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Ramadan in Grünau

Zu Besuch bei der palästinensischen Familie von Assem Abu Shakra und Dima Horani, die seit zwei Jahren in der Stuttgarter Allee wohnt

  Ramadan in Grünau | Zu Besuch bei der palästinensischen Familie von Assem Abu Shakra und Dima Horani, die seit zwei Jahren in der Stuttgarter Allee wohnt  Foto: Assem Abu Shakra und Dima Hourani mit ihren drei Kindern/Jasmin Zwick

Shaam Abu Shakra macht die Tür im elften Stock auf. Ein breites Lächeln schweift über ihr kleines Kindergesicht, das eine Zahnlücke enthüllt. Neben ihr steht ihr Vater Assem Abu Shakra, der genauso glücklich schaut. Ein langer Teppich führt vom Flur ins Wohnzimmer, wo die Mutter und das jüngste Familienmitglied bereits warten. Shaam ist sieben Jahre alt. »Aber dieses Jahr werde ich acht«, sagt das Mädchen. »Im August«, schiebt seine Mutter hinterher. Ein kleiner Löwe. Das Baby der Familie heißt Adam und ist etwas über ein Jahr alt. Er lacht und brabbelt und ruft, wenn er mitreden will. Dabei lässt er zwei kleine Zähnchen in seinem Unterkiefer aufblitzen. Ein Geschwisterkind fehlt an diesem Vormittag, die dreijährige Celina, die gerade im Kindergarten ist. »Ein Junge, zwei Mädchen, das ist gut«, sagt Assem ganz väterlich und setzt sich auf eins der beiden Sofas im Wohnzimmer, die sich gegenüberstehen, daneben ein Aquarium in der Ecke, mit vielen kleinen bunten Fischen. An der Wand hängt ein goldener Schriftzug: Home. »Wir sind Palästinenser, kommen aber aus Syrien«, sagt Assem und zeigt auf die gegenüberliegende Wand, an der noch mehr goldene Dekoration hängt. Die Umrisse Palästinas. Es werden Kaffee und Tee angeboten. »Wir haben Ramadan, aber Sie haben keinen Ramadan«, sagt Dima freundlich.

Die Familie ist im März 2024 in die Platte in Grünau gezogen. Zuerst kam Assem im Jahr 2015 nach Deutschland, ein Jahr später folgte seine Frau mit dem Familiennachzug. »Bei der Wohnungs­suche haben mir meine deutschen Freunde abgeraten, nach Grünau zu ziehen – zu viel Rassismus«, erzählt der heute 37-Jährige. »Viele Leute sagten uns, es sei unbequem mit Kindern. Viele arabische Familien hatten hier Probleme. Schade, denn hier gab es damals viele freie Wohnungen«, sagt Assem. Also zogen sie 2016 zunächst nach Paunsdorf, 2019 dann nach Sellerhausen. Weil sie sich vergrößern wollten, landeten sie schließlich doch in Grünau. »Mittlerweile ist es besser, weil viel mehr Ausländer hier leben«, sagt die junge Mutter. Und gefällt es Shaam hier? »Ja!«, kommt es aus ihr herausgesprudelt. Daraufhin fügt sie direkt hinzu: »Ich gehe in die erste Klasse!« Die Eltern müssen wieder lachen.

