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Stadtleben

Absolute Beginner auf der Suche nach der ersten Liebe

Wenn der Weg zur ersten Beziehung länger dauert

  Absolute Beginner auf der Suche nach der ersten Liebe | Wenn der Weg zur ersten Beziehung länger dauert  Foto: Julia Kluge

Ob in Romanen, Songs oder auf der großen Kinoleinwand, romantische Beziehungen scheinen der Dreh- und Angelpunkt eines jeden Lebens zu sein. Es heißt, dass man die große Liebe nicht suchen darf, sie findet einen von ganz allein. Aber was ist, wenn das gar nicht stimmt? Wenn man sich eine Beziehung wünscht, aber es einfach nicht funktionieren will? So ergeht es auch den Teilnehmenden der Selbsthilfegruppe Absolute Beginner, die sich treffen, um unter anderem über ihre Beziehungsversuche zu sprechen.

Ein Donnerstag um kurz vor 17 Uhr am Hoftor vom »Boot« im Süden Leipzigs. In den Räumlichkeiten des Sozialpsychiatrischen Zentrums finden unter der Woche verschiedene Selbsthilfegruppen statt. Im Innenhof spielen Menschen Tischtennis und lachen laut. Heute sind wir zu fünft, erzählt Robert mir. Es ist die erste Sitzung des Jahres. Die letzten mussten wegen der Arbeit oder anderen privaten Terminen ausfallen. Wenn zu wenig Personen an der Sitzung teilnehmen, lohne sich das Treffen nicht. Als Artur [Name von der Redaktion geändert] und Johannes zu uns stoßen, gehen wir rein. Wir nehmen die Treppe, die in den Keller führt, dort befinden sich einige Räume, die für Treffen von Selbsthilfegruppen genutzt werden. In der Mitte des Raumes befindet sich ein großer Holztisch, an den wir uns setzen. Rundherum stehen Stühle, eine feste Sitzordnung gibt es nicht. Benjamin und Danny kommen, als wir schon am Tisch sitzen. Die heutige Runde besteht ausschließlich aus Männern, eigentlich gehören auch zwei Frauen zur Gruppe. Am Anfang hat jeder zwei Minuten Zeit, um darüber zu sprechen, wie es ihm geht, was in der letzten Zeit passiert ist. Als Johannes an der Reihe ist, erzählt er, dass es ihm gut gehe, er heute aber das letzte Mal dabei sei. »Ich habe ja seit November eine Freundin und wir werden in die Nähe von Erfurt ziehen«, erzählt er. Johannes hat das gefunden, was sich viele in der Gruppe wünschen: Eine Beziehung. 

Bisher war Johannes – genau wie die anderen Männer der Runde – ein »Absoluter Beginner«. Also ein Mensch, der über 20 Jahre alt ist und unfreiwillig keine Beziehungserfahrung hat. Verlässliche Zahlen, auf wie viele Menschen das in Deutschland zutrifft, gibt es nicht. Nicht alle Betroffenen bezeichnen sich selbst als Absolute Beginner, andere verheimlichen es aus Scham oder Angst vor Zurückweisung. Fehlende romantische Vorerfahrung muss jedoch keineswegs mit fehlendem sexuellem Interesse gleichgesetzt werden. »Wir sind nicht asexuell. Wir wollen eine Beziehung, wissen aber nicht, wie man zu diesem Ziel kommt«, erläutert Benjamin. 

Als Robert die Selbsthilfegruppe vor rund zwei Jahren gründet, ist Benjamin der Erste, der sich meldet. Die anderen Teilnehmenden stoßen über ein Onlineforum und Reddit auf die Gruppe. Nach Roberts Wissen ist es die einzige Gruppe dieser Art in Ostdeutschland – abgesehen von Berlin. Aufgeregt war Benjamin vor dem ersten Treffen nicht. »Ich wusste, da werden Leute sein, die ein gleiches Thema haben.« Johannes ging es da anders. »Es war mir schon unangenehm, über so ein intimes Thema zu reden.« Mittlerweile trifft sich die Runde alle zwei Wochen, um unter anderem über Bindungen und Dating zu sprechen. »Beziehungen stehen nicht immer im Zentrum. Wir sind nicht needy«, erzählt Artur. Oft gehe es auch um die eigene Kindheit oder um Einsamkeit. 

