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Kultur

»Das Thema Mutterschaft öffnet regelrecht Schleusen«

Lena Gorelik wurde für ihr Buch »Alle meine Mütter« mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet

  »Das Thema Mutterschaft öffnet regelrecht Schleusen« | Lena Gorelik wurde für ihr Buch »Alle meine Mütter« mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet  Foto: Charlotte Troll

Lena Goreliks neuester Roman »Alle meine Mütter« erschien am 13. März 2026. Er erzählt von Müttern, deren Beziehung zu ihren Kindern, über die eigene Mutter und über die Außenwahrnehmung anderer Mütter. Zwei Tage vor der Veröffentlichung hat sich die vielfach ausgezeichnete Autorin Zeit für ein Interview mit dem kreuzer genommen.

Am 13. März erscheint Ihr neues Buch. Sind Sie nach so vielen Veröffentlichungen noch aufgeregt, wenn ein Erscheinungstermin näher rückt?

Ja, wahnsinnig. Und ich glaube nicht, dass sich das jemals ändern wird – im Gegenteil, es wird eher schlimmer. Zum einen steigt mit jedem Buch die Messlatte, sowohl die Erwartungen von außen als auch die eigenen. Zum anderen habe ich das Gefühl, dass in diesem Buch besonders viel von mir steckt. Ich habe fünf Jahre daran gearbeitet,da ist alles von mir drin und dann ist man dementsprechend aufgeregt und verletzlich.


Die Erzählerin beobachtet sowohl ihre eigenen Beziehungen als auch die anderer Mütter. Wie nah ist diese Erzählerin an Ihnen selbst?

Man kann durchaus von autofiktionalen Zügen sprechen. Aber wie bei vielen autofiktional geprägten Texten gilt auch hier: Man nimmt Dinge, die man kennt, und macht daraus im besten Fall Literatur – es geht nicht darum, einfach das eigene Leben abzubilden. Vielmehr entsteht aus Erfahrungen, Beobachtungen und Erinnerungen etwas Neues. Interessant ist allerdings, dass das »Ich« im Schreibprozess gar nicht am Anfang stand. Ich habe zunächst mit anderen Texten begonnen. Erst später wurde mir klar, dass ich mich selbst nicht einfach aus dem Erzählen herauslassen kann. Ich beschreibe in meinem Buch Frauen in sehr verletzlichen Situationen, wie kurz vor einem Schwangerschaftsabbruch oder nach dem Tod eines Kindes. Irgendwann hatte ich das Gefühl, es wäre unfair, nur auf diese Frauen zu schauen und mich selbst auszuklammern. Mein »Ich« ist geprägt von meiner Mutter und auch von der eigenen Mutterschaft wie unser aller.


Hat das Mutterwerden Ihren Blick auf Ihre eigene Mutter verändert?

Ich glaube, große Veränderungen im Leben verändern immer auch unseren Blick auf andere Menschen. Was sich durch das Mutterwerden besonders verändert hat, ist die Perspektive. Als Kind schaut man zwangsläufig aus einer sehr egozentrischen Position auf seine Eltern. Man erwartet, dass sie sich kümmern und dass sich vieles um einen selbst dreht. In meinen Erinnerungen wusste ich lange vor allem, wie es mir in bestimmten Situationen ging und was ich mir von meinen Eltern gewünscht hätte. Erst später habe ich begonnen, mich zu fragen: Wie ging es eigentlich meinen Eltern damals? Es ist fast ein bisschen traurig, dass ich dafür selbst Mutter werden musste, aber so war es.


Viele Frauen
beschreiben Mutterschaft als Erfahrung, die das eigene Selbstverständnis erschüttert. Können Sie das nachvollziehen?

Ich glaube, dass Elternschaft grundsätzlich dazu führt, dass man sich neu begreifen muss. Und zwar immer wieder. Das gilt genauso für Väter. Gleichzeitig muss man darauf achten, dass das Ich sich nicht nur aus der Elternschaft heraus begreift.


Sie arbeiten Mutterschaft als Rolle heraus, die die Persönlichkeit überlagern kann. Sehen Sie in der Hinsicht Unterschiede zwischen der Mutter- und Vaterrolle?

Ja, eindeutig. Schon deshalb, weil man Vätern nicht das gleiche abverlangt. Es gibt kein kulturell so stark verankertes Bild des aufopferungsvollen Vaters. Von Müttern hingegen wird oft erwartet, dass das Glück der Kinder immer an erster Stelle steht – sonst gilt man schnell als »Rabenmutter«. Niemand spricht von einem »Rabenvater«. Man sieht das auch im Alltag: Wenn ein Vater mit seinem Kind auf dem Spielplatz ist, wird das oft bewundert. Wenn eine Mutter sagt, sie gehe abends tanzen und lasse das Kind zu Hause, wird das schnell kritischer betrachtet. Diese Unterschiede sind tief in gesellschaftlichen Vorstellungen verankert.


Für Ihr Buch haben Sie viele unterschiedliche Perspektiven von Mutterschaft beschrieben. Wie sah die Recherche aus?

Die Recherche war sehr unterschiedlich. Für manche Kapitel habe ich vor allem gelesen. Beim Thema Schwangerschaftsabbruch in der Sowjetunion gab es kaum persönliche Gespräche, weil ich das Gefühl hatte, Fragen könnten übergriffig sein. Also habe ich alles gelesen, was ich finden konnte. In anderen Fällen habe ich viele Interviews geführt. Mir war wichtig, nicht nur eine Geschichte zu erzählen, sondern verschiedene Perspektiven sichtbar zu machen. Sobald ich erzählte, dass ich über Mutterschaft schreibe, öffneten sich oft regelrecht die Schleusen. Menschen wollten plötzlich Geschichten teilen: über ihre eigenen Mütter, über Erfahrungen mit Schuld, Verlust oder Liebe. Das Thema löst sofort eine persönliche Ebene aus.


Ihr Buch zeigt viele Facetten von Mutterschaft, die selten sichtbar sind. Was fehlt Ihrer Meinung nach in der öffentlichen Darstellung?

Wenn man nach Bildern von Müttern sucht, sieht man meist lächelnde Frauen mit glücklichen Kindern. Dieses Bild dominiert: Harmonie, Zärtlichkeit, Glück. Daneben gibt es inzwischen auch politische Debatten über Care-Arbeit oder überlastete Eltern. Aber viele andere Formen von Mutterschaft, wie nach dem Tod eines Kindes oder mit einem Kind mit Behinderung, nicht-leibliche Mutterschaft oder Schuldgefühle im Alltag tauchen kaum auf. Selbst kleine Momente wie der Wunsch, kurz einmal nicht Mutter zu sein und einfach einen Kaffee zu trinken, werden selten offen ausgesprochen. Dabei erleben solche Situationen vermutlich fast alle Eltern. Doch sobald man sie benennt, folgt oft sofort eine Relativierung: »Es ist zwar anstrengend, aber mein Kind ist ja so süß.« Ein ehrliches »Ich kann gerade nicht mehr« bekommt selten Raum.


Lena Gorelik: Alle meine Mütter. Hamburg: Rowohlt 2026. 272 S., 24 €.

Lesungen:

Do., 19.3., 15.30 Uhr, Verleihung des Preises der Literaturhäuser; ZDF/ARD/3Sat-Bühne (Glashalle, Ebene -1, Stand 01)

Fr., 20.3., 16.15 Uhr, LBM/taz-Studio (Halle 5, G500)

Fr., 20.3., 18 Uhr: Lesung und Gespräch, Literaturhaus Leipzig



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