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»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, du hässliches, sexy Biest«

Dmitrij Kapitelman über seine Kindheit und Jugend
in Grünau zwischen
Neonazis und Gisela Wirt

  »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, du hässliches, sexy Biest« | Dmitrij Kapitelman über seine Kindheit und Jugend
in Grünau zwischen
Neonazis und Gisela Wirt  Foto: Paula Winkler

Dmitrij Kapitelman ist müde, sagt er in die Kamera, »aber alles fine«. Durch die Webcam sieht er nicht danach aus, als hätte er wenig geschlafen, aber sein Flug nach Prag ging sechs Uhr morgens. Ob er trotzdem bereit sei, zurück in die Zeit seiner Kindheit und Jugend in Grünau zu reisen? Der 1986 geborene Autor und Journalist zögert kurz, aber sagt schließlich lächelnd: »Ja.« Er und seine Familie kamen 1995 aus Kyjiw als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Grünau. Die Erlebnisse in der Trabantenstadt verfolgen Kapitelman nicht nur persönlich, sondern auch in seinen Werken. Wir sprechen übers Ankommen, Gehen und Wiederkehren in und nach Grünau.

Sie sind mit Ihren Eltern aus Kyjiw über ein Flüchtlingsheim im sächsischen Meerane nach Grünau gekommen. Erinnern Sie sich an diese Ankunft?

Ich kann mich nicht an den ersten Tag erinnern, aber ich kann mich erinnern, dass ich mich sehr schnell vor diesem Viertel und dieser Architektur gefürchtet habe. Vielleicht war es auch nur die Stimmung. In einer unserer ersten Wochen in Grünau lag ein Mann mit zerschlagenem Gesicht blutend vor dem Haus und keiner hat etwas gemacht. Ich habe auf dem Spielplatz gesessen und einfach da draufgestarrt. Irgendwann kamen die Polizei und ein Krankenwagen. Ich erinnere mich, wie ich in den achten Stock hochgefahren bin und versucht habe, Fernsehen zu schauen, irgendeine bekloppte Kai-Pflaume-Sendung, und ich dieses ganz komische Gefühl hatte, dass da etwas passiert ist, das ich meinen Eltern erzählen sollte.


Wie kam es zur Furcht vor der Architektur?

Ich hatte als Kind einen Traum, in dem Zehngeschosser ganz böse auf mich zu getanzt kommen und mich fressen (lacht). Der Block, in dem wir gelebt haben, die »Eiger Nordwand«, war gefühlt kilometerweit im neunten Stock verbunden, im Durchgang RAF-Fahndungsposter und Naziparolen. Das ist gruselig für ein Kind.


Sie sind als jüdischer Junge nach Grünau gekommen. Spielte das eine Rolle?

Damals gar nicht, weil ich noch kein politisches Bewusstsein hatte oder ein tieferes emotionales Verständnis davon, was meine Familiengeschichte bedeutet. Da waren eher andere Dinge, wie der russische Akzent meiner Eltern. Es gibt einen Moment, den habe ich schon oft beschrieben, weil er diese ganze Grünau-Erfahrung und das Jüdischsein auf den Punkt bringt: Eine Etage unter uns war jeden Freitag Neonaziparty. An so einem Freitag wollten mein Vater und ich in den Fahrstuhl steigen. Er, mit absolut erkennbarem Akzent, sagt: »Mochte ich in die achte Stock« und steigt mit drei oder vier Faschos in diesen klapprigen Fahrstuhl und schickt mich die Treppen hoch. Ich verstehe, dass er mir diese Lektion jüdischer Courage geben wollte, mir demonstrieren wollte, dass er keine Angst vor ihnen hat, dass wir uns den Raum in Deutschland nehmen müssen, aber das war eins der traumatisierendsten Erlebnisse, die ich hatte. Ich fühlte mich so ohnmächtig, als sich diese Fahrstuhltür vor meinem Vater und den Neonazis schloss. Es ist nichts passiert, aber ich glaube, manchmal sind die Ereignisse, die man sich als Katastrophe ausmalt, klebriger im Bewusstsein.


