anzeige
anzeige
Stadtleben

Direktverbindung für die Fernbeziehung

Seit Dezember kann man ohne Umstieg von Leipzig in seine Partnerstadt Kraków fahren

  Direktverbindung für die Fernbeziehung | Seit Dezember kann man ohne Umstieg von Leipzig in seine Partnerstadt Kraków fahren  Foto: Jonas Fritzsche

Seit Dezember kann man ohne Umstieg mit dem Zug von Leipzig nach Kraków fahren – wir haben uns die Partnerstadt und die Städtepartnerschaft angesehen.

Gleich zwei Direktverbindungen gibt es seit Kurzem täglich von Leipzig nach Kraków, den EC 135 um 10.55 und den EC 133 um 14.55 Uhr. Die Strecke ist mit insgesamt sieben Stunden und dreizehn Minuten rund zwei Stunden kürzer als die bisherigen Verbindungen. Dreizehn Städte werden angefahren, unter anderem Hoyerswerda, Legnica, Wrocław und Katowice. Bucht man drei Monate im Vorhinein, kostet die einfache Fahrt inklusive Sitzplatz im Sechser-Abteil 35 Euro.

Der Zug auf Gleis 20 am Leipziger Hauptbahnhof hat Ähnlichkeiten mit dem kürzlich ausrangierten »Nostalgieexpress« zwischen Chemnitz und Leipzig, also kein Bordbistro. Aber er hat Steckdosen und funktionierende Klimaanalagen, außerdem Gepäckablagen auf jeder Seite und ein nicht immer leicht zu öffnendes Fenster pro Abteil. Das Zugpersonal wechselt nach der deutsch-polnischen Grenze. In Wrocław hält der Zug für circa 50 Minuten, es werden Wagen abgekoppelt und der hintere Zugteil fährt weiter. Die restlichen vier Stunden bis Kraków verlaufen sehr entspannt.

Als wir in Kraków Główny in die Tram einsteigen, begrüßt uns auf den Sitzen der Lajkonik, ein bärtiger Reiter auf einem künstlichen Pferd – eine Volksfigur aus dem 13. Jahrhundert. Unsere Unterkunft liegt genau über dem most queer-friendly club der Stadt, wir essen auf dem Plac Nowy mit seinen Bars um rund gebaute Buden, die für den schmalen Złoty unterschiedliche Versionen von Zapiekanka verkaufen, ein überbackenes Baguette mit viel geschmolzenem Käse und Champignons. Die Straßen rund um den Plac Nowy sind gut besucht, das Alchemia, eine Bar mit Restaurant, platzt aus allen Nähten – ein Magnet für Stadtkundige und Touristen.

Ein Tag von Kazimierz aus durch die Stadt

Kazimierz zählt heute als Party- und Touristenhochburg, vor dem deutschen Einmarsch 1939 war es das kulturelle und religiöse jüdische Zentrum in Kraków. Zeugnis davon legen vor allem die zahlreichen Synagogen im Viertel ab. Wenige, wie die Remuh-Synagoge, werden noch zum Beten genutzt; die 1620 von Wolf Popper erbaute und nach ihm benannte Synagoge dient heute als Kulturzentrum und Buchhandlung. Auch die Veranstalter des jüdischen Kulturfestivals, das seit 1988 jährlich im Sommer in Kazimierz stattfindet und jüdische Musikerinnen und Musiker aus aller Welt zusammenführt, nutzen die Räumlichkeiten für Workshops und Veranstaltungen. Am rechteckigen Hof vor der barocken Synagoge schieben wir uns an einer französischen Schulklasse vorbei, bestaunen dann den Innenraum und kaufen einen deutschsprachigen Band mit Zitaten und Lyrik über Kraków.

Ganz in der Nähe befindet sich das Klezmer Hois, ein geschichtsträchtiges Restaurant mit deftiger jüdischer Küche. »Das war das Stammrestaurant von Leopold Kozłowski-Kleinman, ein sehr bekannter Klezmermusiker und musikalischer Berater von ›Schindlers Liste‹, der auch schon einige Male in Leipzig zu Gast war«, erzählt Bernd Karwen, als er mir im Vorfeld der Reise ein paar Tipps gibt. Karwen ist seit 1999 am Polnischen Institut in Leipzig und dort zuständig für die Bereiche Literatur, Politik und Geschichte. Zudem war er Vorsitzender des Städtepartnerschaftsverein Leipzig-Kraków. »Für Touristen ist das Klezmer Hois ein sicherer Anlaufpunkt«, resümiert er.

