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Politik

G(roße) U(nruhe)

In Grünau sollen Gemeinschaftsunterkünfte für Hunderte Geflüchtete entstehen

  G(roße) U(nruhe) | In Grünau sollen Gemeinschaftsunterkünfte für Hunderte Geflüchtete entstehen  Foto: Annika Zegowitz

Die Pläne der Stadt, in Grünau Gemeinschaftsunterkünfte für mehrere hundert Geflüchtete zu errichten, erhitzen die Gemüter. Sowohl im Stadtrat als auch im Ort stößt das Vorhaben auf Widerstand. 

In der Plovdiver Straße in Grünau-Nord, wenige Gehminuten entfernt von der Haltestelle Jupiterstraße, ist ein Grundstück eingezäunt. Hier soll bald eine Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete, eine sogenannte GU, entstehen. Bis Ende 2027 will die Stadt fünfzig Wohnungen für 240 Menschen bauen, dazu einen Spielplatz und eine Sportanlage. Eine weitere Unterkunft ist in der Grünauer Allee geplant, dort sollen bis zu 200 Menschen unterkommen. Die Begeisterung im Plattenbaugebiet hält sich in Grenzen. Auch im Stadtrat wurde ein Antrag gestellt, die Pläne zu überdenken. Verantwortlich dafür war die Linken-Politikerin Juliane Nagel. In einem Stadtbezirk mit hoher Armutsquote, Jugendhilfebedarf und überlasteten Hilfesystemen halte man den Plan »für stadtentwicklungs-, sozial- und integrationspolitisch falsch«, erklärte Nagel in einer Rede im Stadtrat. Deshalb plädiert die Linke dafür, den Standort in der Grünauer Allee nicht als Gemeinschaftsunterkunft, sondern als Wohnhaus für verschiedene Bevölkerungsgruppen zu planen. Für die GU in der Plovdiver Straße, deren Planung weiter fortgeschritten ist, ersucht die Partei beim Oberbürgermeister um eine kritische Überprüfung des Konzepts nach drei Jahren. Gegebenenfalls soll dann eine Nutzung als Wohnhaus in die Wege geleitet werden. Um ihren Antrag zu untermauern, beruft sich Nagel auf zwei Beschlüsse: zum einen den Stadtratsbeschluss zur dezentralen Unterbringung aus dem Jahr 2012, der vorsieht, Geflüchtete auf Wohnungen und kleine Wohneinheiten im Stadtgebiet zu verteilen; zum anderen auf das Quartierskonzept der Stadt für die Grünauer Wohnkomplexe 7 und 8: Darin wird eine Verbesserung der Wohnqualität angestrebt. Last, but not least fordert Nagel die Verwaltung dazu auf, sich für die Nutzung der ehemaligen Kaufhalle am Jupiterplatz einzusetzen, um einen Ort des Zusammenkommens in Grünau-Nord zu schaffen. Die Ausgestaltung der Unterkünfte, die im Anschluss an Nagels Rede diskutiert wird, ist auch vor Ort in Grünau schon lange Thema – also zurück auf Anfang und zurück ins Plattenbaugebiet.

Info-Debakel und erhitzte Gemüter

Von dem geplanten Neubau in der Plovdiver Straße habe man hier zufällig erfahren, erzählt uns Sigrun Kabisch – über einen Tagesordnungspunkt für eine Sitzung des Stadtbezirksbeirats West im Mai 2025. Kabisch ist Mitglied des Quartiersrats in Grünau. Als Verantwortliche für die Themen Zusammenleben und Nachbarschaft repräsentiert sie dort die Anwohnenden. Gemeinsam mit Sigrid Juhran, Bürgervertreterin im Quartiersrat, erzählt sie im Gespräch auf einer Parkbank neben der Baustelle to be, wie man in Grünau auf die Pläne reagiert hat: Die Information über das geplante Bauprojekt habe sich wie ein Lauffeuer verbreitet, erinnert sie sich. Das Interesse der Bevölkerung sei riesig gewesen, der Sitzungssaal platzte schon vor Veranstaltungsbeginn aus allen Nähten: »Und dann muss man sagen, dass diese gesamte organisatorische Vorbereitung und Durchführung eine Katastrophe war – da brannte die Hütte.« Bürgerinnen und Bürger äußerten Sicherheitsbedenken, Angst vor steigender Kriminalität und Zweifel daran, dass eine Integration Geflüchteter möglich sei, so das Protokoll der Veranstaltung. Darin werden auch rassistische Aussagen von Teilnehmenden zitiert. Eine Anfrage der Grünen im Nachgang der Veranstaltung an die Stadtverwaltung beschreibt die Stimmung als aggressiv und die Geschehnisse auf der Versammlung als »tumultartig«, dort ist sogar die Rede von Drohungen gegen Mitglieder des Stadtbezirksrats durch Teilnehmende.