War das Ihre erste Erfahrung mit Neonazis in Grünau?

Nein. Ich muss in der dritten Klasse gewesen sein, da wusste ich noch nicht, was ein Neonazi ist. Ein Schulfreund und ich haben in einem dieser ganz einquadrierten Hinterhöfe Fußball gespielt. Dann kamen ein paar Männer dazu, die waren alle bisschen beschwipst und ich habe mich gewundert, dass die alle kurze Haare hatten und dass die auch sehr seltsame Fußballschuhe trugen (lacht). Ich wunderte mich, dass die so gemein zueinander waren und so aggressiv. Die kickten einander die Bälle ins Gesicht. Damals hatten wir noch Welpenschutz. Auch da ist nichts passiert, aber natürlich gefriert mir heute das Blut, wenn ich daran denke, was diese Leute mit meiner Familie machen wollen oder überhaupt mit der Existenz von Juden.


Diese Erinnerungen durchleben Sie als Autor immer wieder, wenn Sie darüber schreiben.

Eigentlich wollte ich kein Wort von den Neonazis in meinem ersten Buch erwähnen, es ging um meinen Vater, mich und unsere Reise nach Israel. Auf gar keinen Fall wollte ich diesen Arschlöchern viel Raum einräumen. Zum Glück bestand mein Lektor aber darauf, er meinte: »Du bist Zeitzeuge.« Mit diesem Buch bin ich viel durch Süd- und Westdeutschland gereist, wo die Menschen mich ansahen, als würde ich Geschichten vom Mond erzählen, trotz der Begriffe wie »Baseballschlägerjahre«. Das ist so eine krass ostdeutsche Erfahrung. Niemand verstand, was das für ein Dauerzustand war, dass du immer damit leben musstest, Jahr um Jahr gejagt
zu werden, ernsthaft verletzt zu werden.


Was hat man denn als Jugendlicher in den Neunzigern in Grünau gemacht, wenn man kein Neonazi war?

Ich habe viel im Jugendclub Arena abgehangen. Da war man entweder links oder rechts. Manchmal haben Leute beide Seiten ausprobiert. Das war wirklich ein erstaunlich fließender Übergang, jetzt, wo ich darüber nachdenke (lacht). Also nicht für mich, aber für viele, die da waren. Ich kann mich an Basketballturniere in der Stuttgarter Allee erinnern. Einerseits dachte ich: Mein Gott, ist das positiv und cool, das ganze Viertel ist da und wir spielen Basketball und hören Hip-Hop. Aber es war immer mit der Frage verbunden: Wird das gestürmt? Werde ich auf dem Weg nach Hause von denen erwischt? Die haben genau gewusst, dass wir dieses kleine Ding für uns haben und uns darüber freuen. Selbstverständlich war das dann eine Priorität für die Nazis, uns dafür zu bestrafen.


»Kein Nazi zu sein, das war eine Kriegserklärung in Grünau«, haben Sie mal geschrieben.

Mein Welpenschutz war aufgebraucht, als ich einen kleinen Flaum Schnurrbart bekam, Pickel hatte und Baggies trug. In dieser einen Nacht, als ich allein in der Kiewer Straße ausgestiegen bin, da standen sechzig von denen plötzlich vor mir. Ich dachte, ich ziehe durch, ähnlich wie mein Vater im Fahrstuhl. Ich laufe da lang und lasse mir meinen Platz nicht nehmen. Na ja,
und dann sind sie auf mich zu marschiert, um mich dafür zu bestrafen. Einer hat schon ausgeholt und meinte: »Denkst wohl, du bist ein ganz Harter?« (sagt Kapitelman im schönsten Sächsisch). Einer, der mehr zu sagen hatte, kam an und meinte: »Lass den, lass den gehen« (im Kapitelman’schen Sächsisch). Das war Dirk, ein Gassi-Freund von Paps. Er mit seinem Pitbull und mein Paps mit seinem Basset Hound sind immer zusammen um die Büsche gezogen. Deswegen haben sich mein Vater und dieser ranghohe Neonazi ein bisschen angefreundet. Der hat mich als Sohn wiedererkannt, deswegen durfte ich passieren.