Auch kein gastronomischer Geheimtipp ist das Hevre, ebenfalls im jüdischen Viertel: 1896 als Gebetshaus von Architekt Nachman Kobald gebaut, diente es nach 1951 als Hauptquartier des polnischen Folk-Song- und Tanz-Ensembles Krakowiacy. Seit 2017 ist es ein Restaurant. An den Wänden verstreut sind biblische Motive und Fresken zu sehen, von der Decke hängen hundert Jahre alte Rattan-Pendelleuchten. Gegen 11 Uhr ist es gut gefüllt. Die Frühstückskarte bietet genügend vegane und vegetarische Gerichte, wir nehmen Schakschuka und gebackenes süßes Brot mit Mandelcreme. Die englischsprachige Reisegruppe am Tisch neben uns entscheidet sich mehrheitlich für Cocktails.

Am Nachmittag spazieren wir aus dem Viertel über die Weichsel. Wer auf brutalistische Klötze und anderweitig Modernes steht, gehe ins MOCAK, das Museum für zeitgenössische Kunst. In der Ausstellung »House of Day, House of Night« sind Werke von polnischen Künstlerinnen und Künstlern zu sehen, die lose auf Olga Tokarczuks gleichnamige Novelle referieren. Im hauseigenen Café Amant besonders empfehlenswert: das Amant-Spezial, eine Focaccia mit dreierlei Butter, eingelegten Gurken, Bundz-Käse und Tomatenkonfitüre. Auf dem Rückweg laufen wir durch den Stadtteil Podgórze. Am Ende des von Straßenlaternen ausgeleuchteten Rynek Podgórski thront die Josefskirche. Wir wollen sie uns von innen anschauen – und platzen in eine Messe rein. Wir stolpern wieder raus und in den nahe gelegenen Buchladen De Revolutionibus Book. Hier gibt es ausreichend englischsprachige Lektüre und Sitzecken zum Lesen zwischen den Büchern. Über die Weichsel geht es von Podgórze ins jüdische Viertel zurück.

Anderentags verlassen wir Kazimierz, um den gängigen Sehenswürdigkeiten rund um den Stadtkern einen Besuch abzustatten: Wir laufen in Richtung Wawel, schauen uns so viel wie möglich vom Schloss an, ohne ein Ticket zu zahlen, und laufen dann an der Weichsel weiter zum Planty Parc, einer Parkanlage in Hufeisenform, die den Stadtkern umschließt. Das Chimera ist eine fantastische Salatbar, dank unglaublich vieler Pflanzen irgendwo zwischen Bistro und Orangerie. Nach einer Runde über den Marktplatz und durch die Tuchhallen laufen wir noch auf Empfehlung einer Studentin, die wir im Chimera kennengelernt haben, zu Massolit Books – ein Buchladen, in dem ein Kachelofen brennt. Wir spielen Schach und vergessen die Zeit.

Städtepartnerschaften als Wellenbewegung

Bereits in den Fünfzigern und Sechzigern reisten Jugendliche von Leipzig nach Kraków: »Die Aktion Sühnezeichen sollte zeigen, dass man sich absetzt von dem, was passiert ist – sie beinhaltet eine Arbeit am Wiederaufbau in durch die NS-Besatzungen verwüsteten Gebieten«, sagt Karwen. »In Kraków bedeutete das vor allem: Trümmer beseitigen und jüdische Friedhöfe pflegen.« Die Aktion Sühnezeichen besteht bis heute. Die Städtepartnerschaft zwischen Leipzig und Kraków wurde 1973 ins Leben gerufen. »Städtepartnerschaften bewegen sich immer in Wellen«, sagt der Leipziger Stadtführer und Stadtrat Marius Wittwer (SPD). »Sie sind eher ein neues Phänomen, Versöhnungsprojekte in vielen Teilen Europas, die nach dem Krieg als symbolische Verbindung gesehen wurden.«

Im Oktober 1989 reiste der Leipziger Fotograf Harald Kirschner nach Kraków und wurde Zeuge, wie 200 bis 300 Jugendliche der unabhängigen oppositionellen Jugendinitiative WiP (Freiheit und Frieden) das Kultur- und Informationszentrum der DDR einmauern und durch Transparente und Graffiti Solidarität mit den Protesten in Leipzig zeigen. Einer Aufschrift zufolge dürfe Leipzig demnächst selbst »lernen, wie man Mauern einreißt«. Bilder dieser Aktion wurden in einer Ausstellung zum fünfzigsten Städtepartnerschaftsjubiläum 2023 gezeigt.

Nach 1990 ist es vor allem dem Bestreben von Friedrich Magirius, dem langjährigen Pfarrer der Nikolaikirche, zu verdanken, dass die Partnerschaft zwischen den beiden Städten neu auflebte: Der »Brückenbauer« bereiste im Rahmen der Aktion Sühnezeichen mehrmals die Stadt. Magirius gründete den Bürgerkreis Leipzig–Kraków, organisierte zahlreiche Schüler- und Kulturaustausche, hielt Kontakt zu Vertreterinnen und Vertretern vor Ort und bereiste auch immer wieder Auschwitz. Für sein Engagement wurde Magirius 2005 Ehrenbürger Krakóws, 2022 auch in Leipzig. Zum schon erwähnten fünfzigsten Jubiläum der Städtepartnerschaft erschien ein hundertseitiges Buch über die gemeinsame Geschichte und die aktuellen Projekte. Zudem tauschen sich die Jugendparlamente beider Städte aus. »Städtepartnerschaften gehen zumeist aus Vereinen oder der Zivilgesellschaft hervor und werden dann von der Politik untermauert«, sagt Marius Wittwer. Die Partnerschaften seien ein »kommunales Fühlerausstrecken«. Aktuell spielt die Verbindung zu Kraków politisch nicht so eine große Rolle, dafür wird stark an der zu Kyjiw gearbeitet, erklärt Stadtrat Wittwer.

