sitzt oft jemand, bei dem man das Gefühl hat, diese Person sei dort geboren und würde dort auch sterben. Diese Orte wirken fast verzaubert, obwohl sie völlig real sind. Man betritt sie und plötzlich ist es wie ein eigenes Universum. Genau dieses Dazwischen hat mich interessiert: dass Realität und etwas Magisches gleichzeitig existieren.


Vier Jahre haben Sie an dem Roman gearbeitet. Wie sah diese Zeit aus?

Ehrlich gesagt sehr anstrengend. Ich habe in dieser Zeit viele verschiedene Jobs gemacht: journalistisch gearbeitet, in Agenturen, Nachhilfe gegeben. Gleichzeitig hatte ich auch zwei Aufenthaltsstipendien, bei denen ich mich ganz auf das Schreiben konzentrieren konnte. Im Grunde war aber alles dem Text untergeordnet. Es gab immer wieder Phasen, in denen ich dachte, ich würde nie fertig werden.


Für wen haben Sie diesen Roman geschrieben?

Für alle. In dem Buch leben queere und heterosexuelle Menschen, junge und alte zusammen, und ich freue mich, wenn das auch bei Lesungen sichtbar wird. Mein Idealpublikum sind junge und alte Frauen, junge und alte Männer und eigentlich alle, die manchmal denken: »Wozu das alles noch?«, aber die trotzdem noch eine Sehnsucht haben und vielleicht auch Hoffnung brauchen.


Sophia Merwald: Sperrgut. Berlin: Ullstein 2026. 304 S., 22 €

Lesungen:

Lange Leipziger Lesenacht, Mi., 19.3., 18 Uhr, Moritzbastei 


Kommentieren


0 Kommentar(e)