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Kultur

»Geben meine Wurzeln mir Halt oder halten sie mich zurück?«

Hannah Häffner im Interview zu ihrem Generationenroman »Die Riesinnen«

  »Geben meine Wurzeln mir Halt oder halten sie mich zurück?« | Hannah Häffner im Interview zu ihrem Generationenroman »Die Riesinnen«  Foto: Tanja Kernweiss

Hannah Häffner hat sich bisher vor allem einen Namen als Krimiautorin gemacht. Im Interview zu ihrem Roman »Die Riesinnen« spricht sie nun darüber, welche Bedeutung Heimat heute noch hat und beantwortet die Frage, warum frauenzentrierte Romane immer noch irritieren.

Sie haben bisher im Krimigenre geschrieben. War es mal Zeit für etwas anderes?

Ich habe die Krimis sehr gerne geschrieben. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass es in meinem Kopf noch einige Geschichten gibt, die ich auch gerne erzählen würde und die nicht so richtig in das Krimi-Genre reinpassen. Man kann im Krimi viel machen, aber man kann nicht alles erzählen. Ich stand dann irgendwann vor der Entscheidung: Vergesse ich die Geschichten, die ich im Kopf habe und mache weiter Krimis oder starte ich nochmal neu. Ich bin sehr froh, dass ich mich getraut habe.


Sie haben gesagt, dass Sie die Geschichte im Kopf hatten. Wie viel Hannah Häffner steckt in dem Roman?

Die Geschichte an sich ist rein fiktiv, auch wenn es Bezüge zu realen Ereignissen gibt. Aber natürlich steckt schon sehr viel von mir drin. Es sind manchmal so kleine Elemente, die ich aus meiner eigenen Erinnerung habe. Zum Beispiel das mit dem Bohnendurchdrehen im ersten Kapitel, das habe ich auch mit meiner Oma gemacht. Deswegen weiß ich, wie das Haus riecht und wie die kleine Kurbel wackelt. Was natürlich immer stimmen muss, damit ein Buch oder eine Geschichte nachvollziehbar ist, sind die Gefühle. Ich muss nicht erlebt haben, was die Figuren da erleben, aber ich muss schon mal gefühlt haben, was sie fühlen.


Über die Geschichte hinweg begleiten wir drei Frauen aus unterschiedlichen Generationen. Was sind das für Frauen?

Es eint sie, dass sie alle drei aus einem kleinen Dorf im Schwarzwald kommen, wo sie nicht so richtig reinpassen. Und jede muss auf ihre eigene Weise herausfinden, wie sie damit umgeht, ob sie ausbricht, ob sie sich dem fügt oder ob sie vielleicht eine Art stillen Widerstand leistet. Und das macht jede der drei Frauen natürlich auch in Abhängigkeit von der Zeit, in der sie lebt. Da ist Liese, das ist die Älteste. Die treffen wir in den 60er-, 70er-Jahren, wo sie natürlich ganz anderen Normen und starreren Regeln ausgesetzt ist. Dann gibt es Cora, ihre Tochter, das ist die mit dem größten Drang nach draußen. Sie bricht auf, sucht was ganz Neues und will sich den Normen nicht fügen. Und dann ist da Eva, die Tochter von Cora, die quasi all die Freiheiten hat, die ihre Großmutter und Mutter gerne gehabt hätten. Alle Wege stehen ihr offen. Trotzdem ist sie in all dieser Freiheit dann ein bisschen verloren.


Gibt es eine Szene im Roman, die den Kern des Buchs beschreibt?

Es gibt die Szene, wo Liese Cora bei ihrer Heimkehr am Bahnhof abholt. Das ist für mich sehr sinnbildlich für die Art von Liebe zwischen den drei Frauen, weil es nichts Überschäumendes ist. Es ist mehr etwas Stilles, aber Selbstverständliches, dass die Hand immer ausgestreckt ist, egal was passiert. Das ist auch mit dem Heimatbegriff verknüpft, dieses Zurückkehrenkönnen. Man will es vielleicht nicht immer, aber es ist jemand da. Und das ist für mich eine Szene, die verdeutlicht, was die Drei eigentlich verbindet.


Eine zentrale Frage des Romans ist die nach dem Gehen oder Bleiben. Welche Rolle spielt die eigene Heimat heute noch?

Das ist eins der ganz zentralen Themen des Buches. Und ich glaube, das ist auch eine Frage, die die Menschen über Generationen hinweg beschäftigt, im Großen wie im Kleinen. Es gibt Menschen, die ihre Heimat verlieren und die sich zwangsläufig woanders eine Heimat suchen müssen. Und dann gibt es Menschen, so wie ich zum Beispiel, die lediglich nach dem Abi weggehen. Aber auch dann fragt man sich später vielleicht, ist das jetzt meine neue Heimat? Geben meine Wurzeln mir den Halt oder halten sie mich zurück? Es gibt auch diese Enge, die man empfindet, wenn man da ist, wo jeder einen kennt, wo jeder immer weiß, was du mit acht Jahren gemacht hast. Das kann einschränkend sein. Dann sucht man oft die Freiheit und im Umkehrschluss fühlt man sich vielleicht manchmal verloren.


»Die Riesinnen« lassen sich auch als Metapher lesen: Frauen, die Raum einnehmen, vielleicht auch unbequem werden. Müssen Frauen größer werden, um gehört zu werden?

Ich bin schon der Meinung, dass Frauen den Raum einnehmen sollen, der ihnen oftmals nicht zugestanden wird. Wenn Frauen unbequem sind, werden sie oft als schwierig, sperrig oder unangenehm empfunden. Manchmal wurde die Frage, wo denn die Männer im Roman seien, an mich herangetragen. Da denke ich, solange es für Irritation sorgt, dass die Männer keine große Rolle spielen, müssen wir ganz dringend diese Romane schreiben, damit es einfach normal ist. Wir haben lange Bücher gelesen, die sich nur um Männer gedreht haben. Wie kann das sein, dass das immer noch so außergewöhnlich ist, dass jetzt drei Frauen im Mittelpunkt stehen?


Hannah Häffner: Die Riesinnen. München: Penguin Random House 2026. 416 S., 24 €

Lesung: Fr., 20.03., 14 Uhr, Blaues Sofa


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