Der Mann aus Marmor

Für Nowa Huta, die erste sozialistische Planstadt, sollte man lieber einen ganzen Tag einplanen. 1949 erbaut, 1951 an Kraków angegliedert, in den Achtzigern wurde hier die Produktion der millionsten Tonne Stahl gefeiert. Der Film »Der Mann aus Marmor« von Andrzej Wajda aus dem Jahr 1977 zeigt den Prozess des Stadtaufbaus und den Mythos des Helden der Arbeit. Mit der Tram fährt man von Kazimierz ungefähr eine halbe Stunde zum Ronald-Reagan-Platz, zentralistisch gebaut, alles sieht aus wie mit dem Lineal gezogen. Wie in Grünau oder Halle-Neustadt also.

Bernd Karwen erzählt, dass der Neubau mit Zentralheizung und Warmwasser für die Leute natürlich erst mal aufregend war. »Irgendwann zeichnete sich aber ab, dass das rein Sozialistische den Leuten nicht reicht – und plötzlich stand da irgendwo ein Kreuz. Entgegen der Partei«, führt Karwen weiter aus, »wurde in den Siebzigern unter starkem Materialmangel von den Arbeitern selbst eine katholische Kirche gebaut: die Arche des Herrn – unter Einheimischen auch als Arche im roten Meer bezeichnet.« Eingeweiht hat die Kirche 1978 Karol Woityla, der ein Jahr später Papst Johannes Paul II. wurde. Am Eingang der Kirche prangt eine Statue von ihm. Die Kirche, vom Architekten Wojciech Pietrzyk erbaut, sieht tatsächlich aus wie eine Arche, mit segelartigen Betonwänden, Kreuzmast und gigantischem Glasdach. Wir laufen weiter entlang der Allee Solidarności. Im Podziemna Nowa Huta kann man mit einer englischsprachigen Führung die kilometerlangen unterirdischen Bunkeranlagen und Schutzräume anschauen, die in den Fünfzigern aus Angst vor einem Atomkrieg gebaut wurden. Rund ums Sozialistische-Planstadt-Anschauen entstand in der Stadt in den letzten Jahren ein eigener Tourismuszweig: etwa Führungen durch die stillgelegten Tadeusza-Sendzimira-Stahlwerk-Kombinate. Für 500 Złoty (rund 120 Euro) kann man sich auch mit einem Lada 1201 oder einem Fiat 126 vom Hotel in der Innenstadt abholen lassen und sich Nowa Huta und vielleicht sogar das Scheitern des Sozialismus in knapp zwei Stunden von einem Local erklären lassen.

Wer sich ein bisschen detaillierter mit der Geschichte Krakóws und auch Nowa Huta auseinandersetzen möchte, greife zum Buch »Kraków – Mitten in Europa« von Jacek Purchla. Wir drehen noch eine Runde um den künstlich geschaffenen See Zalew Nowohucki, bis in die Siebziger ein beliebter Badeort. Anschließend kehren wir zum Plac Centralny im Ronalda Reagana zurück und schauen im Green Caffé Nero bei einer guten Tasse Kakao dabei zu, wie draußen mehr oder weniger erfolgreich Unterschriften gegen den Krakówer Bürgermeister gesammelt werden.

Am Rückreisetag nehmen wir um 9.55 Uhr den Zug nach Leipzig. Auf dem Bahnhof in Kraków ist es zunächst etwas unübersichtlich, weil es neben der Bezeichnung für Plattform (Peron) und Gleis (Tor) auch noch die Beschriftung Sektor (Abschnitt) gibt. Bei der Buchung der Rückfahrt macht die DB-App häufiger mal Probleme, weshalb empfohlen wird, die Tickets für die Rückfahrt am Schalter zu kaufen. Ab Wrocław ist es sehr leer im Zug. Wir schauen den Kranichen zwischen Wrocław und Legnica bei der Nahrungssuche zu. Zwischen Węgliniec und Hoyerswerda bekommen wir Besuch: Die Bundespolizei will unsere Ausweise sehen. Gegen 17.20 Uhr kommen wir an, trotz langer Fahrt sehr entspannt. Polnisch müsste man lernen, denke ich.


Kommentieren


0 Kommentar(e)