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Kultur

»Ich mache nicht mehr eine Milliarde Jobs«

Josen Bach aka Die Quittung liefert mit seinem neuen Album »Extrawelt« eine musikalische Illustration unserer überfrachteten Gegenwart

  »Ich mache nicht mehr eine Milliarde Jobs« | Josen Bach aka Die Quittung liefert mit seinem neuen Album »Extrawelt« eine musikalische Illustration unserer überfrachteten Gegenwart  Foto: Marius Mörtl


Das Haunted Haus Studio, in dem Josen Bach zum Interview lädt, macht seinem Namen alle Ehre. Es knarzt und knackt überall, auf dem Flur riecht es nach Kohlenstaub und Spinnweben. Hier hat Josen Bach, der eigentlich Johannes Döpping heißt, alle bisherigen Alben seines Projekts Die Quittung aufgenommen. So auch das neueste, das auf den Namen »Extrawelt« hört und am 5. Juni erscheint. Darauf kreiert der studierte Jazz-Schlagzeuger wieder ein buntes Potpourri an experimentellem Piano-Pop mit Kraut-Anleihen, Indie und assoziativer Stream-of-Consciousness-Lyrik.

Hinter Die Quittung steckt der Musiker Josen Bach, hinter dem wiederum Sie als Johannes Döpping stecken. Warum diese vielen Alter Egos?

Josen war ein Spitzname, der mir gegeben wurde. Dann habe ich gedacht: Wenn man schon in Leipzig ist, macht man es noch dämlicher und nennt sich Josen Bach. Das hat sich dann verselbstständigt. Du schlüpfst damit ja auch in eine Rolle, die entkoppelt ist vom Privaten. Da kann man sich zurückziehen, wenn man merkt: Ich habe keinen Bock mehr auf diesen Josen-Scheiß, ich muss mal weg davon.


Beim letzten Gespräch mit dem kreuzer sagten Sie, Die Quittung sei Ihr 16. Musikprojekt. Wie viel machen Sie gerade noch nebenbei?

Nicht so superviel. Es ist alles eher auf Berlin und Leipzig fokussiert. Ich denke, das ist vor allem durch Familie und meine Kinder passiert. Da konnte ich einfach nicht mehr so viel unterwegs sein. Ich spiele noch bei Modus Pitch. Ich mache Auftragssachen, Theaterzeug oder Filmkram. Aber es ist nicht mehr so ein krasser Chaosmodus wie beim zweiten Album, ich mache nicht mehr eine Milliarde Jobs.


Im Pressetext zu »Extrawelt« heißt es, das Album thematisiere das Spannungsfeld zwischen Selbstverwirklichung und permanenter Überforderung. Wo stehen Sie da selbst?

Ich weiß nicht, wo ich mich da sehe, aber ich bin schon im Prozess mit drin. Ich glaube, ziemlich viele Leute sind gerade überfordert, weil es einfach so eine krasse Flut an Informationen und Eindrücken und Nachrichten und Stapelkrisen und politischen Ereignissen und Social Media und technischem Fortschritt gibt.


Diese Flut an Eindrücken spiegelt sich auch in Ihren Texten wider. Ist Schreiben für Sie ein Weg, mit dieser allgegenwärtigen Informationsflut umzugehen?

Bei kreativen Prozessen – ob bei musikalischen Arbeitsprozessen oder beim Textschreiben – ist es ja immer so, dass man Dinge verarbeitet, ohne dass das gleich eine therapeutische Wirkung haben soll. Diese Texte und Lieder sind ja ein Abbild von der Situation, in der ich mich befinde. Durchs Schreiben kann man da Klarheit reinbekommen. Bei den Texten, die ich für »Extrawelt« genommen habe, gibt es gewisse Themen, die immer wieder aufgetaucht sind und die nun als roter Faden durch das Album durchschimmern.


Eins von diesen Themen ist Internet und Social Media. Verbringen Sie viel Zeit im Netz?

Ich spamme das Internet auf jeden Fall voll, versuche aber auch einen gewissen Abstand zu bekommen. Ich glaube, das ist generell ein Thema, das bei vielen Leuten präsent ist, gerade im Kreativbereich. Ob das die Leute nun ankotzt oder ob die denken, sie sollten da irgendwelchen Rezepten folgen, um Reichweite zu kreieren oder die richtige Zielgruppe zu finden. Da gibt es ja die skurrilsten Gurus, die einem irgendwelche Vorschläge unterbreiten. Am Ende sind das aber auch alles alte menschliche Muster: Eitelkeiten, Narzissmus, Gier, alles Mögliche.


Sie sind selbst recht aktiv bei Instagram. Haben Sie Spaß daran?

Ich sehe das kritisch und ich hinterfrage das auch. Aber ich habe da schon Bock drauf. Und ich denke, wenn man schon in so einer Welt drin ist, dann muss man die auch erkunden. Dinge einfach nur scheiße zu finden, ohne Alternativen aufzuzeigen, finde ich nicht gut.


Was ist diese »Extrawelt«, nach der das Album benannt ist?

Es ist vor allem ein Step ins nächste Level, also ins Zusatzlevel. Ich finde einfache Titel gut, bei denen es noch ein bisschen Abstraktionspotenzial gibt. Und dann gibt es da auch die Songzeile: »Die Extrawelt gibt es gratis« – das fand ich auch lustig, als indirekte Konsumkritik, als Kommentar darauf, wie mit Kunst umgegangen wird. Man schmeißt ja alles raus, die ganze Zeit. Die Kunst ist nur noch Werbung, die Musik gibt es auch kostenlos. Das ist natürlich mega-ironisch gemeint.


Ihr zweites Album »Einfrieren« haben Sie beim Berliner Indie-Label Staatsakt veröffentlicht. »Extrawelt« bringen Sie auf eigene Faust raus. Warum?

Zum einen sind die Menschen bei Staatsakt sehr busy und gleichzeitig mindestens genauso verpeilt in ihrer Orga wie ich. Ich bin da mit meinen Songs einfach ein bisschen zu spät dran gewesen. Da musst du Jahre im Voraus planen. Ein weiterer Grund war, dass ich das ja schon gemacht habe. Wieso sollte ich das noch mal machen? Dann dachte ich: Ich probiere das einfach mal allein. Ich wollte das auch hier in Leipzig machen. Also die Platte nicht irgendwo in Estland oder Tschechien oder Polen pressen lassen, sondern hier bei Randmusik. Und hier Leute lokal fragen, ob die das Artwork machen, und eine Siebdruckagentur, ob die die Bögen bedruckt. Ich wollte einfach meinen eigenen Orbit basteln.


>> »Extrawelt«-Release-Konzert: 6.6., 20 Uhr, UT Connewitz


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