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Kultur

Bach im Dialog mit seinen Interpreten

Am Sonntagabend endete das Leipziger Bachfest 2026 – ein Rückblick

  Bach im Dialog mit seinen Interpreten | Am Sonntagabend endete das Leipziger Bachfest 2026 – ein Rückblick  Foto: András Schiff spielt die Clavierübung I/Bachfest, Gert Mothes


Überaus gelungen und sinnreich gestaltete sich unter dem Motto »Im Dialog« das diesjährige Bachfest vom 11. bis zum 21. Juni. Das internationale Interesse spiegelte sich in Rekordbesucherzahlen wider: Bei insgesamt 212 Veranstaltungen wurden 96.000 Tickets verkauft, 40 Prozent der Besucher kamen aus dem Ausland. Johann Sebastian Bach trat musikalisch in Dialog mit musikalischen Vorläufern wie Schütz, Schein oder Praetorius, die ihn in seinem historischen Umfeld zeigten. Dialog entstand auch in der Gegenüberstellung verschiedener Interpretationsansätze, in thematisch kuratierten Veranstaltungen sowie in vielen Gesprächsformaten, in denen Künstler und Vertreter der Bachforschung zu Wort kamen, was auf natürliche Weise zum Austausch innerhalb des Publikums führte. Die großen Highlights des Festivals waren die Hitparade der beliebtesten 50 Bachkantaten, ermittelt über eine Abstimmung von über 8.000 Bachfans aus aller Welt, sowie die Aufführung wesentlicher Teile von Bachs Klavierwerk, der »Clavierübung« und der »Kunst der Fuge«, durch den Pianisten András Schiff.


András Schiff und Bachs Musik

Ausgangspunkt für András Schiffs Bach-Interpretationen ist sein grundsätzliches Verständnis von Bachs Musik, welches er auch im öffentlichen Gespräch mit dem Intendanten des Bachfestes, Michael Maul, darlegte. Er empfinde diese Musik als »egolos«. Sie sei in ihrer Grundhaltung nicht auf Nachruhm ausgerichtet, sondern vielmehr aus einer Haltung der Demut, im Dienste Gottes, für Schüler und an Tagesaufgaben orientiert, entstanden.

In Konsequenz erlebt man Schiff als Bach-Interpreten mit einer Haltung, in der er sich selbst viel mehr als Medium für Bachs Musik denn als deren Mittelpunkt zu begreifen scheint. Für viele Hörerinnen und Hörer ist er damit zum maßgeblichen Bachinterpreten unserer Zeit am Klavier geworden.

Schiffs Interpretationen zeichnen sich auch in den Leipziger Konzerten im Gewandhaus durch ein Höchstmaß an Ausgewogenheit aus. Grundlage ist ein architektonisches Verständnis der Werke, woraus eine perfekte Synthese aus rhythmischer Beweglichkeit, klanglicher Transparenz und struktureller Klarheit folgt. Schiffs Spiel erlebte man dabei als gleichzeitig andächtig und lebendig. Jeder Satz einer Partita wird bei ihm zum Charakterstück, wie ein Füllhorn an Freude ergießt sich der erste Satz des Italienischen Konzerts in den Saal. Diese Charaktere scheinen einerseits aus der Musik selbst hervorzutreten. Gleichzeitig wirken Schiffs Deutungen emotional, agil und persönlich. Dies gilt für die Aufführung der sechs Partiten, des Italienischen Konzertes und der Goldberg-Variationen, deren hochartifizielle, makellose und transparente Gestaltung durch den 72-Jährigen einfach nur staunen lässt.

Klangfarbe sei für ihn bei der Auseinandersetzung mit Musik ebenso wie Assoziativität essenziell, erzählte er im Gespräch mit Michael Maul. Entsprechend spielt Schiff die Teile I, II und IV der »Clavierübung« auf zwei verschiedenen Instrumenten, wobei sein farbenreich und glanzvoll klingender Bösendorfer den Kompositionen in Dur und ein Steinway mit dunklerem Timbre den Stücken in Moll vorbehalten waren.