Krass.

Ja, ich frage mich auch, was mich als 13-Jähriger geritten hat. Vielleicht konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie mich zu Brei schlagen, aber das hatten sie vor.


In einem Artikel fürs Zeit-Magazin schreiben Sie letztes Jahr: »Mit 18 war es eine Erlösung, nach Connewitz zu ziehen. Nie wieder Grünau.« Wann wussten Sie, dass es Zeit war, Grünau zu verlassen?

Ich wollte unbedingt wissen, ob das Leben überall so ist. Mit der Zeit bin ich mehr aus dem Viertel rausgekommen und habe so eine Ahnung davon bekommen, dass das Leben nicht überall so sein muss. Es war ganz wunderbar zu wissen, dass du auch nachts die Straße entlanggehen kannst und keiner dir Baseballschläger in den Rücken rammt, und dass es Konsens ist, dass Rassismus scheiße ist. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie es dazu kam, dass ich beschlossen habe, weltoffen zu sein und alle Menschen mit dem gleichen Respekt und mit der gleichen Neugierde zu behandeln. Ich glaube, es hat damit zu tun gehabt, dass ich einmal gesehen habe, wie ich nie sein will.


Sie haben Grünau verlassen, aber nicht Leipzig. Sie haben hier studiert.

Leipzig ist die Stadt, in der ich nicht darüber nachdenke, in welcher Stadt ich bin. Ich bin schon vor einer Weile nach Berlin gezogen und war sehr viel unterwegs, aber das hat sich nie geändert. Hier sind meine ältesten sozialen Verträge: meine ältesten Freundschaften, die Familie, hier ist nun auch mein Vater beerdigt. Es sind Dinge passiert, die verstricken und verknüpfen dich so mit einer Stadt, dass es unauflöslich wird. Grünau ist die Vergangenheit und auch der Teil meines Lebens, in dem ich den kleinsten Einfluss darauf hatte, wo ich bin, wie ich bin und mit wem ich bin.


Für diesen Zeit-Artikel sind Sie noch einmal nach Grünau zurückgekehrt, an den Kulkwitzer See. Wieso?

Ich wollte wissen, ob Neonazi sein wieder offen zur Jugendkultur wird. Ich habe versucht, das, was ich am Kulki erlebt habe, mit den vielen Faschos, mit dem Jetzt zu vergleichen. Ich bin viele Sommerabende mit dem Fahrrad um die Blocks gefahren. Ein bisschen so, als könnte ich die Vergangenheit korrigieren, wenn ich nur oft genug da entlangfahre. Zum einen habe ich festgestellt, dass das Viertel überhaupt nicht mehr dem entspricht, was ich davon in Erinnerung habe. Es ist irre international. Trotzdem wählen 40 Prozent die AfD.


Wie fühlte es sich an, Grünau in der Gegenwart zu besuchen?