Lange bevor Assem Abu Shakra und seine Frau ihre Familie gründeten und nach Leipzig kamen, hatten sie ein Leben in Syrien. Genauer gesagt in Damaskus. Assem hat dort Germanistik studiert. Sein Traum war es, Tourismusführer zu werden. »Eine neue Sprache bedeutet neue Chancen und mehr Optionen«, sagt Assem. »Außerdem mag ich Deutschland.« Vielleicht, weil sein Vater von 1968 bis 1972 bei Mercedes-Benz in Stuttgart arbeitete oder weil er schon als Kind Fan der deutschen Fußballnationalmannschaft war. »Dein Traumland«, sagt seine Frau, die ihm gegenübersitzt und kichert. Assem lächelt liebevoll und antwortet: »Nicht richtiges Traumland, aber es war mein Wunsch, genauso zu sein.« 2009 machte er schließlich ein Praktikum und sollte dann als Tourismusführer arbeiten. »Wir hatten viele deutsche Touristen in Damaskus, mindestens 48 Personen pro Gruppe«, erzählt er. Dann kam der Krieg und Assem sollte zur Armee. Das war 2011. »Ich sollte kämpfen, aber ich wollte das nicht.« Assem fiel mit Absicht durch jede Uniprüfung. »Damit habe ich zwar vier Jahre verloren, aber ich musste nicht zum Militär.« Er wollte ein neues Leben beginnen. In Ruhe. Ohne Angst.

Heute fühlt sich die Familie sehr wohl in Leipzig. Vor allem in Grünau. Obwohl sie erst seit zwei Jahren hier leben, scheinen sie hier schon viel mehr angekommen zu sein als in den Vierteln davor. Das liegt auch am guten Zusammenhalt im Haus: »Wir haben tolle Nachbarn«, sagt Assem. Die Dekoration für Ramadan, die an der Wand hinter Assem hängt, haben sie von einer Nachbarin aus der fünften Etage geschenkt bekommen, ihrer Lieblingsnachbarin, gemeinsam mit der Frau im zehnten Stock. Beide leben schon seit 1981 im Haus. »Es ist wichtig, eine gute Verbindung mit den Nachbarn zu haben«, sagt Assem. »Wir verteilen Süßigkeiten oder Geschenke, zu Ostern zum Beispiel«, erzählt Dima. Die Süßigkeiten sind natürlich aus eigener Produktion. »Wir können uns wirklich nicht beklagen«, fügt Assem hinzu. »Grünau ist ein guter Ort für uns, wir wollen nicht mehr weg.« Auch seine Frau lächelt, wenn sie von ihrem Leben in Grünau erzählt. Dabei gab es eine Zeit, in der sie fast die Hoffnung auf ein gutes Leben in Leipzig verloren hatte.

Dima Horani studierte Pädagogik an der Universität in Damaskus, um Grundschullehrerin zu werden. Sie schloss das Studium ab, da waren sie und Assem verlobt. »Es gab kein Leben für uns in Syrien. Keine Wohnung. Keine Arbeit. Immer im Risiko und in der Angst zu leben, das wollte ich nicht«, erzählt die heute 32-Jährige. Ihre Kinder wuseln um sie herum. Sie hören zu, auch wenn es um Krieg in der Heimat ihrer Eltern geht. Wenn Baby Adam wieder ruft, kümmert sich seine Schwester liebevoll, bringt ihm seinen Schnuller oder etwas zum Spielen.

Trotz des abgeschlossenen Studiums konnte Dima in Deutschland nicht als Lehrerin arbeiten. »Im Jobcenter sagten sie mir, dass mein Hijab ein Problem sei. Mit Kopftuch hätte ich keine Chance, in einer sächsischen Schule zu arbeiten.« Sie würde an vielen Schulen nicht akzeptiert, weil dort keine religiösen Symbole sichtbar sein sollen. »Aber zur gleichen Zeit habe ich gesehen, dass Lehrerinnen und Lehrer christliche Symbole tragen, als Tattoo oder Kette. Das ist erlaubt. Das Kopftuch nicht.« Also begann sie 2018 eine Ausbildung zur Krankenschwester. »Die deutschen Auszubildenden konnten schnell schreiben und alles schnell verstehen. Auf das Tempo bei den ausländischen Auszubildenden wurde nicht geachtet«, erzählt Dima. Adam watschelt um den Couchtisch herum und stolpert über seine Füßchen. Er fällt auf seine Knie und fängt an zu weinen. »Habibi, habibi«, flüstert Assem und hebt ihn hoch, um seinen Sohn auf den Kopf zu küssen.