Die Reaktionen der Bewohnerinnen und Bewohner auf die Baupläne seien überwiegend negativ und ablehnend gewesen, bestätigt auch Juhran. Den Grund dafür sehen sie und Kabisch in der schlechten Kommunikation der Pläne durch die Verwaltung: »Das hätte nachvollziehbar gemacht werden und vernünftig begründet werden müssen«, so Kabisch. »Warum gerade hier, da der Anteil von migrantischen Mitbewohnern schon bei 27 Prozent liegt« – das ist nicht der höchste Wert in Leipzig, sind aber sechs Prozentpunkte mehr als der stadtweite Durchschnitt.

Wie immer fehlt es an Ressourcen

Um den Entwicklungen entgegenzuwirken und die Akzeptanz für die Gemeinschaftsunterkünfte zu fördern, wurde im Quartiersrat ein Positionspapier entworfen und an die Stadtverwaltung geschickt. In sieben Punkten wird darin, unter anderem, dazu aufgerufen, Unterstützungssysteme für Wohnumfeld, Schulen und Kitas auszubauen und ein niedrigschwelliges Informationsformat für die Bevölkerung zu schaffen. Außerdem wird gefordert, Sorgen und Ängste der Grünauer Bevölkerung in Bezug auf Sicherheit und Kriminalität anzusprechen und ernst zu nehmen. Im Anschluss trafen sich Vertreterinnen des Quartiersrats zweimal mit Martina Münch, der Bürgermeisterin für Soziales, Gesundheit und Vielfalt – zu konstruktiven Gesprächen, betont Kabisch: »Die Vorschläge wurden angenommen, aber sie wurden bisher nicht voll umgesetzt, unter anderem aufgrund von finanziellen Engpässen.« Im Dezember 2025 gab es dann eine weitere Informationsveranstaltung – besser vorbereitet und mit der Möglichkeit für Anwohnende, schon im Vorhinein Fragen an die Stadtverwaltung zu richten. Trotzdem steht man den GUs im Plattenbaugebiet nach wie vor negativ gegenüber. Nach Kabischs Ansicht gehe es dabei vor allem um Verteilungsfragen: Schon jetzt seien Sportplätze zu klein und schlecht ausgestattet, schon jetzt fehlen in Schulen soziale Angebote. Dabei sei es an der Verwaltung, Prioritäten zu setzen und die nötigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen: »In diesem Stadtteil wurde bereits so viel Integrationsleistung erbracht – und die ist anzuerkennen. Das heißt auch, dass man entsprechend Spielplätze braucht und sozialpädagogische Unterstützung im Kindergarten und in der Schule.«

Für mehr pädagogisch begleitete Freizeitorte und sozialpädagogische Unterstützung plädiert auch Philipp Rödel von der Projektgruppe Greater Form, die kulturelle Teilhabe für Kinder und Jugendliche ermöglichen will. Rödel arbeitet in Sichtweite der geplanten Unterkunft. Er hält es für kritisch, das Viertel mit weiteren sozialen Herausforderungen zu konfrontieren. Das könne, seiner Einschätzung nach, nicht konfliktfrei vonstattengehen: »In jedem Fall werden Leute in Notlagen untergebracht werden. Das hat nicht immer Einfluss auf das Umfeld, aber man kann davon ausgehen, dass es hilfreich ist, wenn es flankierende Maßnahmen gibt.« Eine solche Maßnahme könnten Begegnungsräume sein, außerhalb von bezahltem Konsum, mit sozialen Beratungsangeboten für Kinder und Jugendliche. Dafür benötige es allerdings eine stabile Finanzierung, erklärt er weiter – und mehr Engagement der Stadt für das Plattenbaugebiet. »Nach meinem Kenntnisstand sind von den Maßnahmen, die im Quartierskonzept angedacht waren, sehr wenige umgesetzt«, kommentiert Rödel.

