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Stadtleben

»Ich wusste: Jetzt kommt erstmal ein gesellschaftlicher Ausschluss auf mich zu«

Jessica Hölzl und Kübra Çığ haben für das Wochenende Aktionstage rund um das Thema Mutterschaft organisiert

  »Ich wusste: Jetzt kommt erstmal ein gesellschaftlicher Ausschluss auf mich zu« | Jessica Hölzl und Kübra Çığ haben für das Wochenende Aktionstage rund um das Thema Mutterschaft organisiert  Foto: Kübra Çığ und Jessica Hölzl organisieren Aktionstage zum Thema Mutterschaft (v.l)/Hannah Kattanek

Vom 8. bis 10. Mai finden in Leipzig die »Mütter* Aktionstage« statt. Ziel ist es, die Lebensrealitäten von Müttern stärker in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Ob bei einem Kneipenabend, Lesungen, einer Performance oder einem Mitbringbrunch im Stadtteilpark Rabet am Muttertag – die Veranstaltungen sollen für Themen rund um die Mutterschaft sensibilisieren und Mütter miteinander vernetzen. Aus der Lesekrabbelgruppe und dem Mütterstammtisch entstand die »Mütter*-Vernetzung Ost«. Bereits letztes Jahr gab es rund um den Muttertag erste Aktionen, dieses Jahr wird das Programm deutlich umfangreicher. Im Gespräch mit dem kreuzer erzählen Jessica Hölzl und Kübra Çığ, wie sie auf die Idee zu den Aktionstagen gekommen sind, welche Veränderungen sie als Mütter besonders geprägt haben und was sie sich von der Gesellschaft wünschen.

Gab es ein prägendes Erlebnis, in denen Ihnen die Rolle als Mutter und die Veränderungen besonders bewusst geworden sind?

KÜBRA ÇIĞ: Das beste Beispiel ist wahrscheinlich die Erkenntnis, wie schmerzhaft Stillen ist. Trotzdem wird es oft als Allheilmittel und immer notwendig gesehen. Natürlich ist es wichtig, dass man stillen kann, wenn man möchte. Nur fehlt dazu meist der Zugang zu passenden Anlaufstellen bei Problemen. Oft sind es privat zu zahlende Stillberatungen. Ich habe nach den Schwierigkeiten in meinem privaten Umfeld mit Müttern gesprochen, die alle zu mir meinten: »Ach so, ja, das tut in den ersten drei Monaten höllisch weh.«

JESSICA HÖLZL: Ich glaube, das war auch ein Beweggrund der Mütter*-Vernetzung: die Erkenntnis, dass Kinderkriegen ein transformativer Vorgang ist, vor allem, Mutter* zu werden. Natürlich ist auch Vaterwerden ein transformativer Vorgang. Aber als Mutter* ist es ein mehrdimensionaler Prozess, allein schon durch die körperlichen Veränderungen. Dazu kommt, dass sich auch die gesellschaftliche Rolle verändert. Trotzdem wird das oft als individualisiertes Problem dargestellt. Gleichzeitig gilt es als etwas Undramatisches, mit dem jede Mutter* selbst klarkommen muss. Besonders bewusst wurde mir das mit meinem zweiten Kind. Ich wusste: Jetzt kommt erstmal ein gesellschaftlicher Ausschluss auf mich zu. Selbst linke Gruppen sind oft nicht auf Kinder ausgelegt, auch wenn man vorher politisch aktiv war. Wir wollen, dass Mütter* als politische Kategorie wahrgenommen werden.


Wenn die Mutterrolle eine politische Kategorie ist, wie definiert Ihr Mütter*?

