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Kultur

Verbreitung von Unmoral

Kinotipps der Woche

  Verbreitung von Unmoral | Kinotipps der Woche  Foto: Filmstill »Pillion« / Chris Harris


Undergroundfilme aus der DDR im Luru-Kino: Die herzliche Einladung auf ein »Picknick am Zonenrand« kommt von der 1985 formierten Dresdner Gruppe Feige Sau, abgekürzt FESA, und der 1988 gegründeten Band Freunde der Italienischen Oper. Beide eint die Lust am Medium Film, eine unaufhaltsame Experimentierfreude, mit der sie auch die Toleranzgrenzen der Deutschen Demokratischen Republik austesten sowie die beiden Mitglieder Rainer A. Schmidt und Ray van Zeschau. Letzterer wird durch das Programm des Filmabends führen und im Anschluss aus dem Nähkästchen plaudern, etwa über die Herausforderungen von damals und sicher auch über seine bis heute andauernden Inspirationen, Kunst zu schaffen. CLAUDIA HELMERT

»Picknick am Zonenrand – Kurz- und Musikfilme aus den Jahren 1985 bis 2025«: 27. März, 19 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei


Film der Woche:

Pillion
GB/IRL 2025 R: Harry Lighton, D: Alexander Skarsgård, Lesley Sharp, Harry Melling, 107 Min.

Der schüchterne Colin lebt in einer Kleinstadt im Haus seiner Eltern. Im örtlichen Pub trifft er eines Abends auf Ray. Colin ist sofort fasziniert von dem muskulösen Biker und findet sich kurz darauf in einer Seitengasse auf den Knien vor Ray wieder, der ihn erst erniedrigt und dann ignoriert. Der Beginn einer unterwürfigen Beziehung, in der sich Colin von Ray wie ein Hund halten lässt. Er kümmert sich um den Haushalt und schläft auf dem Boden zur Füßen Rays. Auf der anderen Seite lernt Colin aber auch unter den Bikern eine vollkommen neue Welt aus Freundschaft, Anerkennung und Leidenschaft kennen. Basierend auf der preisgekrönten Romanvorlage »Box Hill« von Adam Mars-Jones erzählt Regisseur Harry Lighton mit viel Verständnis, Charme und Witz eine dominante Beziehungsgeschichte. Dabei spart Lighton auch nicht Colins Eltern aus, die sich zunächst liebevoll um seine Bedürfnisse sorgen, aber dann doch erschrocken reagieren, als sie Ray kennenlernen. Der Regisseur vermeidet aber melodramatische Momente bis hin zum schlüssigen Finale. Harry Melling, der als Dudley Dursley in den »Harry Potter«-Filmen begann, zieht als Colin die Sympathien auf sich. Der »Northman« Alexander Skarsgård spielt hingebungsvoll und mit vollem Körpereinsatz. Bei den Filmfestspielen von Cannes wurde das Regiedebüt gefeiert und erhielt den Drehbuchpreis in der Sektion »Un Certain Regard«. 

»Pillion«: ab 26.3., Passage-Kinos


Blue Moon
USA/IRL 2025 R: Richard Linklater, D: Ethan Hawke, Margaret Qualley, Bobby Cannavale, 100 Min.

Sie waren das Traumpaar des Broadways: Zwischen 1919 und den frühen 1940er Jahren schufen Richard Rogers und Lorenz Hart einige der größten Hits des 20. Jahrhunderts. Hart schrieb die cleveren Texte, Rogers komponierte die unvergessenen Melodien. Aus ihrer Feder stammen Evergreens wie »My Funny Valentine« und »Blue Moon«. Für zahlreiche Musicalerfolge schrieben sie gemeinsam über 500 Songs. Regisseur Richard Linklater hegte schon länger den Wunsch, das tragische Leben von Lorenz Hart zu verfilmen, aber erst als sein Freund und Stammschauspieler Ethan Hawke das richtige Alter erreicht hatte, war es soweit. Wie so oft hat sich die bemerkenswerte Geduld, die Linklater (»Boyhood«) bei seinen Projekten an den Tag legt, gelohnt.

Hawke glänzt als Hart und feuert ein Stakkato an cleveren Dialogen ab, die ihm Drehbuchautor Robert Kaplow, mit dem Linklater bereits für „Ich & Orson Welles“ zusammenarbeitete, in den Mund legt. Er zeichnet Hart als einen ebenso bemitleidens- wie liebenswerten Künstler, der neun Monate vor seinem frühen Tod bei der Premierenparty von »Oklahoma!« ein Comeback versucht. Doch seine Liebe zum Alkohol hat einen Keil zwischen ihn und Rogers (Andrew Scott) getrieben. Der feiert mit seinem neuen Partner Oscar Hammerstein II (Simon Delaney) inzwischen noch größere Erfolge. Seine angebetete Elizabeth (Margaret Qualley) sieht in Hart nicht mehr als einen guten Freund, auch wenn seine lebendige Phantasie das anders sieht. So bleibt ihm nur die Gesellschaft des Bartenders Eddy (Bobby Cannavale) und des Pianisten Morty Rifkin (Jonah Lees). „Blue Moon“ ist ein Kammerspiel, das – wie so oft bei Linklater – vom Dauerfeuer seiner Dialoge lebt. Am Ende schwirrt einem der Kopf. Hawks einnehmende Darstellung, für die er auch für den Oscar nominiert wurde, bleibt einem aber noch lange in Erinnerung.