»Jeden Tag kam ich nach Hause und habe geweint. Jeden Abend sagte ich zu Assem: Ich will nicht mehr weitermachen.« Nach der Schule kam die Praxis. Eine Krankenschwester auf ihrer Station machte es der jungen Frau nicht leicht: »Jeden Tag hat sie zu mir ein schlechtes Wort über mein Kopftuch und meine Religion gesagt«, erzählt Dima. »Sie erlaubte mir nicht, im gleichen Zimmer zu frühstücken.« Dima versuchte die Station zu wechseln, aber ihre Chefin ließ das nicht zu. Sie musste nach zwei Monaten abbrechen und blieb erst mal zu Hause. »Wenn meine Kinder größer sind, versuche ich es vielleicht wieder.« »Ich hatte es bei meiner Ausbildung als Hotelfachmann leichter«, sagt Assem. Heute arbeitet der Familienvater an der Rezeption in einem Leipziger Hotel.

Dima atmet durch. »Ich habe einen arabischen Kaffee gekocht. Für heute, für Ramadan. Der ist frisch.« Wenn man sich genauer im Wohnzimmer umschaut, erkennt man, dass überall für Ramadan vorbereitet wurde: Auf einem Sideboard steht ein Kalender neben einer Laterne, der anzeigt, wie viele Tage schon gefastet wurde. Heute sind es drei. Auf dem Couchtisch stehen Schälchen in Sichelform. Dass weitere Familien Ramadan in Grünau feiern würden, sei draußen aber nicht wirklich sichtbar. Deswegen wird bei ihnen zu Hause so viel geschmückt. »Damit unsere Kinder auch in Grünau merken: Jetzt ist Ramadan«, sagt die Mutter. Denn in Syrien sieht man diese Dekoration überall: auf der Straße, in Läden. Früher haben sie die Deko immer im Internet gekauft, nun können sie diese auch in Grünau, bei Woolworth oder Tedi, kaufen. Das freut die Familie sehr. Den Kaffee bringt Dima in einer zarten Tasse mit blauem Muster. »Die Tasse ist aus einem arabischen Laden hier in Grünau«, sagt Assem stolz. »Das ist ein spezieller Kaffee.« Er wird mit einem Gewürz verfeinert. »Das ist sehr wichtig für unseren Kaffee«, fügt Dima hinzu. Nach dem ersten Schluck breitet sich der Kardamom-Geschmack im ganzen Mund aus.

Was gibt Dima Horani noch ein gutes Gefühl, nach dem, was sie erlebt hat? »Grünau ist richtig gut mit Kindern«, sagt sie. »Es ist hier besser als in Paunsdorf.« Assem stimmt ihr zu: »Viele Spielplätze, eine Schwimmhalle direkt am Haus, autofreie Plätze.« Das findet er richtig gut, so viele freie Flächen habe es in Paunsdorf zum Beispiel nicht gegeben. »Die Kinder entscheiden, was wir machen. Nicht mehr wir«, sagt Assem und lacht herzlich. Was machen denn die Kinder am liebsten in Grünau? »Zur Schule gehen«, sagt die Erstklässlerin. Über die Antwort ihrer Tochter lachen die Eltern liebevoll. Sie zeigt auf ihre Schule, die sie von ihrem Balkon im elften Stock sehen kann. »Der graue Block, hinter dem gelben Block.« Manchmal geht Shaam den Weg zur Schule ohne Eltern, mit einer Freundin aus dem Block. »Ich kann sie ja aus dem Fenster sehen«, sagt ihre Mutter. Aktuell hat Shaam Ferien, da kann man andere Dinge erleben. »Ich war bei meinem Onkel und heute gehe ich meine Oma besuchen«, erzählt sie. In ihrem Block in der Stuttgarter Allee leben außerdem viele Kinder, mit denen Shaam auf dem Spielplatz spielen kann.

