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Politik

Sicher durch die Nacht

Nachtrat-Koordinatorin Anne Petzold über Spiking in Leipzig und welche Präventionsmaßnahmen das Nachtleben sicherer machen können

  Sicher durch die Nacht | Nachtrat-Koordinatorin Anne Petzold über Spiking in Leipzig und welche Präventionsmaßnahmen das Nachtleben sicherer machen können  Foto: Magdalena Ochocki

Ein unbeachtetes Getränk, Kontrollverlust, Erinnerungslücken – die Vorstellung einer Partynacht, wie sie nicht sein sollte. Die Rede ist von sogenanntem Spiking, also der Verabreichung von Substanzen ohne das Wissen oder die Einwilligung der betroffenen Person. Die häufigste Form ist die Zugabe von Alkohol in alkoholfreie oder bereits alkoholhaltige Getränke. Auch das Spiking mit chemischen oder psychoaktiven Substanzen wie K.O.-Tropfen gehört dazu. Nach Angaben des Landeskriminalamts wurden im vergangenen Jahr in der Stadt Leipzig 32 Verdachtsfälle im Zusammenhang mit der missbräuchlichen Verwendung von K.O.-Tropfen angezeigt. Dennoch fehlt es an belastbaren Zahlen, weiß Anne Petzold, Koordinatorin Nachtleben Leipzig beim Nachtrat. Im Interview spricht sie über die derzeitige Situation in Leipzig, die Verantwortung der Veranstaltenden und die Rolle von Awareness-Teams.



Wie würden Sie die Situation zum Spiking zurzeit in Leipzig einschätzen?

Das Thema ist so richtig aufgekommen, nachdem die Corona-Pandemie abgeebbt ist und die Clubs wieder öffnen konnten. Wir hatten das Gefühl, dass der Konsum, vor allem von chemischen Substanzen, stark angestiegen ist. Es gab immer häufiger den Fall, dass Leute fast eine Überdosis hatten, aber selbst geschildert haben, dass sie gar nicht in dem Maß konsumiert haben.
Das passiert heute auch immer mal wieder, aber man kann nicht sagen, dass es gerade total schlimm oder akut ist. Außerdem gibt es auch Clubs, zu denen wir als Nachtrat keinen Kontakt haben und gar nicht wissen, wie es dort aussieht. Trotzdem ist es sehr wichtig, sich innerhalb der Szene darüber auszutauschen.

Gibt es denn Zahlen, mit denen man die Situation besser einordnen kann?

Das ist sehr schwierig, da es nicht wirklich Statistiken dazu gibt. Substanzen wie beispielsweise GHB (Gamma-Hydroxybutyrat) beziehungsweise GBL (Gamma-Butyrolacton, beides bekannt als K.O.Tropfen, Anm. d. Red.) lassen sich nach kurzer Zeit nicht mehr nachweisen. Mittlerweile werden viele verschiedene Substanzen als K.O.-Tropfen verwendet. Bei einer Untersuchung muss explizit auf die verwendete Substanz getestet werden, um einen Nachweis erbringen zu können. Die Betroffenen wissen oft nicht, was verwendet wurde und die Aufklärungsquote ist leider sehr gering.

Wie schätzen Sie die Sensibilisierung der Veranstaltenden und der Clubgäste ein?

In Leipzig ist das Thema Awareness sehr präsent und dementsprechend das Bewusstsein für das Thema Spiking hoch. Trotzdem stehen wir oft noch ein bisschen ratlos vor der ganzen Sache. Es braucht noch mehr Dialog, noch mehr Austausch, noch mehr gemeinsame Strategien, wie man da aktiv gegen werden kann. Ich glaube, allein dadurch, dass viel darüber gesprochen wird, werden Täterpersonen eingeschüchtert, aber es ist sehr schwierig eine handfeste Lösungsstrategie zu finden.

Welche Strategien werden in Leipzig umgesetzt?