Die »Kunst der Fuge« als Grenzerfahrung

Bis zu seinem 70. Lebensjahr habe Schiff damit gewartet, die »Kunst der Fuge« nach jahrzehntelangem Studium öffentlich aufzuführen. Der Pianist entscheidet sich bei seinem dritten Leipziger Recital mit diesem hochkomplexen Werk, in dem Bach das Thema Fuge als Höhepunkt kontrapunktischer Kompositionskunst allumfassend auslotet, tatsächlich für größtmögliche objektivierende Zurückhaltung. Er lässt die 14 Contrapuncti weitgehend für sich selbst sprechen. Mit diesem musikalischen Tatsachenbericht macht er es seinem Publikum nicht gerade leicht. Als am Ende des 14. Contrapunctus die Musik jäh abreißt, gelingt es Schiff kraft seiner künstlerischen Autorität, das Publikum im Saal in langer, andächtiger Stille zu bannen – heute eine Seltenheit.

Jeder Bachkenner assoziiert mit diesem Moment den Tod des Komponisten. Überliefert ist die Aussage seines Sohnes Carl Philipp Emanuel Bach, wonach der Vater über der Komposition an dieser Stelle verstorben sei. Schiff hingegen hat seine eigene Lesart und hält einen bewussten Abbruch des Werks für möglich: Hätte Bach die Schlussfuge mit ihren vier Themen, darunter das musikalisch verschlüsselte Motiv seines eigenen Namens, vollendet, wäre ein Werk von nahezu übermenschlicher, um nicht zu sagen göttlicher Vollkommenheit entstanden. Wäre das nicht anmaßend gewesen?


Mahan Esfahani: Virtuosität und Inszenierung am Cembalo

Die Haltung eines Interpreten wird besonders im Vergleich oder auch im Dialog mit anderen künstlerischen Ansätzen deutlich. Artist in Residence des Bachfestes, der Cembalist Mahan Esfahani, Jahrgang 1984, spielt drei Partiten aus dem ersten Teil der »Clavierübung« einen Abend nach András Schiff im schwülen Klima des prachtvollen neobarocken Ambientes der Salles de Pologne.

Der US-amerikanische-iranische Cembalist bringt sein Publikum mit Virtuosität und Showeffekten zum Schmunzeln. Müde wurde im Publikum zu später Stunde niemand. Anders als beim Klavier kann man beim Cembalo die Lautstärke des Tons bekanntermaßen nicht durch die Intensität des Anschlags beeinflussen. Dennoch spielt Esfahani mit starkem Körpereinsatz, der zugegebenermaßen recht suggestiv wirkt. Präzise getimed wechselt er rhythmisch effektvoll die Register und damit die Klangfarben des schönen Instruments, gebaut vom Leipziger Cembalobaumeister Martin Schwabe. In langsamen Sätzen musiziert er so frei, dass tatsächlich der Eindruck entsteht, man lausche hier Improvisationen. Virtuos, einfallsreich und vielleicht mit etwas zu viel Ego im Spiel, das sich über den rein musikalischen Eindruck legt.


Kantaten-Hitparade als Herzstück des Festivals

Inhaltlicher Zentralton des Bachfestes war die Hitparade der beliebtesten 50 Bachkantaten. Bis zum Ende blieb es spannend, das Abstimmungsergebnis wurde tatsächlich nur Schritt für Schritt gelüftet. Beteiligt waren sechs führende Bachensembles, darunter das Amsterdam Baroque Orchestra and Choir unter Ton Koopman, das Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Philippe Herreweghe sowie die Gaechinger Kantorey unter der Leitung von Christoph Rademann.

