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Stadtleben

»Jeder verarbeitet Krisen anders«

Heike Stellmacher und Tobias Hönig vom Kriseninterventionsteam über ihre Arbeit und den Umgang mit der Amokfahrt in der Leipziger Innenstadt

  »Jeder verarbeitet Krisen anders« | Heike Stellmacher und Tobias Hönig vom Kriseninterventionsteam über ihre Arbeit und den Umgang mit der Amokfahrt in der Leipziger Innenstadt  Foto: Das Kriseninterventionsteam mit Tobias Hönig (l. neben dem Auto) und Heike Stellmacher (2.Reihe, rechts)/Robert Soujon

Bei medizinischen Notfällen kümmert sich der Rettungsdienst um körperliche Verletzungen, für die psychische Erste Hilfe gibt es in Leipzig das Kriseninterventionsteam. Etwa 40 Ehrenamtliche sind rund um die Uhr in Bereitschaft, um zum Beispiel Angehörige bei plötzlichen Todesfällen zu begleiten. Auch nach der Amokfahrt am 4. Mai war das Team vor Ort und unterstützte Betroffene. Die Vorstandsvorsitzenden Heike Stellmacher und Tobias Hönig erzählen im Interview, wie sich er Einsatz von ihrer alltäglichen Arbeit unterschieden hat und was sie Menschen raten, die sich weiterhin von dem Ereignis betroffen fühlen.

Wie läuft es normalerweise ab, wenn das Kriseninterventionsteam zu einem Einsatz kommt?

TOBIAS HÖNIG: Wir werden durch Feuerwehr, Rettungsdienst oder Polizei alarmiert, wenn vor Ort deutlich wird, dass Menschen psychosoziale Unterstützung brauchen. Die Anforderung läuft über die Integrierte Regionalleitstelle Leipzig. Oft kommen wir in Situationen dazu, in denen für Betroffene plötzlich nichts mehr normal ist – plötzliche Todesfälle, schwere medizinische Notfälle wie Reanimationen, Suizide oder Suizidversuche, Unfälle und Gewalterfahrungen. Ein Einsatz dauert im Durchschnitt etwa drei Stunden – manchmal aber auch deutlich länger. Wir bleiben so lange, wie die Situation es erfordert.


Wie unterstützen Sie Menschen dann konkret?

HEIKE STELLMACHER: Es gibt dafür kein festes Schema. Jeder Mensch reagiert anders auf Krisen. Manche möchten reden, manche erst mal schweigen. Andere brauchen Orientierung oder einfach jemanden, der ruhig bei ihnen bleibt. Uns ist wichtig, nichts aufzudrängen. Wir nehmen uns Zeit für die individuellen Bedürfnisse der Menschen.
Wichtige Säulen unserer Arbeit sind die Stabilisierung der ersten Reaktionen, die emotionale und organisatorische Strukturierung der Situation sowie das Aktivieren sozialer Ressourcen. Oft unterstützen wir Menschen auch dabei, Angehörige einzubeziehen oder weitere Hilfsangebote zu vermitteln. In Situationen, in denen Menschen versterben, kann außerdem das Ermöglichen einer bewussten Abschiednahme ein sehr wichtiger Schritt sein.
Gerade in Ausnahmezuständen hilft es vielen Betroffenen schon, nicht allein zu sein und jemanden an der Seite zu haben, der zuhört, Orientierung gibt und Sicherheit vermittelt.


Wie hat sich Ihr Einsatz nach der Amokfahrt am 4. Mai in der Leipziger Innenstadt von anderen Einsätzen unterschieden?

HÖNIG: Das war eine außergewöhnliche Einsatzlage – auch für uns. Wir waren beide vor Ort und haben den Einsatz der ehrenamtlichen Kräfte unseres Vereins geleitet. Schon sehr schnell war klar, dass viele Menschen Unterstützung brauchen würden und dass der Einsatz uns über mehrere Tage begleiten wird: An dem Montag waren wir bis gegen Mitternacht im Einsatz – an der Akutbetreuungsstelle im Gewandhaus, am Bürgertelefon und in Einzelbetreuungen. Am Dienstag und Mittwoch ging es weiter, unter anderem am zentralen Gedenkort am Paulinum und beim Gedenkgottesdienst.