Die Awareness-Teams sind schon ein wichtiger Ansatzpunkt. Dass es eben Menschen gibt, die mit offenen Augen durch den Club laufen und ansprechbar sind, wenn sich jemand unwohl fühlt. Dann die No-G-Strategie zum Beispiel, bei der man die Leute an der Tür fragt, ob sie irgendwelche Flüssigkeiten dabeihaben, die dann abgegeben werden müssen. Außerdem gibt es Becher-Kondome und Nagellacke oder Armreife, mit denen man Getränke auf wenige Substanzen testen kann. Diese Strategien versprechen allerdings eine falsche Sicherheit und sind immer betroffenenzentriert. Das kann nur eine Herangehensweise sein. Es muss viel mehr täter- und täterinnenzentriert sein. Aber auch das ist schwer, weil nicht jeder Gast potenziell als Täter gesehen werden soll.

Welche Verantwortung sehen Sie bei den Veranstaltenden?

Es hängt viel davon ab, wie der Abend strukturell vorbereitet wird. Ich brauche beispielsweise Personal, das fit ist, gut entlohnt wird und verträgliche Arbeitszeiten hat, damit es auch in der gesamten Schichtzeit aufmerksam sein kann. Der Austausch zwischen den Gewerken – Barpersonal, Awareness, Security – sollte gut funktionieren. Es sollte allen klar sein, wie sie sich im Fall XY verhalten, sodass alle Bescheid wissen und Hand in Hand arbeiten können. Das sind Strukturen, die man schaffen kann als Veranstaltende, damit Leute sich sicher fühlen. Aber für eine hundertprozentige Sicherheit kann wahrscheinlich nicht gesorgt werden. Das heißt, die Besucher sind genauso in der Verantwortung.

Wie kann ich mich verhalten, wenn ich merke, dass es einer Person nicht gut geht?

Wenn es Awareness-Strukturen gibt, kann man auf die zurückgreifen. Wenn nicht, dann sollte man an der Bar, der Tür oder dem Sicherheitspersonal Hilfe holen. Es hilft, die betroffene Person aus dem Geschehen rauszunehmen. Deswegen gibt es auch oft Awareness-Räume, damit die Person erstmal in eine reizarme Umgebung kommt. Dann erstmal zuhören und die Frage, was passiert ist, weglassen und abwarten, runterfahren, gucken, was passiert. Immer fragen: Was ist für dich jetzt gerade der nächste Schritt? Es geht darum, betroffenenzentriert zu handeln.

Wo kann man sich in Leipzig denn Hilfe suchen, wenn man einen Spiking-Vorfall erlebthat?

Es gibt den Verein Bellis, der vor allem mit Opfern von sexuellen Übergriffen oder sexuellem Missbrauch arbeiten. Dort gibt es Kontakt zu Ärztinnen, bei denen man eine vertrauliche Spurensicherung durchführen lassen kann. Das geht mittlerweile in jedem Krankenhaus auf der gynäkologischen Station. Dann gibt es verschiedene Beratungsstellen. Beispielsweise die Drugscouts, ein Projekt, das über sicheren Konsum berät. Dort gibt es die Möglichkeit, darüber zu sprechen, was einem passiert ist oder was man glaubt, welche Substanz in das Getränk gekippt wurde. Sonst kann man auch die Clubs oder direkt die Awareness-Teams kontaktieren, um nochmal mit den Menschen zu sprechen und zu erfahren, wie die Nacht für sie abgelaufen ist, an welchen Stellen das Team aufmerksamer hätte sein können.


Der Nachtrat hat einen Leitfaden für Veranstaltende und Nachtarbeitende zum Thema Spiking entwickelt. Link: https://www.nachtrat-leipzig.de/news/stop-spiking-leitfaden

Link zu Bellis: https://bellis-leipzig.de/

Link zu den Drugscouts: https://drugscouts.de/


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