»Blue Moon«: ab 26.3., Passage-Kinos, Regina-Palast


A Useful Ghost
THA/F/SGP/D 2025, R: Ratchapoom Boonbunchachoke, D: Davika Hoorne, Wisarut Himmarat, Apasiri Nitibhon, 130 Min.

Wenn die Liebsten gehen, wünscht man sich, dass sie zurückkehren. Für den thailändischen March wird der Wunsch wahr: Seine an Staubverschmutzung gestorbene Frau Nat lebt wieder – allerdings als Staubsauger. Obwohl Geister und Aberglaube in Thailand eine viel größere Rolle spielen, ist die Familie von der weltenübergreifenden und körperlich werdenden Liaison zwischen Sohn und Sauger wenig begeistert. Es ist schon große Situationskomik, wenn sich im Bild ein Arzt oder Polizist ganz normal mit einem Vakuumreiniger unterhalten. Außerdem wird die Firma von Marchs Familie nach dem Tod eines Arbeiters von dessen Geist heimgesucht, der in die produzierten Haushaltsgeräte einfährt und Unruhe stiftet. Zum großen Showdown treten sogar Kühlschrank und Staubsauger gegeneinander an. Der originelle Film von Ratchapoom Boonbunchachoke verweist in vielen lakonisch-metaphorischen Sequenzen auf den Umgang mit Tod und Vergessen, wird aber auch politisch und klagt am Ende neben Familienstrukturen auch recht konkret Missstände des südostasiatischen Staates, etwa im Umgang mit Protesten, an. Auffällig ist auch die Dominanz der Frauencharaktere.
Die modern-heitere Parabel gerät aber insgesamt etwas zu lang, macht am Ende einen harten Bruch und driftet ins Splatterartige. Trotzdem ist das erfrischende Kleinod kein Fall für die Geisterjäger. MARKUS GÄRTNER

»A Useful Ghost«: ab 26.3., Luru-Kino in der Spinnerei, ab 18.4., Cineding, 29.4., Ost-Passage-Theater


Weitere Filmtermine der Woche

Splitter aus Licht
D/UA/DK, Dok, R: Marcus Lenz, Mila Teshaieva, 93 min

Beginnend mit der Befreiung von Butscha folgt der Film fünf Charakteren, die ihr Leben durch Konflikte, Traumata und Hoffnung steuern.

Zeitgeschichtliches Forum, 26.03. 18:30 (mit Regiegespräch)


Picknick am Zonenrand 

Filme der DDR-Underground-Filmgruppe FESA (feige sau) und der Band Freunde der italienischen Oper von 1985 bis 2025. Durch den Abend führt Ray van Zeschau.

Luru-Kino in der Spinnerei, 27.03. 19:00 (zu Gast Ray Van Zeschau)


Born in Evin
D 2019, Dok

In dem Dokumentarfilm sucht die Tochter politischer Gefangener aus dem Iran die Wahrheit über ihre Geburt in einem Foltergefängnis.

Stadtteiltreff »Klinke«, 28.03. 20:30 (Film und Diskussion, Soli-Abend)


Hungry Hearts
USA 1922, R: E. Mason Hopper, D: Helen Ferguson, E. Alyn Warren, Bryant Washburn, 84 min

Stummfilm auf Basis der Geschichten von Anzia Yezierska über jüdische Einwanderer in der Lower East Side von New York City.

Ariowitsch-Haus, 29.03. 15:00


Speaking Parts 
CAN 1989, R: Atom Egoyan, D: Michael McManus, Arsinée Khanjian, Gabrielle Rose, 93 min

Eine einsame Frau verfolgt einen Kollegen obsessiv, indem sie sich Videos ansieht, in denen er auftritt. Er ist Schauspieler und versucht, eine Rolle in einem neuen TV-Film zu ergattern, den seine Geliebte geschrieben hat.

Schaubühne Lindenfels, 30.03. 18:30 (OmeU, Retrospektive Atom Egoyan)


Luru Archive: Schlüsselparty in Texas / Wo, wann, mit wem?
I 1965 / 1968, R: Gian Luigi Polidoro / Antonio Pietrangeli, D: Ugo Tognazzi, Marina Vlady, Rhonda Fleming / Danièle Gaubert, Philippe Leroy, Horst Buchholz, 215 min

Zwei italienische Erotikkomödien im Doppel.

Luru-Kino in der Spinnerei, 30.03. 20:00


Miss Kobayashi's Dragon Maid: Ein einsamer Drache sehnt sich nach Liebe

Der erste Kinofilm zur beliebten Animeserie.

Regina-Palast, 31.03. 18:00 (OmeU), 20:15 (OmU), Cinestar, Cineplex, 20:00 (OmU)


Der geheimnisvolle Blick des Flamingos
F/CHL/D/ESP/B 2025, R: Diego Céspedes, D: Tamara Cortes, Matías Catalán, Paula Dinamarca, 104 min

Die elfjährige Lidia wächst 1982 im Norden Chiles, in einer staubigen Bergarbeitersiedlung auf, wo sich eine unbekannte und nicht benannte Krankheit Gerüchten zufolge über Blicke verbreiten soll. Das Drama vor dem Hintergrund der AIDS-Epidemie gewann den Hauptpreis der Sektion »Un Certain Regard« in Cannes.

Kinobar Prager Frühling, 31.03. 18:00 (Internationaler Tag für trans Sichtbarkeit, OmU)


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