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Kultur

»Ich bin wütender geworden«

Klimaaktivistin Carla Hinrichs spricht über ihr Buch und ihre Veränderung durch das Strafverfahren

  »Ich bin wütender geworden« | Klimaaktivistin Carla Hinrichs spricht über ihr Buch und ihre Veränderung durch das Strafverfahren  Foto: Marlene Charlotte Limburg
Bekannt wurde Carla Hinrichs durch öffentliche Aktionen der Gruppe Letzten Generation wie Straßenblockaden durch Festkleben oder anderen auffälligen Protestaktionen. Der Klimaaktivistin wird in diesem Zusammenhang die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Im Interview mit dem kreuzer spricht die 29-Jährige über ihr neues Buch »Eine verletzte Generation. Wie der Staat uns alle verrät«. Das Buch beginnt mit der Szene, als die Polizei ihre Wohnung stürmt.

Ihr Buch beginnt mit der Szene einer Hausdurchsuchung in Ihrer WG. Bekommt man in Ihrem Buch sehr emotionale Einblicke?

Es ist kein Sachbuch in dem Sinne, dass einem etwas erklärt wird, sondern es ist meine Geschichte, in die ich die Menschen mitnehme. Beim Lesen kann man ganz nah miterleben, was ich in den letzten Jahren erlebt habe und bekommt dann direkt eine Einordnung: Was bedeutet das jetzt? Wie ist es eigentlich juristisch und was sagt das über den Zustand unserer Demokratie aus?Mankanndabeimitfühlen,einBauchgefühlentwickelnundbekommtWissen dazu an die Hand, was eigentlich dahinter steckt.


Hat Sie die Veröffentlichung von dem Buch verletzlicher gemacht?

Als das Buch rausgekommen ist, hatte ich das Gefühl: »Uff, ich mache mich ganz schön nackig«. Gerade mit dem Wissen, dass das Buch nicht nur von denen gelesen wird, die es interessiert, die vielleicht dabei waren und noch mal mehr verstehen wollen. Sondern auch von denen, die auf der anderen Seite stehen. Bestimmt werden es die Staatsanwälte und Richter lesen, die mich angeklagt haben oder über mich urteilen werden. Das ist ziemlich beängstigend. Was ich in meinem Buch schreibe, wird gegen mich verwendet werden. Trotzdem sehe ich es als meine Verantwortung, klar zu benennen, was gerade passiert, auch wenn ich dafür Konsequenzen tragen muss. Die Geschichte endet nicht mit dem Zuschlagen des Buches, sie geht gerade erst los.


Wenn Sie auf die letzten Monate blicken, mit dem laufenden Verfahren im Hintergrund, hat die Situation Sie verändert?

Definitiv. Meine Werte und meine politische Einstellung zur Welt sind gleich geblieben. Aber ich habe hinter die schillernde Fassade des Rechtsstaats und der Demokratie geblickt. Ich habe Einblicke bekommen, die enttäuschend, frustrierend, beängstigend sind. Heute hoffe ich nicht mehr, dass jemand kommt und uns rettet. Ich weiß, dass wir das selbst tun müssen. Ich glaube, ich bin wütender geworden.


Einige Menschen, die bei der Letzten Generation aktiv waren, haben Bücher geschrieben. Ist das Bücherschreiben auch ein Teil der Öffentlichkeitsarbeit oder ein Strategiewechsel?

Uns jungen Menschen wird sehr selten zugehört, was wir denken, was wir brauchen, wie wir uns fühlen. In den Medien wurde viel geschrieben, überall wurde über uns geurteilt. Aber wir sind nicht einfach nur ein paar naive junge Menschen, die sich aus Verzweiflung auf die Straße gesetzt haben. Unser Handeln folgte einem Plan mit dem Ziel zu entlarven, dass unser Staat sich nicht einmal an seine eigenen Gesetze hält. Mit dem Buch habe ich die Chance bekommen zu berichten was wirklich passiert ist, und die Leserinnen und Leser bekommen die Chance zuzuhören und selbst zu entscheiden. Heute sind wir nicht mehr die Letzte Generation vor der Klimakrise, wir stecken mittendrin. Wir wollen nichts mehr von einer überforderten Regierung fordern. Ich sehe dieses Buch als Teil meines Protests, als Teil meiner Aufgabe als Aktivistin aufzuklären.


Wer sollte Ihr Buch unbedingt lesen und warum?

Es geht nicht um die Klimakrise, es geht um die Demokratie und wie der Staat gegen die Letzte Generation einen Präzedenzfall gegen zivilgesellschaftlichen Protest schafft. Mein Buch sollte lesen, wer verstehen möchte, was der Umgang mit uns über die Situation aussagt, in der wir stecken. Darüber, wie es zeigt, dass der Staat sein Schutzversprechen nicht hält und nicht in der Lage ist, auf die Krisen unserer Zeit zu reagieren. Darüber, wie wir gerade Schritt für Schritt in Richtung Autokratisierung und Faschismus schlittern. In meinem Buch versuche ich, die Schritte aufzuzeigen und aus ihnen ein Bild entstehen zu lassen. Es ist ein ganz schön düsteres Bild, wenn wir in die Zukunft blicken, aber es gibt uns auch die Kraft, uns gemeinsam dagegen zu stellen. Vielleicht entsteht ein Gefühl von jetzt oder nie. Und dann der Mut loszugehen.


Carla Hinrichs: Meine vorletzte Generation. Wie der Staat uns alle verrät. Stuttgart: Tropen 2026. 272 Seiten. 18 €.

Lesungen:
Mi., 18.3., 19 Uhr, Frauenkultur

Do., 19.3., 13.30 Uhr, Forum Sachbuch, Halle 5, E604

Fr., 20.3., 11 Uhr, taz Studio, Halle 5, G500

Sa.,21.3., 16.05 Uhr, Demokratie am Kipppunkt, Forum offene Gesellschaft, Halle 5, K500

Sa., 21.3., 18 Uhr, linxxnet

Sa., 21.3., 18.30 Uhr, Litpop, Kongresshalle am Zoo

So., 22.3., 11.50 Uhr, Arte Booktherapy: Junge Literatur und Zukunftsangst, Literaturbühne (Glashalle Stand 01)


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