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Kultur

»Angela Merkel hat abgesagt«

Martin Hommel und Fabian Schuetze im Gespräch über ihren Musikempfehlungsnewsletter »Ein Song reicht«

  »Angela Merkel hat abgesagt« | Martin Hommel und Fabian Schuetze im Gespräch über ihren Musikempfehlungsnewsletter  »Ein Song reicht«  Foto: Maksym Lobachov / Martin Hommel (li.) und Fabian Schuetze


Was ist eigentlich der Lieblingssong von Menschen wie Gregor Gysi, Sabine
Rückert oder Conchita Wurst? Antworten auf diese Frage liefert der »Ein Song reicht«-Newsletter: Jeden Tag stellt dort eine bekannte Persönlichkeit aus Politik, Kultur oder Medien ihren Lieblingssong vor. Genre, Bekanntheit oder Alter des Stücks sind egal, einzige Voraussetzung: Es muss von einer Künstlerin oder einem Künstler aus Deutschland kommen. Musikjournalist Martin Hommel und Fabian Schuetze, Gründer der Booking-Agentur Golden Ticket und des Musikmagazins
Low Budget High Spirit, haben das Projekt vor zwei Jahren ins Leben gerufen – und mittlerweile über 15.000 Abonnentinnen und Abonnenten gewonnen.

Wie kam es zur Idee für dieses Format?

FABIAN SCHUETZE: Wir machen Musikbusiness, und wir haben da in den letzten Jahren die Herausforderung gehabt, dass uns die Medien und Outlets wegbrechen, bei denen die Musik, die wir machen, überhaupt noch besprochen wird. Ich kenne mich ein bisschen mit Newslettern aus und wusste um deren Kraft. Dann war das eine naheliegende Idee. So funktionieren ja die besten Musik-Empfehlungen: Dass dir jemand etwas empfiehlt, persönlich, from the heart. Wir fanden es auch spannend, dass wir als Redaktion komplett rausgenommen sind. Wir kuratieren nur die Empfehler:innen. Wir versuchen da eine gewisse Diversität sicherzustellen und interessante Leute rauszuholen, aber wir haben keine Macht darüber, was empfohlen wird.

Was ändert sich, wenn die Empfehlungen nicht von professionellen Kuratorinnen oder Musikjournalisten kommen, sondern von Menschen aus ganz verschiedenen Bereichen?

MARTIN HOMMEL: Es ist halt nicht journalistisch. Die Songs werden nicht eingeordnet, es gibt keinen Überbau drum herum und keine Kontextualisierung. Es ist einfach eine Empfehlung und die Person, die empfiehlt, erzählt, warum sie den Song gut findet. Quasi wie wenn man früher in den Plattenladen gegangen ist und der Typ dort sagt: Das und das musst du hören. Nicht weil das jetzt gerade der neue Scheiß ist und irgendjemand aus England das auch gesagt hat, sondern weil ich das gehört habe und es mich komplett umgehauen hat. Ich denke, das macht etwas mit Leuten.

Warum so ein altbackenes Format wie der Mail-Newsletter und nicht, sagen wir, ein Podcast oder eine Instagram-Serie?

HOMMEL: Es ist ein sehr ruhiges Format. Da wartet nicht gleich der nächste Slide oder die nächste Story. Du kriegst das jeden Morgen in dein E-Mail-Postfach. Du kannst auch entscheiden, wann du das liest. Da gibt es sehr viel weniger Ablenkung als überall sonst. Und jetzt noch ein Format zu machen, das sich zwischen die ganzen Formate auf Instagram einreiht, haben wir nicht so richtig gesehen.

SCHUETZE: Am Ende rechnet man das ja in Metriken. Und hier ist die entscheidende Metrik, wie viel echten Clickthrough, also wie viele Youtube-Views, Spotify-Streams usw. kriegst du auf den Song. Da schafft so ein Newsletter, wie wir ihn haben, 50 bis 100 Mal mehr Nutzung, als jeder Social-Media-Post das jemals haben könnte. Denn die App hält die Leute in der App. Und die wollen da auch ungern raus. Das ist ja die Social-Media-Realität heute. Wenn wir den Newsletter verschicken, können wir sehr gut sehen, dass da oft bis zu 3.000 echte Nutzungen rauskommen, und zwar innerhalb von 24 Stunden. Den Traffic schiebt auch kein deutsches Musikmedium mehr auf deinen Song drauf. Nicht mit einer Rezi, nicht mit irgendwas anderem. Und auch kein Radio-Airplay der Welt.

