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»Ein Psychiater wird in den seltensten Fällen mal seine eigenen Medikamente probiert haben«

Genesungsbegleiter unterstützen Menschen auf Augenhöhe

  »Ein Psychiater wird in den seltensten Fällen mal seine eigenen Medikamente probiert haben« | Genesungsbegleiter unterstützen Menschen auf Augenhöhe  Foto: Beraten auf Augenhöhe: Karola Seidler und Jan Schmidt/Marius Moertl

Karola Seidler und Jan Schmidt sind Genesungsbegleiterin und -begleiter des Verbunds Gemeindenahe Psychiatrie des Klinikum St. Georg und unterstützen Menschen in psychischen Ausnahmesituationen. Das Besondere an dem Projekt: Die Begleiterinnen und Begleiter haben selbst Psychiatrieerfahrung und können Betroffenen auf Augenhöhe begegnen. Mit dem kreuzer sprachen sie über die Ausbildung, schwierige Momente und erhebende Erfahrungen in ihrem Beruf.

Wie sieht die Arbeit konkret aus?

Jan Schmidt: Ich komme gerade von der Peer-Beratung, also Patient und Patient. Ich sehe mich als Profipatient und kümmere mich um Amateurpatienten und gebe denen Hinweise und Tipps, wie sie im System zurechtkommen.

Karola Seidler: Es hängt davon ab, wo du arbeitest. In der Klinik, wenn du auf Station bist, machst du was ganz anderes als wir. Wir sind unterwegs und besuchen die Leute vor Ort.

Schmidt: Wir sind darauf angewiesen, dass die, die zu uns kommen, freiwillig zu uns kommen. Die, die in der Klinik als Genesungsbegleiter arbeiten, bekommen ihre Klienten zugewiesen. Da ist eine gewisse Pflicht mit dabei: an Therapien teilnehmen. Wir haben vom Verbund fünf Standorte, die in Leipzig verteilt sind. Die fragen uns dann an: »Sag mal, hier habe ich einen Patienten oder eine Klientin mit dem und dem Problem, könntest du mit der oder mit dem was unternehmen, die ein bisschen auffangen?« So kommen dann unsere Kontakte zustande. Karola hat etwa viel mit Obdachlosen zu tun.

Seidler: Wir bieten in den unterversorgten Stadtteilen Beratung an, immer im Team: Genesungsbegleiter und Sozialarbeiter oder Ärztin. Das wird auch ganz gut angenommen: Da können die Leute zu uns an den Standort kommen, wir können ihnen keinen Arzt und keinen Psychologen direkt vermitteln, aber wir können sie beraten, wie sie dazu kommen.


Sie arbeiten also in einem interdisziplinären Team. Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit von der eines Therapeuten oder einer Ärztin?

Seidler: Wir verschreiben keine Medikamente, wir können auch keine Diagnosen erstellen. Wir haben nur die Aufgabe, mit den Leuten zu reden, zu reden und noch mal zu reden. Zu versuchen, dass sie sich vielleicht in psychiatrische Behandlung begeben. Das ist mitunter schwierig.


Genesungsbegleiter und -begleiterinnen haben selbst Psychiatrieerfahrung, wie hilft Ihnen diese bei der Arbeit?

Seidler: Wenn einer kommt mit einer Depression etwa, kann ich sie nachvollziehen. Wenn er sagt, ich komme früh nicht aus dem Bett, verstehe ich das besser als einer, der das noch nie erlebt hat.

Schmidt: Das ist das, was ich mit Augenhöhe meinte. Wenn ein Betroffener in eine Klinik geht oder zu einem Psychiater, dann ist da immer ein Gefälle. Da ist einer, der oben steht, und einer, der unten was will. Wir sind mit den Patienten auf Augenhöhe und können aus eigener Erfahrung berichten: wie es bei uns gelaufen ist, was gut gelaufen ist, was weniger gut, mit welchen Medikamenten man selbst gut zurechtkommt, mit welchen schlechter. Aber: Ein Medikament, das mir hilft, muss nicht meinem Gegenüber helfen. Und ein Psychiater wird in den seltensten Fällen mal seine eigenen Medikamente probiert haben.


Wie läuft die Ausbildung zum Genesungsbegleiter ab und wie haben Sie es persönlich erlebt?

Schmidt: Mir hat die Ausbildung sehr viel gebracht. Das sind zwölf Module in zwölf Monaten. Ein Wochenende jeden Monat von Freitagnachmittag bis Sonntagnachmittag. Es ist schon anspruchsvoll, aber das Schöne, was da vermittelt wird, ist, dass aus diesem Ich-Wissen, das man mit reinbringt, mit der Zeit ein Wir-Wissen wird. Ich hatte in der Ausbildung viel mit depressiven Menschen zu tun und weiß aus erster Hand, wie man sich fühlt und was einem helfen kann. Jetzt erlebe ich ein erhebendes Gefühl, wenn ich jemandem helfen kann, der in der misslichen Lage ist. Wenn ich jemandem Hoffnung geben kann.


Was sind Eigenschaften, die man als Genesungsbegleiter mitbringen sollte?

Schmidt: Empathie auf jeden Fall. Ein bisschen Selbstbewusstsein braucht man auch. Die eigene Erkrankung sollte man verarbeitet und reflektiert haben. Man sollte offen sein. Und ein leichtes Helfersyndrom – wie in jedem medizinischen oder sozialen Bereich – braucht man auch.


Wie grenzt man sich von den Schicksalen ab, mit denen Sie konfrontiert sind?

Seidler: Ich habe mittwochabends Teamtreffen, in dem ich das mit den zwei Kollegen, mit denen ich unterwegs bin, besprechen kann. Dadurch ist es eigentlich ganz in Ordnung.

Schmidt: Wir haben auch einmal im Monat Supervision. Da können Fälle oder Befindlichkeiten ausgetauscht, sortiert und strukturiert werden. Das kann helfen, muss es aber auch nicht. So sehr wir eigentlich in einem Team arbeiten, ist man auch ein Einzelkämpfer, weil man meistens im Einzelgespräch mit den betreffenden Personen ist. Dadurch muss man selbst zusehen, wie man das verarbeitet.


Was ist Ihr Wunsch an die Politik, bezogen auf Ihre Arbeit?

Schmidt: Bei der finanziellen Wertschätzung gibt es noch Luft nach oben, die Bezahlung könnte dem Anspruch an die Tätigkeit mehr entsprechen. Verdi zum Beispiel will einen Tarifvertrag entwickeln, das wurde mir schon vor der Ausbildung gesagt und es gibt ihn immer noch nicht.

Seidler: Ich wünsche mir mehr Unterstützung in allen Bereichen, was Psychiatrie angeht. Wir haben jetzt eine unabhängige Beschwerdestelle gegründet in Leipzig. Die Patienten können kommen und dann schreiben wir Beschwerden an die entsprechenden Stellen. Wenn die Krankenhäuser und anderen Einrichtungen nicht wissen, worüber die Leute sich beschweren, können sie auch nichts ändern.

> Infos zur Genesungsbegleitung am St. Georg: www.sanktgeorg.de
> Weiterführende Informationen zur Ausbildung: www.ex-in.de


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