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Leuchtturm zwischen Hochhäusern

Grünau hat drei Stadtteilbüchereien – die eigentlich zusammengelegt werden sollen

  Leuchtturm zwischen Hochhäusern | Grünau hat drei Stadtteilbüchereien – die eigentlich zusammengelegt werden sollen  Foto: Frank Schlösser

Ein Leuchtturm-Projekt für Leipzig-Grünau soll es werden, das multifunktionale Bildungs- und Bürgerzentrum (BBZ) in der Stuttgarter Allee. Mit Bürgeramt und Volkshochschule. Und mit einer »leistungsfähigen« modernen Stadtteilbibliothek. So steht es im »Integrierten Stadtteilentwicklungskonzept für Grünau 2030« (STEK), das am 16. Mai 2018 beschlossen wurde und bedeuten würde, dass die Bibliotheken Grünau-Nord und -Süd schließen. Derzeit liegt das STEK auf Eis, weil die Stadt spart. Wir haben uns in den drei Grünauer Stadtbibliotheken mal umgesehen.

Die Bibliothek Grünau-Nord liegt strategisch günstig – von drei Schulen und einer Kita zu Fuß erreichbar. Sparkasse und Aldi, Späti und Friseur, die Haltestelle Jupiterstraße und ein Asia-Imbiss mit Bubble-Tea um die Ecke sorgen für Fußgänger an diesem freundlichen Montagnachmittag. Übermorgen ist wieder Wochenmarkt auf dem benachbarten kreisrunden Platz mit halbrunden Sitzbänken. In dessen Mitte ein Spruch in den Boden eingelassen ist: »Über die Längen der Wege herrscht Uneinigkeit und auch hat jeder sein eigenes Zeitmaß«. Cool.

Isabell Schaller und ihr Sohn Nikos kommen die Treppe runter, vorbei an der Plakatwand, die zum Schreibwettbewerb »50 Jahre Grünau« einlädt, zum Gedächtnistraining, zur Beratung für Menschen mit Behinderung und zum Aktivspaziergang. Sie wohnen noch nicht so lange in Grünau. Aber die nächste Bibliothek gehört natürlich zum Alltag, egal wo man wohnt. »Wir sind doch mit der Bibo groß geworden«, sagt sie. »Dort gibt es nicht nur Bücher, sondern auch immer schöne Spielsachen. Wir gehen zum Vorlesen oder zum Basteln. Und die Spielecke wird oft von Migrationsfamilien genutzt. Es ist doch wichtig, dass man zu Fuß in die nächste Bibo gehen kann.« Sie sei gelegentlich auch in der großen Bibliothek am Leuschnerplatz: »Das Angebot ist dort umfangreicher, aber sie ist nicht so sehr auf Kinder ausgerichtet.«


Letzter Posten der Stadt

Inzwischen hat Philipp Rödel vom Verein Giro die beiden Container aufgeschlossen, die direkt vor der Bibliothek stehen. Der Verein bietet hier mit dem Kinderkunstplaneten eins seiner Projekte für kulturelle Teilhabe an. »Wir haben den Raum in der Bibliothek im Winter genutzt«, erzählt Rödel. »Jetzt im Sommer bieten wir hier draußen unsere Spielmöglichkeiten an.« Für ihn ist die Stadtteilbibliothek der letzte Posten der Stadt hier draußen. »Wenn die zumacht, dann gibt es die Stadt Leipzig offiziell im Planetenviertel nicht mehr. Das wäre ein schlechtes Zeichen für die Leute hier.«
Eigentlich möchte der Verein raus aus den Containern und rein in den geschlossenen Konsum in der Nachbarschaft. »Aber den nutzt der Konsum derzeit als Lager. Die
rücken den bis jetzt nicht raus.«

Die Zahlen der drei Grünauer Bibliotheken sind recht ausgeglichen: Grünau-Mitte in der Stuttgarter Allee kam im Jahr 2025 auf 21.328 Besucherinnen und Besucher, Grünau-Nord auf 19.788 und Grünau-Süd auf 21.339, wie uns die Stadtbibliothek Leipzig mitteilte.