Am Stadtrat vorbei

Im Stadtrat hat Juliane Nagel sich der geplanten GUs angenommen. »Ich habe immer das Gefühl, ich muss vorausschicken, dass wir als Linke nicht gegen die Unterbringung von Geflüchteten sind und Menschen aufnehmen wollen – auch mehr, als Leipzig bisher aufnimmt«, stellt sie zu Beginn des kreuzer-Interviews vorsorglich klar. Gemeinschaftsunterkünfte, gerade in Grünau, seien aber nicht der Weg, dieses Ziel zu erreichen – deshalb setze man sich für alternative Wohnkonzepte und eine stärkere soziale Durchmischung ein. »Menschen, die in GUs leben, sind oft in einer prekären Situation, psychisch und sozial – sie müssen erst mal ankommen. Gemeinschaftsunterkünfte sind aber nicht integrativ, sie wirken gegenteilig abschottend«, sagt Nagel. Aufgrund der Ballung sozialer Herausforderungen im Plattenbaugebiet fürchte man, dass die Situation sich weiter verschärfe. Um diesem Szenario entgegenzuwirken, schlägt der Antrag der Linken eine Entwicklung der GUs hin zu Wohnhäusern vor. Die Pläne zur Umwandlung der GU in der Grünauer Allee in ein Mehrfamilienwohnhaus sowie die spätere Evaluierung der Nutzung der Plovdiver Straße wurden im Stadtrat angenommen – ausgerechnet mit Stimmen der AfD. Nicht die glücklichste Konstellation, räumt Nagel ein. Es bleibt aber ohnehin abzuwarten, ob und inwieweit die Beschlüsse von der Verwaltung umgesetzt werden. Nach deren offiziellem Standpunkt seien sie rechtswidrig: Der Stadtrat könne sich nicht in die Unterbringung und Versorgung von Geflüchteten und die Nutzung von Gemeinschaftsunterkünften einbringen, da dies in den ausschließlichen Zuständigkeitsbereich des Oberbürgermeisters falle. Eine falsche Darlegung, argumentiert Katharina Krefft (Grüne) im Stadtrat: »Die Ausgestaltung der Unterbringung ist Sache der örtlichen Gemeinschaft. Folglich dürfen wir mitsprechen, wie Asylsuchende in dieser Stadt untergebracht werden«. Nagel fürchtet dennoch, die Stadt könnte die Beschlüsse aus rechtlichen Gründen kassieren. »Das fände ich sehr feige«, erklärt sie dem kreuzer. Die Abstimmung des Stadtrats sei ein politisches Votum, sie hoffe sehr, dass die Verwaltung es ernstnehme. Nach ihrer Auffassung unterminiert die Verwaltung mit den geplanten GUs und der drohenden Kürzungspolitik die Vereinbarungen zur gezielten Förderung von Schwerpunkträumen sowie den Beschluss zur dezentralen Unterbringung von Geflüchteten. Das Dezernat Soziales, Gesundheit und Vielfalt äußerte sich auf eine kreuzer-Anfrage dazu nicht. Zumindest Sigrid Juhran vom Quartiersrat blickt aber optimistisch auf die zukünftige Ausgestaltung der Unterkünfte und ein mögliches Einbeziehen der Anträge durch die Verwaltung: Das Konzept, Wohnhäuser für verschiedene Bevölkerungsgruppen zu planen, sei gut, betont sie: »Steter Tropfen höhlt den Stein.«


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