Robert beobachtet, dass die Gründe für die fehlende Beziehungserfahrung manchmal auch in der Kindheit liegen. Bestimmte Familienstrukturen und -dynamiken können die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit behindern. »Wenn man keine Bindung zu den Eltern hat, kann das auch zu Bindungslosigkeit führen«, meint Robert. In anderen Familien wiederum ist Sexualität ein Thema, über das nicht gesprochen wird, das als schambehaftet und tabuisiert gilt. Wer mit 20 noch keine Beziehung hat, wird vertröstet. Der oder die Richtige wird noch kommen. Man habe noch so viel Zeit. Mittlerweile sind die Teilnehmer der heutigen Sitzung zwischen 29 und 44 Jahre alt.

»Spannend wird es dann, wenn man in Datingkontexte kommt. Wie kommuniziert man, dass man noch nie eine Beziehung hatte?«, meint Artur. Als Johannes seine Freundin kennenlernt, erzählt er ihr nicht sofort, dass er noch nie in einer Beziehung war. Die beiden lernen sich über eine Datingplattform kennen, später schlägt sie ein erstes Date vor. Bevor es dazu kommt, schreiben sie viel miteinander. Irgendwann stellt sie die Frage: »Wie lange ist deine letzte Beziehung her?« Johannes antwortet ehrlich. »Sie hat mir nicht geglaubt und wollte beim ersten Date darüber sprechen«, erzählt er. Ein Gefühl von Unsicherheit entsteht. Unklarheit darüber, wie sie es aufnehmen wird. »Vielleicht fragt sie sich: Kann er überhaupt eine Beziehung führen?«, erinnert sich Johannes. Als das Thema erneut aufkommt, nimmt Johannes Freundin seine Unerfahrenheit gut auf. Dass er noch keine Beziehungserfahrung hat, merke seine Freundin nicht. »Sie sagt, ich mache viele Dinge besser als andere Männer.« Auch Benjamin kennt das Gefühl der Unsicherheit im Datingkontext. Zwei, drei Jahre war er sehr aktiv im Onlinedating und hatte verschiedene erste Dates mit unterschiedlichen Frauen. Sobald das Thema vorherige Partnerschaften angeschnitten wurde, sei es dann oft gescheitert. »Es ist eine legitime Frage, aber ich habe oft erlebt, dass es dann eine 180-Grad-Wendung gab oder ich sofort geghostet wurde«, erzählt er. 

»Es sind besonders die romantischen Momente, wo man sich denkt: Scheiße, jetzt bin ich allein«, erzählt Danny. Doch nicht nur da: »Es ist egal, ob ich länger arbeite, weil dort niemand ist, der auf mich wartet«. »Es fehlt, dass jemand da ist«, stimmt Robert zu. Neben Erfahrungen und Momenten, die nicht mit einer Beziehungsperson geteilt werden können, geht es ihnen aber auch um fehlende Nähe und Intimität. »Ich gehe gerade zur Physiotherapie und merke, was Berührungen mit einem machen«, berichtet Artur. Wer Absoluter Beginner ist, verzichtet nicht automatisch auf Berührungen und Intimitäten. »Ich hatte mal eine Freundschaft Plus mit einer AB [Absoluten Beginnerin]«, erzählt Benjamin. Aufgrund ähnlicher Erfahrungen sei einiges einfacher gewesen. Um praktische Übung ging es auch Johannes. Dank einem Hinweis aus der Gruppe nahm er Kontakt zu einer Sexualbegleiterin auf. Sexualbegleiterinnen und -begleiter unterstützen Menschen dabei, ihre Sexualität und Bedürfnisse nach körperlicher Nähe in einem geschützten Rahmen auszuleben und zu erfahren. Dabei ging es ihm jedoch nicht nur um Sex. »Wenn ich daran denke, wie stocksteif ich war, als sie mich umarmt hat…«. Als Johannes das erzählt, lacht er verlegen. 

Auch wenn bisher nur Johannes eine Freundin gefunden hat und nun nicht mehr zu den Treffen kommen wird, blicken auch die anderen Männer positiv auf die gemeinsame Zeit. »Ich gehe offener mit dem Thema um. Ich verstecke mich nicht mehr«, resümiert Robert. Vor zehn Jahren sei das ganz anders gewesen. Das Wissen darüber, dass es anderen Menschen ähnlich geht, hilft auch den anderen Teilnehmern. »Ich habe jetzt mehr Selbstvertrauen«, erzählt Johannes. Am Anfang sei es ihm schwergefallen, in der Gruppe zu sprechen. Als er das sagt, nickt der Rest der Gruppe. Danny klatscht sogar leise und Robert sagt: »Du hast echt einen großen Sprung gemacht«.


> Kontakt zur Gruppe kann per Mail aufgenommen werden: ableipzig@proton.me
   (wer an den Treffen teilnehmen möchte, muss sich zuvor per Mail anmelden)


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