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Kultur

»Ich muss akzeptieren, dass es mutig ist, so ein Buch zu schreiben«

  »Ich muss akzeptieren, dass es mutig ist, so ein Buch zu schreiben« |   Foto: Max Zerrahn

Iryna Fingerova erzählt in ihrem Buch »Zugwind« von der jüdisch-ukrainischen Ärztin Mira, die seit Jahren in Deutschland lebt und im Angesicht des Krieges in der Ukraine und des 7. Oktobers einen neuen Umgang mit der Welt finden muss. Die Autorin arbeitet selbst seit Jahren als ukrainische Ärztin in Dresden. Mit dem kreuzer hat sie über das Schreiben in Krisenzeiten und die Bedeutung von Alltagsmagie gesprochen.

Ihr Buch ist am 20.02. erschienen. Wie geht es Ihnen jetzt damit?

Ich freue mich total, aber ich brauche noch ein bisschen Zeit, um das alles zu realisieren. Ich hatte mehrere Buchpremieren, war beim Radio und Angehörige aus der Ukraine waren bei uns. Es war also viel los und ich war die ganze Zeit von Menschen umgeben. Heute ist der erste Tag, an dem ich mal ein paar Stunden für mich habe. Ansonsten gab es bisher auch nur positive Eindrücke, was mich überrascht hat. Natürlich bin ich noch sehr aufgeregt, es gibt viel Neues gerade in meinem Leben. Ich nehme mir jetzt auch erstmal eine kleine Pause von der Arbeit an der Uniklinik. Ein kleines Sabbatical sozusagen.

Wollen Sie sich jetzt lieber darauf konzentrieren, Autorin zu sein, statt Ärztin?

Ärztin zu sein bleibt auf jeden Fall wichtig, aber ich würde gerne bis Ende des Jahres eher als Autorin arbeiten. Ich habe mich die letzten sechs Jahren ganz intensiv der Medizin gewidmet, jetzt will ich mich auch mal auf meine literarische Tätigkeit konzentrieren. Vielleicht schreibe ich etwas Neues. Ich musste bisher immer in so einem Dazwischen schreiben, irgendwo im Urlaub oder am Wochenende oder wenn ich mich zu Hause verschanze. Jetzt will ich auch mal wirklich Zeit und Raum dafür haben. Mal schauen, ob es funktioniert.

Sie und die Hauptfigur haben viele Ähnlichkeiten. Wie viel Autobiografisches steckt in dem Roman?

Ja, wir haben einige Ähnlichkeiten. Das liegt daran, dass die Themen, die für Mira wichtig sind, auch für mich wichtig sind. Eigentlich wollte ich ein Sachbuch darüber schreiben, wie es ist, als ausländische Ärztin in Deutschland zu arbeiten und viel von meinen ukrainische Patient:innen erzählen. Es hieß dann, es ist zu dicht und zu literarisch. Also habe ich es umgeschrieben. Die Patient:innengeschichten sind geblieben, weshalb die Protagonistin Ärztin werden musste. Aber ich habe sie mir ausgedacht. Man könnte vielleicht sagen, dass ich mich auf eine gewisse Weise fiktionalisiert habe. Ich wollte auf jeden Fall über die Sachen reden, die ich selbst erlebt habe und die für mich gerade wichtig sind. Ich glaube, das Buch als Medium ist ein guter Weg, um über den Krieg und die Erfahrungen, die man dort sammelt, zu reden, ohne sich schuldig zu fühlen und ohne unbedingt schwarz-weiß zu denken. Gleichzeitig habe ich viel mehr Kritik erwartet. Ich wollte verschiedene Wege beschreiben, mit der Situation umzugehen. Natürlich mache ich mich auch sehr fragil und verletzlich, wenn ich sowas schreibe. Dann können alle sagen, was sie darüber denken. Aber ich muss das einfach akzeptieren, dass es mutig ist, so ein Buch zu schreiben.


Wie sehr haben aktuelle Ereignisse Ihren Schreibprozess geprägt?

Alles, was ich bisher geschrieben hab, war immer ganz weit weg von meinem Leben. Seit dem Beginn des Kriegs konnte ich das nicht mehr. Es war für mich sinnlos über abstrakte Sachen zu schreiben. Zuerst dachte ich, es ist überhaupt sinnlos, zu schreiben. Man kann mit Poesie sowieso nicht gut genug bewaffnet sein, um Panzer zu bremsen. Aber dann habe ich einen Essay für den Tages-Anzeiger in der Schweiz geschrieben und wir haben dort einen Spendenaufruf gestartet. Von den Spenden haben wir dann Verbandsmaterialien gekauft und über eine Stiftung an die Front geschickt. Da habe ich das erste Mal bemerkt, dass Schreiben nicht so sinnlos ist, weil man die Wörter in Verbandsmaterialien konvertieren kann. Seitdem habe ich das Bedürfnis, eher über aktuelle Themen zu schreiben, weil ich das Gefühl habe, es ändert etwas und der Krieg ist ja noch nicht vorbei.


Es gibt in Ihrem Buch ein paar surreale Elemente, zum Beispiel als sich Mira bei einem Wunderberater »Kraft auf Kredit« leiht. Warum haben Sie diese Elemente eingebaut?

Ich dachte mir, das Buch muss auch authentisch sein und ich bin nicht so sachlich. Ich mag magischen Realismus und Surrealismus und ich finde, dass das Leben sehr absurd ist und auch viel Poesie und Magie in sich hat. Wenn man ohne solche Ausflüge in den magischen Realismus schreibt, dann ist das für mich nicht überzeugend. Wenn das Leben so absurd ist, muss das Buch auch ein bisschen absurd sein.


Woher kommt die Metapher des Zugwindes?

Die kam irgendwie intuitiv, assoziativ. Ich wollte, dass Mira ganz menschlich ist, dass sie nicht nur viele Funktionen erfüllt als Ukrainerin, Jüdin, Migrantin. Dass man sie nicht in eine Schublade stecken kann, sondern sie einfach eine lebendige Figur ist. Dieses Gefühl, dieser Zustand, den sie erlebt hat, dass sie plötzlich begriffen hat: Die Welt ändert sich so rasch, das kann man kaum mit Worten beschreiben. Da braucht man einfach so eine Metapher wie Zugwind. Metaphern sind wie Träume, die wir in der Nacht haben. Wenn man sie erklärt, verstehen das alle unabhängig von ihrer Herkunft. Die Sprache von Bildern ist eine Art universelle Sprache. Ich habe einfach angefangen zu schreiben und an dieser Stelle der existenziellen Leere, die sie damals spürte, dann kam dieser Zugwind. Dann habe ich das aufgeschrieben und verstanden, dass er überall im Buch sein muss.


Iryna Fingerova: Zugwind. Hamburg: Rowohlt 2026. 304 S., 24 €

Lesungen:

Fr., 20.3., 21 Uhr, Ariowitsch-Haus

Sa., 21.3., 11.45 Uhr, taz-Studio (Halle5, G500)

Sa., 21.3., 14.30 Uhr, Messestand MDR Kultur (Halle 2, H301)

So., 22.3., 13 Uhr, Ukraine-Stand (Halle 4, D311) 




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