Wer empfiehlt die Songs?

HOMMEL: Die Idee dahinter ist ja, dass das prominente Personen sind. Als wir angefangen haben, waren das erst mal Leute aus dem Business, die wir kennen und die auch eine Reichweite mitbringen. Mittlerweile suche ich eher weniger in der Musik und mehr bei Schauspiel, Sport, Literatur, Politik, Wirtschaft und so weiter. Es wird auch immer ein bisschen einfacher, weil sich das Projekt rumgesprochen hat. Mittlerweile kriegen wir auch richtig große Namen. Wir hatten jetzt erst Roland Kaiser, an dem habe ich echt eine Weile rumgebaggert. Iris Berben hat mitgemacht oder die Fußballerin Laura Freigang. Leute zu kriegen, von denen man nicht unbedingt denken würde, dass die auch einen coolen Musikgeschmack haben, das ist so ein Kniff.

Gab es in den beiden Jahren Empfehlungen, die sehr überrascht haben?

HOMMEL: Überrascht bin ich vor allem immer, wenn Leute mitmachen, bei denen ich denke, die machen auf keinen Fall mit. Zum Beispiel Bernhard Hoëcker. Da habe ich das Management angeschrieben und er schrieb sofort selber zurück, dass er dabei ist. Er hat dann so einen achtminütigen Metal-Song empfohlen. Das sind coole Momente. Sabine Rückert vom Zeit-Verbrechen-Podcast war auch witzig. Sie hat einen Song empfohlen von der Band Das Lumpenpack. Der Song heißt »Sabine R.« und es geht darum, dass sie selbst Leute umbringt, damit sie was zu erzählen hat.

SCHUETZE: Ich denke, der Punkt ist, dass du mehrmals die Woche klein überrascht wirst. Weil du denkst: Okay, das hätte ich jetzt nicht gedacht. Oder weil es ein überraschender Song ist, auf den man sonst nicht gestoßen wäre.

Der Newsletter kostet die Abonnentinnen und Abonnenten nichts. Wie finanziert sich das Ganze?

SCHUETZE: Ich investiere Geld in solche Projekte, um sie aufzubauen. Da sind wir auf dem Weg zum Break irgendwo in der Mitte. Wir machen dieses Jahr größere Kooperationen, zum Beispiel mit dem Streaming-Anbieter Qobuz. Da verkaufen wir nicht nur einzelne Werbeslots, sondern größere Pakete. Als Werbeumfeld macht es für die Branche auch ultra Sinn. Das sind genau die Leute, die überproportional viel zu Konzerten gehen und sich für neue Musik interessieren. Am Anfang hatte ich auch ein bisschen Förderung vom Wirtschaftsamt Leipzig, weil ich neue Arbeitsplätze geschaffen habe. Dann gibt es noch eine wachsende Steady Community. Aber man muss halt versuchen, sehr clever zu sein, um so ein Projekt wirtschaftlich nachhaltig aufzubauen. Und wenn es sich nicht trägt, ist Schluss, wir üben kein Ehrenamt aus.

Wer sollte unbedingt noch bei »Ein Song reicht« dabei sein?

HOMMEL: Herbert Grönemeyer oder Helene Fischer, einfach so einen Namen mal.

SCHUETZE: Angela Merkel hat schon abgesagt. Aber so alte Ikonen wie Gregor Gysi oder Claudia Roth haben mitgemacht. Aber ich hätte gerne mal was auf Bundeskanzlerniveau.

HOMMEL: Lars Klingbeil hat mitgemacht. Der Vizekanzler war schon dabei.

SCHUETZE: Ich träume noch von Top-Sportlern. Ich hätte gerne so einen Dennis Schröder.

HOMMEL: Oder Jan Böhmermann. Die ganze ZDF-Magazin-Redaktion hat schon mitgemacht und ich weiß, er kennt das Format. Da frage ich alle halbe Jahre mal beim Management.

SCHUETZE: Aber wir respektieren auch, wenn Leute sagen, dass es für sie schwierig ist, einen Song rauszusuchen.


Link zum Newsletter: www.einsongreicht.de


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