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29. April: Zimmer frei

Der Stadtrat streitet über zwei sehr unterschiedliche Hotel-Sanierungen

  29. April: Zimmer frei | Der Stadtrat streitet über zwei sehr unterschiedliche Hotel-Sanierungen  Foto: Stefan Ibrahim

Manchmal wirkt Leipzig im Stadtrat plötzlich ganz klein. Heute sind dafür zwei Anträge zu zwei ehemaligen Hotels verantwortlich, die räumlich kaum näher zusammenliegen könnten – und deren Zukunft nicht ungleicher aussehen könnte. Direkt neben dem Hauptbahnhof steht das legendenumwobene frühere Luxushotel Astoria, nur ein paar Häuser weiter das nicht ganz so altehrwürdige ehemalige Hostel Central Globetrotter.

Aus dem Astoria grüßt heute nicht mehr Walter Ulbricht, sondern, von Leipzig größter Werbefläche, höchstens noch das neueste iPhone. Seit die Bauarbeiten durch die Klage eines benachbarten Hotels unterbrochen wurden, kommt die Sanierung nur noch im Schneckentempo voran, seit 2024 ist am Hotelgerippe nichts mehr passiert. Die AfD will nun mit der Androhung eines Instandsetzungsgebots die Eigentümergesellschaft Vivion dazu zwingen, wieder aktiv zu werden. Für die AfD empört sich Roland Ulbrich über das »Schandmal«. Die Schuldigen sind schnell gefunden: Dem »links-woken Mainstream« sei das mit dem Astoria einhergehende urbane Heimatbewusstsein ein Dorn im Auge. Man wolle das Astoria lieber sich selbst überlassen und der Stadt damit einen »ideellen Schaden« zufügen, als einem AfD-Antrag zuzustimmen.

SPD-Stadtrat Marius Wittwer widerspricht. Dem Stadtführer im beige-gestreiften Anzug kann man nun wirklich nicht vorwerfen, sich nicht für historische Fassaden zu interessieren. »Es passiert nicht viel, aber wir überlassen es nicht einfach sich selbst«, sagt der 26-jährige. Dass es schon so lange gehe, finde keiner gut. Baubürgermeister Thomas Dienberg möchte sich zu den »Unsachlichkeiten« der AfD nicht äußern. »Wir leben glücklicherweise in einem Rechtsstaat«, so Dienberg. Und die rechtlichen Bedingungen für das Instandsetzungsgebot seien eben nicht erfüllt. Seine Bauordnungsbehörde mache sich regelmäßig vor Ort ein Bild. »Sie können sicher sein, dass uns dieses Bauwerk sehr wichtig ist.«

Zudem hat die Stadt Sorge, nach erlassenem Instandsetzungsgebot selbst zur Kasse gebeten zu werden, wenn das Hotel seine Sanierungskosten hinterher nicht selbst erwirtschaften kann. Der Antrag wird gegen Stimmen von AfD und drei BSW-Stadträten abgelehnt.

Nächste Baustelle, 300 Meter weiter. Im alten Hostel wird seit einem Jahr gebaut. Nicht von einem schwer greifbaren Investor, sondern von der Stadt selbst. Aus dem Globetrotter soll eine Notschlafstelle für Obdachlose werden. Doch auch hier stellt sich heute die Frage, ob das Gebäude endlich fertig saniert wird. Denn während des Umbaus wurden Schäden sichtbar, die die Gesamtkosten von 5,4 auf 7,5 Millionen Euro steigen lassen. Der Rat muss nun entscheiden, ob es das wert ist.

Katharina Krefft von den Grünen schießt erstmal gegen die Stadtkämmerei, deren langes und »unerträgliches« Zögern dieses Projekt erst so teuer gemacht hätte. »Einen weiteren Winter werden Wohnungslose ungeschützt in Parks und auf Brachen ausharren, immer in dem Risiko geräumt zu werden«, schimpft Krefft.

Juliane Nagel von den Linken rennt zum Mikrofon: »Ich kann mich der Empörung nicht ganz anschließen.« Höhere Kosten seien nicht nur ärgerlich, sondern würden auch die Akzeptanz des Vorhabens gefährden. Alternativen seien aber nicht in Sicht, denn die Nähe zum Hauptbahnhof sei bei diesem Projekt entscheidend. »Was würde es uns nützen, bei der begonnenen Sanierung das Gebäude verwahrlosen zu lassen«, argumentiert Nagel trotz Zweifeln für den Weiterbau.

Bei der AfD hört man nicht zu, stattdessen raunt Einer: »Da kriegen die in der Innenstadt so ein schönes Ding, da kann ich mir keine Wohnung leisten.« Während man das eine Hotel um jeden Preis in eine Luxusherberge verwandeln möchte, riskiert man ein paar Schritte weiter die nächste Bauruine. Der Stadtrat stimmt für die teurer gewordene Sanierung, die einzigen Gegenstimmen kommen aus der AfD Fraktion.


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