HÖLZL: Wir haben viel drüber diskutiert und tun das immer wieder. Das Sternchen hinter Mütter* steht genau dafür, dass es um die soziale Kategorie »Mütter« geht. Es ist kein biologischer Begriff, auf den wir uns beziehen. Für uns gehören auch Personen dazu, die nicht geboren haben, aber eine Mutterrolle übernehmen. Oder Personen, die Kinder verloren haben und trotzdem in der Mutterrolle sind. Natürlich ist mit den Mütter*aktionstagen auch der Wunsch verbunden, Care-Arbeit und Mutter*arbeit gesellschaftlich aufzuwerten.

Wie kam es zur Lesekrabbelgruppe und zum Stammtisch?

HÖLZL: Die Idee, einen Mütterstammtisch im Leipziger Osten zu gründen kam 2021. Davor gab es schon einen im Süden, in der feministischen Bibliothek Monaliesa, organisiert von zwei Müttern. Der pausiert aktuell langfristig. Im Osten waren wir vier Mütter, die sich kannten und denen der Stammtisch im Süden zu weit weg war. Als wir alle ein zweites Kind bekommen haben, haben wir Ende 2022 die Lesekrabbelgruppe gegründet. Anders als bei dem Stammtisch zuvor nun zu Uhrzeiten, in denen die Kinder mitkommen konnten. 2023 kam bei einigen wieder der Wunsch auf, einen klassischeren Stammtisch zu gründen. Deshalb gibt es jetzt sowohl Lesekrabbelgruppe als auch den Mütterstammtisch. Wir haben außerdem Glück, Räume zu haben, die wir gegen eine Spende nutzen können.


Wie kam es letztes Jahr zum ersten Aktionstag und dem dazugehörigen Brunch im Rabet?

ÇIĞ: Das hat mit der Geschichte der Mütter*-Vernetzung zu tun. Kurz nachdem ich mein erstes Kind bekommen habe, war ich in der Lesekrabbelgruppe. Dort haben wir uns viel mit den Themen Mutterschaft, Partnerschaft und Familie beschäftigt. Durch meine eigene Erfahrung, Mutter zu werden, ist mir aufgefallen, wie unsichtbar dieses Thema ist. Menschen, die ein Kind bekommen, wissen natürlich einiges, aber oft wirkt es wie geheimes Wissen. Generell wird zwar oft über Care-Arbeit gesprochen, über die konkreten Erfahrungen dahinter aber deutlich weniger. Darauf wollen wir mit den Aktionstagen aufmerksam machen. Letztes Jahr haben wir den recht kurzfristig geplant und am Ende waren beim Brunch im Rabet 30-50 Menschen mit ihren Kindern da.


Was gibt es dieses Jahr für ein Programm?

ÇIĞ: Wir haben dieses Jahr zusätzlich zum Brunch zwei Lesungen, eine in der Monaliesa und eine im Offenen Freizeittreff im Rabet, und eine Performance im Ost Passage Theater organisiert.


Welche Bücher habt Ihr für die Lesung ausgewählt?

HÖLZL: Eine Lesung wird zu »Lesben sind die besseren Väter« sein. Das Buch ist letztes Jahr erschienen. Die Lesung wird eher ein Leseworkshop, den die Autorin Lisa Bendiek leiten wird. Aktuell sind wir selbst noch gespannt, wie das genau aussehen wird. Außerdem gibt es eine Lesung zu »Mothering – Subversive Fürsorge als radikale Praxis« geben. Die Herausgeberinnen Purnima Vater, Sultan Unvar und Sezen Çakmak werden daraus lesen.


Worum soll es in der Performance gehen?

ÇIĞ: In »Es reicht – Musikalische Performance einer hysterischen Milf«, das im Ostpassage-Theater aufgeführt wird, geht es um die Mutterrolle und dass man immer alles gleichzeitig schaffen muss. Danach soll es auch ein Publikumsgespräch geben. Die wollten wir eigentlich schon letztes Jahr dabeihaben, aber damals war die Performance noch in der Entstehungsphase. Jetzt ist sie fertig. Einige von uns haben sie sich angeschaut und sich gemeinsam für die Aufführung entschieden.


> Mehr Infos zu den Aktionstagen gibt es hier


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