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Stadtleben

Mit Wolle statt Popcorn in den Kinosaal

Beim Strickkino laufen Filme, während im Publikum gestrickt wird

  Mit Wolle statt Popcorn in den Kinosaal | Beim Strickkino laufen Filme, während im Publikum gestrickt wird  Foto: Symbolbild/pixabay

Wenn Annemarie ins Kino geht, braucht sie nicht nur ein Kinoticket und ein Getränk, sondern auch Wolle, Stricknadeln und vielleicht noch eine Anleitung. Seit Mai 2025 veranstaltet die Leipzigerin in Kooperation mit dem Regina-Palast regelmäßig Strickkinoveranstaltungen. Das Konzept ist simpel: Während der Film auf der Leinwand läuft, wird im Publikum, bei gedimmtem Licht gestrickt oder gehäkelt. Masche um Masche, bis entweder der Film oder das aktuelle Handarbeitsprojekt zu Ende ist. 

Vor ungefähr sieben Jahren kam Annemarie, die wie die anderen Teilnehmerinnen nur beim Vornamen genannt werden will, dank des Studiums und einer Mitbewohnerin zum Stricken. 2023 gründet sie dann offiziell den Stricktreff Leipzig. Auf Social Media sieht sie damals auch immer wieder Videos und Bilder von strickenden Menschen in Kinos. »Irgendwann haben die Mädels aus der Strickgruppe gefragt, ob wir sowas nicht auch machen könnten«, erzählt Annemarie. Sie fragt verschiedene Kinos in ganz Leipzig an. Beim Regina-Palast hat sie schlussendlich Erfolg. Das Kino im Osten Leipzigs sei sofort begeistert gewesen. 

Anfangs war das Strickkino eine Sonderveranstaltung. Ein Ticket für die Vorstellung konnte nicht einfach an der Kinokasse erworben werden. Wer mit schauen und stricken wollte, musste sich über Annemarie anmelden. Mittlerweile stehen die Veranstaltungen regulär im Programm und Tickets können online über die Webseite des Kinos gekauft werden. Die Vorstellungen laufen immer an einem Samstagvormittag. Gezeigt werden vor allem aktuelle Filme aus dem regulären Programm. Sowohl die Termine als auch die Filme werden mit der Gründerin des Stricktreffs abgesprochen. »Wir besuchen meistens schon romantische Komödien«, gibt Annemarie zu. Debütiert hat das Strickkino im Regina mit einer Vorstellung von »Bridget Jones – Verrückt nach ihm«. Im März strickte das primär weibliche Publikum zu »Wuthering Heights«. »Manchmal kommen auch männliche Partner mit. Die fragen dann: Was mache ich jetzt?«, erzählt Annemarie lachend. Statt zur Stricknadel zu greifen, schauen die Begleiter dann einfach nur den Film.

Zur Vorstellung im März kommen viele in strickender Begleitung, einige aber auch allein. Nur einer der rund 60 Sitze bleibt an diesem Vormittag frei. Im Kino sei die Hemmschwelle, an einem Treffen teilzunehmen, geringer als beim regulären Treffen, meint Annemarie. »Man kann sich einfach reinsetzen und muss sich nicht unterhalten.« Über selbstgestrickte Kleidungsstücke und mitgebrachte Wolle komme man jedoch leicht ins Gespräch. Als Elisa auf ihrem Sitz Platz nimmt, dauert es nicht lange, bis sie von ihrer Sitznachbarin auf ihre Jacke angesprochen wird. Was das für eine Wolle sei? Ob die Anleitung schwer war? Wie sie das gemacht habe? »Beim letzten Mal habe ich die Strickjacke gestrickt und heute trage ich sie«, erzählt Elisa nach der Vorstellung. Gemeinsam mit ihrer Freundin Laura war sie bereits im Dezember im Strickkino. ln manchen Reihen wird sich noch leise unterhalten, andere Handarbeitsbegeisterte sind bereits in ihre Projekte vertieft, während noch Werbung läuft.

Vielen der Kinobesucherinnen sieht man ihr Hobby an: Einige tragen selbstgestrickte Schals, Jacken oder Taschen. Andere kommen mit kleinen Beuteln, in denen sie das Handarbeitsmaterial transportieren. Sobald sie sitzen, werden Wolle und Nadel, manchmal auch Anleitung und kleine Lichtquellen, ausgepackt. Auf der Armlehne platziert oder um den Hals gelegt, leuchten sie direkt auf das aktuelle Strickprojekt. Als der Film beginnt, verstummen die Gespräche. Nur ein leises Klappern der Nadeln ist ab und an zu hören. In den ersten Reihen kann man beobachten, wie die Köpfe gesenkt und gehoben werden. Wie der Blick von der Wolle zur Leinwand springt und zurück. »Man sollte schon was Einfaches mitnehmen, damit man sich nicht ärgert, wenn man sich verstrickt«, rät Annemarie schmunzelnd. Auf den Film könne man sich trotzdem konzentrieren, meint Laura, die an ihrem ersten Schal strickt. Wenn sie zu Hause an diesem arbeitet, schaut sie auch eine Serie oder YouTube-Videos. »Es ist toll, wenn man sich 90 Minuten Zeit nimmt, um aktiv zu stricken«, meint Laura. Im Alltag fehle dafür oft die Zeit. Im Kinosaal hingegen klappern die Nadeln noch, als der Abspann ausläuft.   


Strickkinoveranstaltungen finden nicht nur im Regina-Palast, sondern auch in anderen Kinos in Leipzig statt:

Passage Kinos, 12.04., 16 Uhr (»Clueless«)

Regina-Palast, 18.04., 11 Uhr (»Für immer ein Teil von dir«)

Cineplex Leipzig, 10.05., 11 Uhr (»Der Teufel trägt Prada 2«)


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