Die Generation der Pioniere historisch informierter Aufführungspraxis hat über Jahrzehnte neue Klangideale etabliert und das allgemeine Bewusstsein für quellenbasierte Interpretationen auf historischen Instrumenten geschärft. Zugleich zeigt sich beim Bachfest, wie stark konkrete Interpretationen und Klangvorstellungen innerhalb der Alte-Musik-Szene von einzelnen Persönlichkeiten geprägt sind. Bachs Partituren enthalten nur wenige konkrete Spielanweisungen oder dynamische Bezeichnungen. Grunddynamik entsteht vielfach aus der Besetzung selbst. Hier erwächst interpretatorischer Spielraum. Umso überzeugender erscheint das Konzept des Bachfestes, unterschiedliche Ensembles mit ihren individuellen Ansätzen einzuladen.


Ideales musikalisches Finale mit John Eliot Gardiner

Das Abschlusskonzert der Hitparade war John Eliot Gardiner mit dem Constellation Choir and Orchestra vorbehalten. Alle vier Kantaten thematisierten existenzielle Fragen wie die menschliche Vergänglichkeit und im weitesten Sinne die Bedeutung des christlichen Glaubens für das Individuum.


Bereits am Dienstagabend war Gardiner als Dirigent aufgetreten. Nach dem Ende des Bachfests wurde bekannt, dass er beim Schlussapplaus zu diesem Konzert eine Mitarbeiterin des Bachfests bedrängt haben soll. Das berichtete der MDR am Sonntagabend und beruft sich auf die Betroffene sowie die Festivalleitung. Laut dem Bericht stellte die Mitarbeiterin Strafanzeige gegen Gardiner, der sich bisher noch nicht zu dem Vorfall geäußert hat.


Auf fraglos hohem Niveau hatte man dieser Tage bisher im Verhältnis monochromere, meditativere, vor allem aber im Allgemeineren verbleibende Interpretationen von Kantaten gehört. Das letzte Konzert unter der Leitung von John Eliot Gardiner jedoch ist getragen von konkretester Klangvorstellung und ausgewogenstem Ensemblespiel. Chor, Orchester und Solisten sind hier Bestandteile eines Gesamtorganismus, dem sie ebenbürtig angehören, in dem sie sich gegenseitig durchdringen und vernetzen.

Die Akustik der Leipziger Nikolaikirche trägt dazu bei, dass die gesamte Aufführung in strahlender Durchsichtigkeit und extremen dynamischen Nuancen leuchtet. Bereits die eröffnende Kantate »Wachet auf, ruft uns die Stimme« BWV 140 beginnt mit angehobenen, federnd punktierten Streicher- und Oboenklängen, über denen der Cantus firmus im Sopran schwerelos zu schweben scheint. Immer wieder verleiht die Sopranistin Marie Luise Werneburg der suchenden menschlichen »Seele« an diesem Abend ihre golden weit ausklingende, klare, transzendierende Stimme. Das Klangbild des Constellation Choir and Orchestra reicht in ständiger dynamischer Bewegung vom gesungenen Flüsterton bis zu einem Volumen, dessen Intensität bei dem sehr klein besetzten Chor erstaunlich ist. Auf Basis der textlichen Grundlage entsteht eine musikalische Dringlichkeit, der man sich nicht entziehen kann.

Den ersten Platz der Kantaten-Hitparade belegt »Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit« (Actus Tragicus) BWV 106. Die für eine Trauerfeier entstandene Kantate thematisiert Sterben und Erlösungsgedanken. Mit ihrer dunklen Besetzung aus zwei Blockflöten, zwei Gamben und Continuo entfaltet sie an diesem Abend eine unvergleichlich intime und meditative Atmosphäre. Kein triumphaler, sondern ein stiller und tief berührender Abschluss des Kantatenmarathons.

Nach lang anhaltendem Applaus lädt John Eliot Gardiner das Publikum zum Mitsingen ein, und es erklingt noch einmal der festliche Schlusschoral »Gloria sei dir gesungen« aus der Kantate »Wachet auf, ruft uns die Stimme«.

Ein unvergleichliches Konzertereignis, in dem sich Musik und geistlich-emotionaler Gehalt in einem hochartifiziellen Verhältnis von Partitur und Ausdeutung auf unvergessliche Weise miteinander verbanden.

Das nächste Bachfest findet vom 10. bis 20. Juni 2027 unter dem Motto »PASSION« statt.


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