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Kultur

Erinnerung schaffen

Über Film, Kunst und Musik will das Kulturjahr Leipzig-Jerewan an hundert Jahre armenisches Schicksal erinnern

  Erinnerung schaffen | Über Film, Kunst und Musik will das Kulturjahr Leipzig-Jerewan an hundert Jahre armenisches Schicksal erinnern  Foto: Ute Langkafel

Eingeweide, Gewehre, ein pinker Sarg, der fast in die erste Reihe rauscht. Drei Personen rennen schreiend durch den Theatersaal. Eine von ihnen hat für fast zehn Minuten ein Haus auf dem Kopf. »Scheiße!«, ruft ein Mann aus dem Publikum und verlässt den Schauplatz. Am Ende stehen fast alle, die um ihn herum saßen, singend auf der Bühne. Das Stück »Karabakh Memory« des Berliner Maxim-Gorki-Theaters in der Schaubühne Lindenfels ist wohl eines der größten Feuerwerke des Kulturjahres Leipzig-Jerewan. Die armenische Regisseurin Roza Sarkisian, gespielt von Flavia Lefèvre, erzählt in dem Stück von der Flucht, dem Genozid und der Vertreibung ihres Volkes. Aber nicht einfach so. Sie ummantelt die Geschichte mit wütendem Humor und trägt sie so vor, dass es manchen zu viel wird. Denn auch wenn ihre persönliche Erinnerung im Vordergrund des Stücks steht, richtet es sich nicht allzu selten an jene, die für das historische Leid der armenischen Bevölkerung verantwortlich sind. »Karabakh Memory« sowie das gesamte Kulturjahr möchten erinnern – an das, was mit dem Land geschehen ist.

Kleine Geschichtsstunde zu Armenien

Das osmanische Reich verübte 1915 einen Völkermord an der armenischen Bevölkerung, die bis dahin vorwiegend in Ostanatolien lebte. Unter dem Vorwand einer angeblichen »inneren Bedrohung« wurden die Menschen zunächst in die syrische Wüste deportiert und anschließend massenhaft ermordet. 1,5 Millionen Menschen verloren dabei ihr Leben. Als strategischer Verbündeter der Osmanen wusste auch das Deutsche Kaiserreich von den Hinrichtungen, unterließ jedoch jede Form der Intervention. Im Gegenteil: Deutsche Institutionen unterstützten das Bündnis politisch und militärisch; zugleich boten sie den Hauptverantwortlichen des Völkermordes nach Ende des Ersten Weltkriegs Unterschlupf und Schutz vor Strafverfolgung. Im Jahr 2016 verabschiedete der Deutsche Bundestag eine Resolution, die die Ereignisse offiziell als Völkermord bezeichnete und die deutsche Mitverantwortung anerkannte. Die Türkei leugnet den Genozid bis heute. Die zweite große Verwerfung, die die armenische Geschichte prägt, ist der Krieg um Bergkarabach: Seit 1992 erhob der heutige EU-Partner Aserbaidschan Anspruch auf das historisch von Armenierinnen und Armeniern geprägte Gebiet. In den darauffolgenden Jahrzehnten kam es immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Diese eskalierten in den Karabach-Kriegen zwischen 2020 und 2023, nach denen die Region von Aserbaidschan endgültig annektiert wurde. Die völkerrechtswidrige Invasion zwang mehr als 100.000 Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen. »Die Geschichte wiederholt sich«, betont Kristina Raßmann, Leiterin des Referats für internationale Zusammenarbeit bei der Stadt Leipzig, im Interview mit dem kreuzer. Umso wichtiger sei es, die Erinnerung daran aufrechtzuerhalten und Räume zu schaffen, in denen sich Menschen mit dieser Geschichte auseinandersetzen können.

Auf dem Weg zur Städtepartnerschaft

»Von den zehn Millionen Armenierinnen und Armeniern leben nur noch drei Millionen im eigenen Land, sieben Millionen sind quer auf der Welt verstreut«, rechnet Raßmann vor. »Ein Teil dieser Diaspora ist auch in Leipzig stark vertreten und dafür bekannt, kulturell sehr aktiv zu sein und deren Identität weiterzutragen.« So entwickelten sich bereits in der Vergangenheit Initiativen, um die Beziehungen zwischen Leipzig und der armenischen Hauptstadt Jerewan zu vertiefen. Laut Raßmann liegt die Verbindung der beiden Städte an den weitreichenden Verbindungspunkten in Kunst, Musik und Wissenschaft. Auch politisch sei Jerewan durch eine friedliche Revolution, die Samtene Revolution von 2018, eng mit Leipzig verknüpft. Seit 2021 existiert ein Kooperationsabkommen, das im Oktober dieses Jahres in eine Städtepartnerschaft transformiert werden soll. Über diese wird im Frühjahr im Stadtrat entschieden. Im März 2025 haben Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung und sein Kollege in Jerewan Tigran Avinyan in Anwesenheit der Staatsoberhäupter beider Länder darüber hinaus eine Vereinbarung über ein gemeinsames Kulturjahr unterzeichnet. Ziel dessen soll es sein, mit künstlerischen Residenzen, gemeinsamen Festivalbeiträgen, Theaterproduktionen und Filmreihen die Geschichte des Landes zu verbreiten und seine Kultur in die Stadt zu bringen.

Das Programm des Kulturjahrs

Mit der Ausstellung »The Spirit of Past Future« hat das Kulturjahr Leipzig-Jerewan am 10. Januar in der Techne Sphere begonnen. Mit ihrer Eröffnungsrede leitete Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke (Linke) dort die insgesamt 22 Veranstaltungsreihen ein. Die erste im April bildet eine videografische Ausstellung zeitgenössischer armenischer Kunstschaffender in der Schaubühne Lindenfels. Am 20. April findet die offizielle Gedenkveranstaltung anlässlich des Völkermordes in der Nikolaikirche statt (17 Uhr). Als zusätzliche künstlerische Highlights stellen sich das Konzert des Nairyan Vocal Ensembles als Gastauftritt beim Internationalen A-cappella-Festival (7. Mai) und die Filmreihe zu Regisseur Atom Egoyan in der Schaubühne heraus (13.–31. Mai). Danach folgen weitere Ausstellungen, kulturelle Begegnungstage und Studienreisen (Juni bis Oktober). Den Abschluss bildet ein Stand der Stadt Jerewan auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt. Auch wenn schon einige Veranstaltungen gelaufen sind, bleibt also noch viel zu entdecken – und wer weiß: Vielleicht kommt noch einmal der Tag, an dem das ganze Publikum singend auf der Bühne steht.


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