Zu wievielt waren Sie im Einsatz?

HÖNIG: Insgesamt waren am Montag rund 30 ehrenamtliche Einsatzkräfte beteiligt, am Dienstag etwa 25 und am Mittwoch 12. Spürbar war dabei natürlich auch die Verunsicherung vieler Menschen durch das Geschehen. Gleichzeitig stand aber ebenso deutlich im Vordergrund, wie sehr Menschen in dieser Situation zusammenstanden, aufeinander geachtet und sich gegenseitig unterstützt haben. Dieses Miteinander und die gegenseitige Fürsorge waren an vielen Stellen deutlich wahrnehmbar.


Welche Themen hatten die Menschen, die nach der Amokfahrt Ihre Unterstützung gesucht haben?

STELLMACHER: Viele Menschen standen unter Schock. Manche waren direkt vor Ort, andere hatten in der Innenstadt Angehörige oder Freunde und wussten zunächst nicht, ob diese in Sicherheit sind. Einige hat auch sehr beschäftigt, wie nah sie der Situation selbst gewesen sind und dass sie ebenso hätten unmittelbar betroffen sein können. Ein großes Thema war das veränderte Sicherheitsgefühl. Viele haben beschrieben, dass sich ein vertrauter Ort plötzlich anders anfühlt. Gleichzeitig haben viele Menschen aber auch erlebt, wie viel Zusammenhalt in solchen Momenten entsteht. Es gab sehr viele Situationen, in denen Menschen aufeinander geachtet und sich gegenseitig unterstützt haben oder einfach füreinander da waren. Dieses Miteinander kann in solchen Ausnahmesituationen eine wichtige Kraftquelle sein.


Das Kriseninterventionsteam arbeitet komplett ehrenamtlich. Wie stemmt man da einen so außergewöhnlichen Einsatz?

HÖNIG: Vor allem durch ein starkes Team. Beeindruckend war zu sehen, wie viele unserer ehrenamtlichen Einsatzkräfte sofort bereit waren zu helfen, Dienste übernommen haben und füreinander da waren. Gerade bei einem mehrtägigen Einsatz ist es enorm wichtig, sich gegenseitig zu unterstützen und sich aufeinander verlassen zu können. Dazu gehört auch der Rückhalt im privaten Umfeld. In solchen Lagen merkt man sehr deutlich, wie wichtig Zusammenhalt ist – nicht nur bei den Einsatzkräften, sondern auch in der Stadtgesellschaft insgesamt.


Wie sieht die Nachsorge für Sie als Einsatzkräfte aus?

STELLMACHER: Natürlich gibt es Nachbesprechungen und Supervision. Aber das Wichtigste ist tatsächlich das Team selbst. Dass man miteinander spricht, ehrlich sagen kann, wenn einen etwas belastet, und weiß, dass jemand zuhört. Jeder hat außerdem seine eigenen Wege, wieder Kraft zu schöpfen. Für manche ist das Sport, für andere Musik oder Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen. Wichtig ist, belastende Eindrücke nicht mit sich allein auszumachen.


Gibt es etwas, das Sie Menschen raten können, die sich weiterhin von der Tat betroffen fühlen?

HÖNIG: Zunächst einmal: Viele Reaktionen auf so ein Ereignis sind vollkommen normal. Dass Menschen unruhig sind, schlecht schlafen, bestimmte Orte meiden oder gedanklich immer wieder zu dem Geschehen zurückkehren, kann nach solchen Erlebnissen auftreten. Wichtig ist, sich damit nicht unter Druck zu setzen. Jeder verarbeitet Krisen anders und im eigenen Tempo.

STELLMACHER: Und niemand muss damit allein bleiben. Es kann helfen, mit vertrauten Menschen zu sprechen oder Unterstützung anzunehmen. Manchmal tut es auch gut, bewusst kleine Schritte zurück in den Alltag zu gehen. Entscheidend ist, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und sich die Zeit zu geben, die man braucht.



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