Der Kindergarten von Shaams kleiner Schwester Celina liegt um die Ecke. »Wir spazieren in zehn Minuten hin«, sagt die Mutter. Ein weiterer Vorteil, den die Familie an Grünau schätzt. »In Sellerhausen war die Kita eine halbe Stunde Fußweg entfernt und der Bus kam nur jede Stunde«, das sei hier ganz anders. Die Erzieherin im Kindergarten in Grünau hat sogar eine kleine Ramadan-Ecke für die Kinder in der Gruppe eingerichtet. »Das war das erste Mal, dass ich so etwas gesehen habe«, sagt die junge Mutter gerührt. »Ich finde das sehr schön.« Sie haben dekoriert wie die Familie zu Hause, in Gold und mit einem Kalender. Die Erzieherin, die sich darum gekümmert hat, habe zu ihr gesagt: »Es gibt in Grünau viele Kinder, die Weihnachten feiern, aber es gibt auch viele, die andere Feste feiern, und darauf haben sie ein Recht.« Ende März endet Ramadan, der Fastenmonat. Dann beginnt das dreitägige Zuckerfest Eid al-Fitr. Dann wird gebetet, gegessen, gefeiert und die Kinder werden beschenkt. »In unserer Heimat in Syrien ist es natürlich einfacher, weil die ganze Stadt das Zuckerfest feiert. Hier ist das schwieriger, weil man mehr planen muss«, sagt Assem. Das bedeutet, Urlaubstage müssen so gelegt werden, dass es passt, und die Kinder müssen in Schule und Kindergarten entschuldigt werden. »Früher war das alles schwierig«, sagt Dima. »Heute akzeptieren die Schulen das schon mehr«, fügt ihr Ehemann hinzu. »Jetzt dürfen die Kinder sogar zwei Tage feiern, nicht nur einen wie früher.«

Langsam senkt sich die Sonne über Grünau. Um 17.30 Uhr geht sie an diesem Februartag unter, dann ist Iftar, also Fastenbrechen. Traditionell wird dafür alles selbst gemacht: das Butterschmalz zum Anbraten und Backen, die Süßigkeiten für die Kinder und die Getränke. Dima lädt zu einem Exkurs in die Küche ein. Auch Shaam kommt mit. Auf dem Herd steht ein Topf mit dem Kaffee. In einem anderen Topf werden getrocknete Aprikosen stundenlang in Wasser eingelegt, damit ein dicker Sirup entsteht. Die selbst gemachten Süßigkeiten heißen Marouk und haben Tradition. »Das ist Teig, dazwischen kleingehackte Datteln, Schokolade, Kokos und Rosinen«, sagt Assem. Künefe machen sie auch und ganz spezielle Cookies mit Datteln und Gewürzen. »Für uns als Palästinenser muss sehr viel Gewürz drin sein«, sagt Assem. »Während unseres ersten Ramadan hier habe ich zwei Versionen gemacht. Die syrische, mit weniger Gewürzen, und die palästinensische, die intensive«, erzählt Dima. »Unseren Nachbarn hier im Block habe ich beide vorbeigebracht. Ihnen schmeckte auch die palästinensische mehr«, erzählt sie und lässt sich von dem Lachen ihres Mannes anstecken.

Dabei öffnet Dima eine Schublade, in der lauter Gläschen mit Gewürzen liegen. Shaam steckt ihre Nase in die Gewürzgläser, die ihre Mutter ihr hinhält – zuerst Kardamom, dann Fenchelsamen. Assem riecht auch an den Gewürzen. »Wenn ich in meiner Heimat, in Damaskus, durch die Viertel lief, dann konnte ich immer riechen, dass in zwei, drei Tagen das Zuckerfest ist«, erzählt er. Dann roch es nach Anis, Kardamom und Fenchelsamen. »Zusammen ist das ein richtig schöner Geruch.« Der Familienvater schließt die Augen und atmet tief ein, als stünde er auf den Straßen seiner Stadt.



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