Barrierefrei an der Kotsche

Auch dort, An der Kotsche, direkt neben Rewe und Action, sind am Montagnachmittag wenig Menschen. Dietrich R. braucht genau diese Ruhe in der Bibliothek – zum Arbeiten am Laptop und zum Zeitunglesen mit dem kostenlosen »Press-Reader«, weil die Zeitungen zu teuer geworden sind. Vier Schüler erledigen hier bei einem Stopp auf dem Nachhauseweg gemeinsam ihre Hausaufgaben. Anja S. stellt ihr Fahrrad ab. Sie kommt aus der Siedlung Grünau regelmäßig hierher. »Ich hab nicht so viel Zeit«, sagt sie. »Da passt es einfach, weil es so nah ist.« Es sei zwar nicht so schön, dass das Personal in der Bibliothek so häufig wechselt und die Krimi-Abteilung immer größer werde. »Aber das ist eben so: Wenn ich Ferdinand von Schirach möchte oder Isabel Allende, dann muss ich eben bestellen.« Sollte die Bibliothek hier schließen, würde Anja S. wohl eher ins Stadtzentrum fahren als nach
Grünau-Mitte: »Weil die Stuttgarter Allee auch keine gute Gegend ist«, sagt sie und verweist auf ein Ranking zur Kriminalität in Leipzig. »Grünau war mal gut gedacht, so mit den Schulen, den Kitas und den Polikliniken. Aber das passt wohl nicht mehr in diese Zeit.« Die Filiale Grünau-Süd liegt im Erdgeschoss und ist die einzige der drei Grünauer Bibliotheken, die barrierefrei zugänglich ist.


Jede Menge geistiger Input

Die Bibliothek Grünau-Mitte liegt neben der Fußgänger-Magistrale der Stuttgarter Allee, um die Ecke die Schwimmhalle »Grünauer Welle«, ein MäcGeiz, ein Wahlkreisbüro der Linken und das AWO-Bildungszentrum – und der offene Freizeittreff »Völkerfreundschaft«, wo Anfang Juni die Städtebauliche Fachtagung »50 Jahre Grünau – von hier aus weiter« stattfindet.

Neben dem Tresen der Bibliothek sammelt Lilly ein paar Tonie-Hörbücher in den Beutel, den ihr Papa Adrian B. bereithält. Sie kommen regelmäßig aus Markranstädt rüber. »Die Öffnungszeiten sind so, dass man in der Woche auch mal spontan kommen kann«, sagt er lächelnd. »Außerdem würden die Tonie-Hörbücher richtig ins Geld gehen, wenn man sie kaufen müsste.« Auch für ihn gehört der Besuch in der Stadtteilbibliothek schon seit seiner Kindheit zum Alltag, er ist in Grünau groß geworden. »Im Winter kann man hier eine trockene und interessante Stunde zubringen. Wir nutzen auch die Bastelangebote und – na ja – mein Kind braucht halt grade jede Menge geistigen Input.«

Unten vor der Tür hört sich eine Frau mittleren Alters interessiert die Pläne vom »Leuchtturmprojekt« an. Sie lacht. »Was ist das für ein Bild? Leuchttürme warnen vor Gefahren: Wer mit seinem Schiff den Leuchtturm ansteuert, der erleidet garantiert Schiffbruch.« 


> Stadtteilbibliothek Grünau-Mitte, Stuttgarter Allee 15, 04209 (Grünau), Mo, Do/Fr 10–13 u. 14–18, Di 10–15, Mi 14–18 Uhr
> Stadtteilbibliothek Grünau-Nord, Plovdiver Str. 40, 04205 (Grünau), Mo/Di, Fr 10–13 u. 14–18, Mi 10–15 Uhr

> Stadtteilbibliothek Grünau-Süd, An der Kotsche 11–13, 04207 (Grünau), Mo/Di, Do 10–13 u. 14–18, Mi 14–18, Fr 10–15 Uhr


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