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Sport

Mammutmarsch in (und um) Leipzig

Sportredakteur Jan Müller über die Erfahrung, 55 Kilometer am Stück zu gehen.

  Mammutmarsch in (und um) Leipzig | Sportredakteur Jan Müller über die Erfahrung, 55 Kilometer am Stück zu gehen.  Foto: Jan Müller

55 Kilometer zu Fuß durch Leipzig: Beim Mammutmarsch stellt sich Jan Müller gemeinsam mit seinem Bruder und Freunden der Herausforderung. Zwischen Versorgungsstopps, ersten Schmerzen und wechselnder Motivation wird schnell klar, dass es bei der Strecke nicht nur um Ausdauer, sondern auch um mentale Stärke geht.


Geschwister zu haben, ist etwas Wunderbares, verstehen Sie mich nicht falsch. Großartige gemeinsame Erinnerungen, Höhen und Tiefen und unbedingte Liebe. Ebenso gehören dazu aber auch fragwürdige Ideen und die damit verbundenen Resultate. Ein Beispiel: Zu meinem Vorteil (der Gewinner bestimmt das abendliche Fernsehprogramm) veranstaltete ich einst mit meinem kleinen Bruder ein Wettrennen vom Bolzplatz nach Hause. Um mir den Sieg auf die letzten Meter zu sichern, hielt ich es für eine gute Idee, das Gartentor, über das mein Bruder just in diesem Moment kletterte, aufzureißen. Das Resultat war der ein oder andere Milchzahn im dünnen Rasen und eine Rüge seitens unseres Vaters, die sich gewaschen hatte. Mein Bruder erinnert sich nicht an dieses Ereignis, was ihn wiederum nicht davon abhält, weiterhin fragwürdige Ideen (mit unabsehbaren Resultaten) zu haben, auch im Erwachsenenalter. Und so kam es zur Anmeldung für den Mammutmarsch in Leipzig. Die Eventreihe besteht seit 2006 und im Wesentlichen aus Wanderungen über lange Distanzen: 30, 42, 55 oder gar 100 Kilometer. Unterwegs gibt es Versorgungsstationen und ggf. medizinische Versorgung, im Ziel Urkunde und Medaille.

Anfang März gehen mein Bruder und ich mit Freunden von ihm für die 55 Kilometer an den Start an der Rennbahn im Clarapark. Um 8 Uhr morgens sind wir eine der letzten Gruppen, die sich aufmachen. Nach kurzem, peinlich-süßem Einheizen der Teilnehmer (»Ich sage: Mammut, ihr sagt: Marsch!«) geht es los in Richtung Norden. Bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen laufen wir das Elsterflutbecken und die Luppe entlang. Was auffällt, ist die Diversität der Wandernden: vom Schwarzenegger-Lookalike, der an uns vorbeijoggt, bis hin zu gemütlichen Zeitgenossen mit Plüschmammut am Rucksack. Und überhaupt, die Rucksäcke: Die Erfahrenen haben Patches daran befestigt, die Auskunft geben über die absolvierten Kilometer. 500 km sind keine Seltenheit und man kriegt den Eindruck, es handelt sich zu einem großen Teil um Wiederholungstäter.

Nach knapp fünfzehn Kilometern und einer Schleife über Wahren erreichen wir am Haus Auensee die erste Versorgungsstation mit Snacks und Getränken. Wir verweilen nicht länger als nötig und nun geht’s westlich der Elster nach Süden, meine Begleiter sind hier bereits absolut begeistert von der schieren Menge an Kleingartenanlagen, die Leipzig zu bieten hat. Nachdem wir das RB-Trainingszentrum passieren, laufen wir Richtung Südwesten. Nach etwa 28 Kilometern erreichen wir mit der Radrennbahn in Kleinzschocher die nächste Versorgungsstation. Langsam spürt man die Füße, erste Blasenpflaster werden verklebt. Die Stimmung ist gut, wir sind nun seit knapp fünf Stunden unterwegs. Dann geht es weiter durch den Auwald und an der Pleiße entlang Richtung Cospudener See. Als einer unserer Begleiter Zweifel an seinem Durchhaltevermögen äußert, wird er von einer älteren Dame zurechtgewiesen: »Aufhören gibt’s nicht! Ich zieh das hier auch durch, junger Mann!« Keine Widerrede. Die Gesprächsthemen bewegen sich auf einer Skala zwischen pubertärem Fäkalhumor und tiefgründigen Beziehungsanalysen. Zwischenzeitlich wird auch mal geschwiegen und die Landschaft genossen. Der vorletzte Stopp ist dann im Kees’schen Park das kulinarische Highlight: Es gibt Hotdogs. Wir sind uns einig, jetzt wird es hart.

Langsam zwickt es jedem irgendwo und die Füße sind müde. Aber es sind noch knapp zwanzig Kilometer; im Zickzack geht es Richtung Osten und durchs Dölitzer Holz gen Völkerschlachtdenkmal. Je nach aktueller Verfassung strahlt die Nachmittagssonne entweder motivierend durch die Bäume oder lacht höhnisch auf einen herab. Mal tun einem diverse Körperteile weh, im nächsten Moment fühlt man sich wieder fit und voller Energie, es ist ein mentales Auf und Ab. Auf dem großen Parkplatz am Völkerschlachtdenkmal dann die letzte Station. Noch mal Cola und Kuchen reinhauen, auch wenn man keine Lust mehr hat zu essen – der Körper braucht die schnellen Kohlenhydrate. An der Bierzeltgarnitur kommen wir mit unserem Nachbarn ins Gespräch, der nachdenklich eine Zigarette raucht. Zehn Kilometer, das schaffen wir jetzt noch. Unrund laufen wir wieder los. Letzte Etappe! Bei sinkender Sonne geht es durch Marienbrunn Richtung Auwald. Ich träume von Fußbädern und meiner Couch. Einen Fuß vor den anderen setzen. Der Waldboden fühlt sich an wie eine Melange aus Lego- und Kieselsteinen.

Dann sind es noch fünf Kilometer, durch den Clarapark laufen wir noch einen Bogen ums Karl-Heine-Denkmal, bis wir endlich über die Sachsenbrücke auf die Zielgerade einbiegen. Die kitschige Motivationsmusik aus den überdimensionierten Boxen nimmt man gerne in Kauf – wir haben es geschafft! Liegen uns in den Armen, klopfen uns auf die zwickenden Rücken und die schwitzigen Schultern. Was für eine Plackerei und was für ein belohnendes Gefühl nach über elf Stunden Wandern. In den folgenden Tagen pflege ich eine smartphonegroße Blase und kriege eine Mail von den Veranstaltern: 93 Prozent der 55-Kilometer-Teilnehmenden haben den Marsch absolviert. Was für eine Quote.

www.mammutmarsch.de


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