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Kultur

Maßnahme gegen Misstrauen

Ein Leipziger Projekt will Medienskepsis bekämpfen, indem Bürgerinnen und Bürger selbst journalistisch arbeiten

  Maßnahme gegen Misstrauen | Ein Leipziger Projekt will Medienskepsis bekämpfen, indem Bürgerinnen und Bürger selbst journalistisch arbeiten  Foto: Christiane Gundlach


Kathrin Barth und Linda Krämer sind seit Januar dieses Jahres im Rahmen des Projekts »Bürger machen Journalismus« als Journalistinnen im Landkreis Leipzig unterwegs. In Begleitung der hauptberuflichen Journalistin Gundula Lasch recherchieren und schreiben sie neben ihren eigentlichen Berufen an eigenen Texten. Sie sind Teil der Delitzscher Projektgruppe und damit der zweite von insgesamt siebzig Durchläufen, die im Zuge des Programms zwischen Ende 2025 und 2030 im ländlichen Sachsen durchgeführt werden sollen. Barth lebt in Delitzsch, ist eigentlich Lehrerin und in der Ortsgruppe des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) engagiert. Dort habe sie auch von dem Projekt erfahren. Zur Teilnahme hat sie der Frust über die regionale Berichterstattung bewogen: »Ich stecke viel Zeit in die Pressearbeit dieser Ortsgruppe und versuche da, die umweltpolitischen Themen, die uns in Delitzsch bewegen, sichtbar zu machen«, so Barth. »Wenn mal über diese Themen in der regionalen Zeitung – das ist für uns die LVZ – berichtet wird, dann taucht unsere Sichtweise da nicht auf«, beklagt sie. Ständig gehe es, so nehme sie es wahr, nur um den Verwaltungsstandpunkt der Stadt, nie aber um die Sichtweise der Bürgerinnen und Bürger von Delitzsch. Linda Krämer hat über das Schkeuditzer Amtsblatt von »Bürger machen Journalismus« erfahren. Unabhängig von dem Projekt betreibt sie bereits seit mehreren Jahren einen Blog über Schkeuditz. »Ich versuche, dort lokale Themen abzudecken, die sonst untergehen«, so Krämer. »Mein Ziel mit diesem Projekt war es, das zu professionalisieren und zu lernen, wie ich mich vernetzen und meinen Blog verbessern kann.«


Grundlagen und Ausprobieren

Der Durchlauf der Delitzscher Bürgerjournalistinnen und -journalisten begann im Januar 2026 mit zwei Workshoptagen. Dort tauschten sich die Teilnehmenden – sechs sind es in der Gruppe – zu ihrem Medien- und Demokratievertrauen aus. Sie erhielten Einblicke in die Grundlagen journalistischer Arbeit von der coachenden Journalistin und entwickelten die ersten Ideen für ihre Themen und Texte. »Ich habe mich dazu entschieden, über das Rechenzentrum zu schreiben, das vor den Toren Delitzschs gebaut werden soll«, erzählt Barth. Bis 2030 sollen dort 150 neue Arbeitsplätze entstehen und der Region zu wirtschaftlichem Aufschwung verhelfen. Die bisherige Berichterstattung zu dem Projekt ignoriere die Auswirkungen auf Natur und Anwohner, findet Barth. »Ich finde es gut, im Rahmen dieser journalistischen Textarbeit, also dem Anspruch, möglichst neutral zu berichten, auch die Gegenseite anhören zu müssen und dadurch die Perspektive anderer verstehen zu können«, erzählt die Delitzscherin. Das sei für sie der größte Unterschied zu ihrem Engagement beim BUND und ein Gewinn dieses Projekts. Krämer hat sich dafür entschieden, über das Ankommen der Störche in Schkeuditz zu schreiben. »Solche Feel-good-Storys müssen auch mal sein.«

Aktuell arbeiten beide intensiv an der Fertigstellung ihrer Texte, die auf dem Blog des Projekts sowie auf der sächsischen Nachrichtenplattform www.diesachsen.de veröffentlicht werden. Nach der Veröffentlichung wird für die Delitzscher Gruppe ein Abschlussworkshop stattfinden, in dem die entstanden Texte vorgestellt und das Thema Medienvertrauen erneut adressiert werden sollen.

»Bürger machen Journalismus« ist ein gemeinsames Forschungs- und Praxisprojekt des Zentrums für Journalismus und Demokratie (JoDem) der Universität Leipzig und des Sächsischen Landesverbands des Deutschen Journalistenverbands (DJV), gefördert wird es von der Volkswagenstiftung. Leiterin und Initiatorin ist die Leipziger Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin Judith Kretzschmar, die auch an der Studie zu Journalismus- und Demokratievertrauen in Sachsen mitarbeitete. Die Idee hinter »Bürger machen Journalismus« sei direkt aus einer Erkenntnis der Studie hervorgegangen: »Wir haben herausgefunden, dass die Menschen ein höheres Medienvertrauen haben, wenn sie Journalisten persönlich kennengelernt und mehr Kenntnisse über das journalistische Handwerk haben«, so Kretzschmar. »Grundgedanke des Projekts ist also, dass das journalistische Arbeiten von Laien das Vertrauen in die Medien und damit letztlich auch in die Demokratie stärken könnte.«

Ob das Programm das Medienvertrauen der Menschen in Sachsen stärken kann, das bezweifeln die beiden Teilnehmerinnen Barth und Krämer im Gespräch mit dem kreuzer allerdings. »Ich habe ohnehin Interesse an Medien. Das Projekt hat zumindest in unserer Gruppe nicht die Menschen erreicht, die nichts mehr von Journalismus und Medien halten«, so Krämer. Auch Barth findet, dass »Bürger machen Journalismus« einen unrealistischen Ansatz verfolge: »Wären wir schon gänzlich desillusioniert, würden wir an diesem Projekt auch nicht teilnehmen.« Dass die Menschen, die sich auf ein solches Projekt einlassen, nicht jene seien, die gänzlich medienskeptisch sind, das räumt auch Judith Kretzschmar ein. »Wie wir medienskeptische Menschen gewinnen können, wird sich sicherlich noch weiterentwickeln«, hofft sie. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von einem interdisziplinären Team der Universität Leipzig; Ergebnisse sollen im Frühjahr 2030 erscheinen.

> Infoseite zum Projekt: www.buergerjournalismus-sachsen.de


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