Es war eine wunderschöne Sommernacht, die Leute im Block hatten ihre Fenster offen und eigentlich klang das Leben sehr nett. Es waren beseelte Lacher zu hören, eine Mutter bot ihrem Sohn Erdbeereis an und stellte dann fest, dass sie doch keins mehr hatte. Der Junge weinte. Ganz süße Sachen. Und während ich da so stehe und denke, vielleicht ist es auch mal Zeit, von dem Trauma loszulassen und sich nicht mehr bedroht zu fühlen, kommt ein richtig strammer Fascho aus dem Haus gelatscht und guckt mich genau mit diesem Blick an, der dir innerhalb von zwei Sekunden signalisiert: Selbstverständlich sind wir Todfeinde. Eine spontan angebotene Todesfeindschaft und plötzlich ist alles wieder da. Ich habe mich danach oft gefragt, wieso ich so viele Abende mit dem Fahrrad durch Grünau gefahren bin. Es war fast so, als würde ich das, was damals passiert ist, wieder suchen, um dem irgendwie erwachsen zu begegnen. Es war seltsam zurückzukehren.


Sind Sie auch zu Ihrem Block gefahren?

Unser Häuserblock wurde abgerissen. Das ist auch so eine Sache am Heimkehren: Wenn ich unseren Block finden will, muss ich mich an diesem Spielplatz orientieren, von dem ich vorhin erzählt habe, wo dieser blutende Mann lag. Dieser Spielplatz ist zwar auch abgerissen, aber es gibt noch ein Schaukelpferdchen, an dem ich mich orientiere (wir hätten es Ihnen gern gezeigt, aber es wurde unterdessen demontiert, Anm. d. Red.).


In Ihren drei Büchern bekommen wir nur ein Gefühl davon, wie Ihre Eltern die Zeit in Grünau erlebten.

Mein Vater hat nie wirklich ehrlich und gewissenhaft darüber sprechen wollen. Ich glaube, weil es bedeuten würde einzugestehen, dass unser Neubau des Lebens nicht so gut funktioniert hat. Der Preis, es wieder neu zu versuchen, war zu hoch. Meine Mutter, und das schwingt schon in den Büchern mit, hat bestritten, dass Grünau problematisch war. Wenn ich davon gesprochen habe, wie gefährlich mein Leben da ist und wie deprimierend ich das finde, hat sie entweder gesagt, dass ich übertreibe, oder von der Zentralheizung gesprochen und wie geräumig und gut gedämmt die Wohnung ist. Ich erinnere mich an Abende, an denen ich es wieder versuche, und dann wird über den Radieschensalat gesprochen. Meine Eltern haben mich nicht verstanden.
Sie sind morgens zur Arbeit und abends zurück, konnten den Kopf ducken. Ich nicht. Der kleine Dima wurde da lange nicht gehört. Daher kommt auch mein Impuls, mir diesen Raum zu verschaffen.


Sie haben sich immer wieder gefragt, wie sehr Sie sich von diesen Jahren prägen lassen wollen. Haben Sie eine Antwort darauf gefunden?

Ich nehme sie als wichtige und nicht änderbare Jahre an. Das Leben ist erfreulicherweise sehr lang und schließt sehr viele kleine verschiedene Leben in sich ein. Ich fühle mich nicht mehr politisch oder emotional eingegrenzt von dieser Zeit. Ich würde dem kleinen Dima immer noch ein wärmeres, ermutigenderes, liebevolleres Umfeld wünschen, aber es ist okay.


Grünau wird 50 Jahre alt. Was möchten Sie dem Viertel sagen?

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, du hässliches, sexy Biest (lacht). Ich hoffe, dass die Menschen, die aus der Ukraine oder aus Syrien geflohen sind, auch solche Oasen finden wie ich. Oder dass sie so unwahrscheinliche Freundschaften finden wie ich. Ich hatte eine ganz wunderbare deutsche Nachbarin im zweiten Stock. Sie hieß Gisela Wirt und hat mich immer wieder eingeladen und gefragt, was ich denke, mir Bücher geschenkt und mich zum Schreiben ermutigt. Sie hat mich auf den Lebensweg gebracht, dem ich jetzt so viel verdanke. Wenn ich Gisela Wirt in der Neuen Leipziger Straße 24 nie getroffen hätte, wäre ich jetzt vielleicht Mechatroniker und bei Weitem nicht so verliebt in meine Arbeit.


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