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Kultur

Alle Dassn im Schrank

Im Leipziger Westen gibt es jetzt ein Lene-Voigt-Zentrum mit Bibliothek und Ausstellungsflächen

  Alle Dassn im Schrank | Im Leipziger Westen gibt es jetzt ein Lene-Voigt-Zentrum mit Bibliothek und Ausstellungsflächen  Foto: Marius Moertl


Spätestens vor der Wand mit den sächsischen Begriffen kommen die Leute miteinander ins Gespräch – über »Mohdschegiebchn«, »Päppermumbe« oder »Horns’sche«. Manches lässt sich erschließen, wenn man es laut liest: »Gollerawie« zum Beispiel, »Filuh« oder »Geechelglubb«. Aber was ist ein »Gescheeche«, ein »Gewärche« oder ein »Schiebel«?

Nachfragen richtet man am besten an Olaf Wenzel. Er durfte Ende Februar mehr als 200 Sammeltassen entgegennehmen, als in der Diakonissenstraße 1 die neuen Räume der Lene-Voigt-Gesellschaft eröffnet wurden – genau an der Ecke zur Uhlandstraße. »Eigentlich haben wir hier schon lange unseren Sitz«, sagt der stellvertretende Vereinsvorsitzende. »Aber jetzt konnten wir die Räume des früheren D1-Eventbüros komplett übernehmen, renovieren und entsprechend ausstatten. Und weil alle nachgefragt hatten, was sie uns zur Eröffnung als kleines Geschenk mitbringen können, dachten wir, dass wir auf diese Weise unser Geschirrproblem lösen – schließlich ist auch unser Vereinstisch größer geworden. Aber mit dieser Resonanz haben wir nicht gerechnet. Die Küchenschränke sind voll.« Möglich wurde der Umbau durch eine anonyme Testamentsspende. »Die Lene-Voigt-Gesellschaft arbeitet komplett ehrenamtlich, Einkünfte haben wir nur durch die Mitgliedsbeiträge und ein paar Merchandising-Artikel wie unseren Lene-Voigt-Gaffee. Da war dieser Geldsegen natürlich sehr willkommen!«

Der Vereinsvorsitzende Klaus Petermann ist selbst als Entertainer in Sachen sächsische Mundart unterwegs. Er verweist auf dreißig Jahre erfolgreicher Arbeit des Vereins seit der Gründung 1995. Am siebten Band der Lene-Voigt-Werkausgabe wird derzeit geschrieben, immer noch werden Gedichte und Texte von ihr entdeckt – nicht zuletzt gelte es zudem, auch die »hochdeutsche Hälfte« ihres Werkes zu erschließen und zu publizieren. Außerdem bewahrt die Gesellschaft einige originale Handschriften von Lene Voigt auf – und ist weiter auf der Suche.

Säk’sche Glassiker und Feuilletons

Das Leben von Lene Voigt, 1891 als Helene Alma Wagner in Leipzig geboren, ist mit der Buch- und Verlagsstadt Leipzig verbunden: Ihr Vater war Schriftsetzer, sie selbst hatte über viele Jahre verschiedene Jobs im Graphischen Viertel, als Sekretärin und Kontoristin. Sie erlebte Arbeitslosigkeit, ihr Mann Friedrich Otto Voigt kehrte versehrt aus dem Ersten Weltkrieg zurück, die Ehe ging 1920 nach nur sechs Jahren in die Brüche, ihr Sohn Alfred starb 1924 im Alter von nur fünf Jahren an Meningitis.

Ihre Best- und Longseller waren die »Säk’schen Balladen« und die »Säk’schen Glassiker« aus dem Jahr 1925. Darin parodierte sie die hohen Werke von Heine, Schiller und Goethe ins Leipziger Sächsisch – mit so respektloser Heiterkeit, dass man direkt Lust bekommt, »De Säk’sche Lorelei«, »De Reiwr« oder »Dr Zauwerlährling« auswendig zu lernen. Hintersinniger sind da ihre Feuilletons aus dem Alltag, auch als Gedicht, in Hochdeutsch und Sächsisch. Die Leipziger Zeitungslandschaft hatte nach der Jahrhundertwende viel Platz für geistreiche und humorvolle Beobachtungen: Zusammen mit Erich Kästner und Hans Natonek, Heinrich Wiegand und dem bereits 1912 verstorbenen Edwin Bormann veröffentlichte Lene Voigt. Aber auch die Leipziger Satirezeitschrift Der Drache lebte von ihren Feuilletons und Gedichten.

Nach 1933 wurde Lene Voigt von den Nazis als »Kulturbolschewistin« verunglimpft – nicht nur wegen ihres respektlosen Humors, sondern auch wegen ihrer offenbaren Sympathie für die anarchistischen und kommunistischen Bewegungen in der Weimarer Republik. Lene Voigt hat auch eine Biografie als Patientin in verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen, zuletzt wurde sie 1946 ins Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie Leipzig-Dösen eingeliefert. Dort blieb sie auch nach ihrer Genesung, arbeitete als Botin, schrieb weiter Gedichte und starb schließlich – vergessen – im Jahre 1962. In der DDR wurde sie in den achtziger Jahren wiederentdeckt, erst in den Neunzigern bekam sie ein Grab in der Künstlerabteilung des Südfriedhofes.

Sächsisch als Fremdsprache

»Der sächsische Dialekt wurde zu ihren Lebzeiten belächelt und auch heute noch wollen Eltern verhindern, dass ihre Kinder sächsisch sprechen«, erläutert Klaus Petermann. »Aber die Gegenbewegung wird auch immer stärker: Wir haben jetzt Eltern und Lehrer, die ihren Kindern raten, zu unseren Ganztagsangeboten an den Schulen zu kommen, zu unseren Sächsisch-Kursen.« Da seien auch immer wieder Eltern dabei, die gar nicht aus Sachsen stammten. »Diese Konzentration auf die Kinder und Jugendlichen soll für die Mundart natürlich einen nachhaltigen Effekt haben: Die Sachsen sollen auch dann Selbstbewusstsein ausstrahlen, wenn ihr Dialekt zu hören ist.« Inzwischen wird Petermann auch eingeladen, mal eine Doppelstunde im regulären Literaturunterricht zu gestalten: »Die Jugendlichen bekommen zum Beispiel einen ganz neuen Zugang zu Shakespeares ›Romeo und Julia‹, wenn es mit den wenig respektvollen sächsischen Versen von Lene Voigt rezitiert wird.«

Aber was ist nun »Ä Gescheeche«? Schon hier bekommt man zwei Antworten. Für die einen ist es ein nicht näher bestimmtes Hindernis, das unmotiviert im Weg herumliegt und zum Beispiel den Imperativ »Reime doch äma dei Gescheeche hier wech!« provoziert. Für die anderen ist es schlicht eine Vogelscheuche. Es gibt noch einiges zu tun für die Lene-Voigt-Gesellschaft.


> Lene-Voigt-Zentrum, Di 14–17 Uhr, Diakonissenstr. 1, 04177 (Altlindenau), www.lene-voigt.de

> Sächsische Lesebühne »Osterschbaziergang«: 23.4., 17 Uhr, Komm-Haus


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