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Stadtleben

»Wohnungspolitisch sind wir in Deutschland seit 30 Jahren in der Defensive«

Die Initiative Leipzig für alle organisiert Aktionstage für faire Mieten und gutes Wohnen

  »Wohnungspolitisch sind wir in Deutschland seit 30 Jahren in der Defensive« | Die Initiative Leipzig für alle organisiert Aktionstage für faire Mieten und gutes Wohnen  Foto: Kasi und Robin von Leipzig für Alle/Marco Brás Dos Sanos

Leipzig wächst, doch während die Stadt boomt, kommt dies vor allem bei Investoren an und die Lage für Mieterinnen und Mieter spitzt sich zu. Die Mieten haben sich seit 2010 verdoppelt, inzwischen liegt die durchschnittliche Kaltmiete bei 9,26 €. Laut dem Sozialreport der Stadt Leipzig sind 20 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner akut von Wohnarmut betroffen. Unter dem Motto »Gemeinsam für faire Mieten und gutes Wohnen« finden vom 23. bis 29. März weltweit die Housing Action Days (HAD) statt. Auch in Leipzig hat sich ein breites Bündnis formiert, um gegen Verdrängung und für das Recht auf Wohnen zu demonstrieren. Robin und Kasi von der der Gruppe »Leipzig für alle« organisieren die Aktionstage mit. Sie möchten nur mit ihren Vornamen genannt werden. Wir haben mit ihnen über globale Kämpfe, alternative Wohnmodelle und die schwierige Lage auf dem Mietmarkt gesprochen.

Die Housing Action Days finden mittlerweile weltweit statt. Was hat es mit dieser Bewegung auf sich?

Robin: Die Housing Action Days sind ein globales Format. Seit 2019 werden sie auf europäischer Ebene von der European Action Coalition for the Rigth to Housing and to the City (EAC) koordiniert, seit 2025 sogar weltweit – von Ruanda über die Philippinen bis in die USA. Es geht darum, die vielen lokalen Kämpfe gegen die Kommerzialisierung von Wohnraum sichtbar zu machen. In Leipzig sind wir seit 2020 dabei. Nach einer ruhigeren Phase während Corona erleben wir seit zwei Jahren eine neue Qualität der Vernetzung. Wir haben für dieses Jahr eine ganze Aktionswoche mit fast 30 Veranstaltungen geplant. Das ist in dieser Form deutschlandweit eine Besonderheit. 


Wer ist in Leipzig alles an Bord? Das Programm wirkt sehr vielfältig.

Robin: Das Programm bildet tatsächlich ein breites Spektrum ab. Man kann es grob in drei Teile gliedern: Ein Drittel sind Stadtteil- und Mietinitiativen, die direkt vor Ort für Mieter:innenrechte kämpfen. Ein weiteres Drittel besteht aus Vereinen und Institutionen, die sich professionell der Obdachlosenhilfe oder der Geflüchtetenhilfe widmen. Das letzte Drittel sind Hausprojekte – Leipzig gilt ja gewissermaßen als Hauptstadt dieser selbstverwalteten Wohnformen.


Kasi, Sie leben selbst in einem Hausprojekt. Wie funktionieren diese Modelle konkret, um Häuser dem Spekulationsmarkt zu entziehen?

Kasi: Unser Ziel ist es, die Häuser zu kollektivieren und dauerhaft günstige Mieten zu gewährleisten. In Leipzig gibt es zum Beispiel die SoWo, die Solidarische Wohnungsgenossenschaft. Modelle wie das Mietshäuser Syndikat nutzen für die Finanzierung Direktkredite. Das heißt: Wir leihen uns Geld bei Freund:innen und Bekannten. Wenn die Bank diese Summe als Eigenkapital anerkennt, finanziert sie den Rest. Die Mieten decken dann die Tilgung der Kredite. Da das Haus einem Verein oder einer GmbH gehört und nicht einer Einzelperson, bleibt es dauerhaft kollektives Eigentum und ist vor Privatisierung geschützt. Das ist eine wichtige Alternative zu Besetzungen, die heute oft innerhalb von 24 Stunden geräumt werden, selbst wenn Häuser jahrelang als Spekulationsobjekte leer stehen.


Im Programm spielt auch das Thema Kultur und Gentrifizierung eine Rolle. Warum gehört das zusammen?

Robin: Leipzig hat eine riesige Kulturszene, die den Druck extrem spürt. Wenn bezahlbare Ateliers, Ladenflächen aber eben auch Wohnungen verschwinden, verliert die Stadt zwangsläufig an Experimentierfreudigkeit, weil es die Räume nicht mehr gibt und entsprechende Lebensmodelle nicht mehr funktionieren.  

Kasi: Dabei ist es oft eine bittere Ironie: Erst ziehen Kreative in günstige Viertel wie Connewitz oder Plagwitz und machen sie attraktiv. Das lockt Investor:innen an, die Preise steigen, und am Ende werden genau die Leute verdrängt, die das Viertel erst lebenswert gemacht haben. Diese Spirale wollen wir durchbrechen.


Blicken wir auf die politische Realität: Haben Sie mit Ihrer Initiative in den letzten Jahren wirklich etwas erreicht?

Robin: Wohnungspolitisch sind wir in Deutschland seit mindestens 30 Jahren in der Defensive. Unser Erfolg liegt eher in der Struktur. Die HAD wirken als Katalysator. Wir haben es geschafft, dass sich die Gruppen unter dem Dach von »Leipzig für alle« regelmäßig austauschen und unterstützen. So gelingt Kontinuität – für die eigentliche Arbeit, nämlich die solidarische Begleitung von Mieter:innen, ihre Vernetzung untereinander usw. Allein, dass die Leute nicht resignieren und ihre Dankbarkeit für den Support ist ein Erfolg.  Diese lokale und auch die internationale Vernetzung ist ein riesiger Fortschritt. Dann kommen politische Forderungen wie für einen bundesweiten Mietendeckel auch wieder in die Öffentlichkeit.


Was raten Sie Mieterinnen und Mietern, die aktuell Probleme mit ihren Vermietern haben?

Robin: Als erstes müssen wir unsere Rechte kennen und sie verteidigen. Doch die Situation in Leipzig ist gerade prekär. Der Mieterverein musste vor Kurzem einen Aufnahmestopp verhängen, weil der Beratungsbedarf einfach zu hoch war. Deshalb bieten wir während der Auftaktkundgebung am 23.März eine Ad-hoc-Sprechstunde an, außerdem gibt es die Woche über passende Workshops und nicht zu vergessen: eine Broschüre mit einer Übersicht zu wichtigen Anlaufstellen für Mieter:innen.

Kasi: Bei unserer großen Auftaktveranstaltung auf dem Marktplatz und der Kundgebung werden auch direkt betroffene Mieter:innengemeinschaften, etwa von der E97 oder dem Karl-Helga-Wagenplatz, zu Wort kommen. Es wird ein Raum für Vernetzung, Austausch und Beratung und gleichzeitig können politische Forderungen erörtert werden. Denn wir wollen, dass Wohnen Teil eines würdevollen Lebens ist und nicht eine Geldanlage mit größtmöglicher Rendite.


> Housing Action Days Leipzig: 23.–29.März
> Mehr Infos unter www.leipzigfueralle.de


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